Das Pichtermännchen und der Gelehrte

Das Pichtermännchen und der Gelehrte

WITTLICH/HUPPERATH/MINDERLITTGEN. Das Pichtermännchen – niemand hat es gesehen. Aber alle kennen es. Seit langer Zeit ist es der gute Geist vom Pichterberg. Der TV lässt die Wittlicher vom Pichtermännchen erzählen.

Fred Eller hat in seiner Jugendzeit während und nach dem Zweiten Weltkrieg viele Geschichten vom Pichtermännchen gehört. Beim Weingut Zender wurde er zum Küfer ausgebildet. Er kennt den Wein vom Pichterberg bestens, weil er so manches Jahr beim Keltern dabei war. Seine Frau Gisela kommt aus Minderlittgen, von der Höhe des Pichterberges. Oft haben die beiden Besuch von Kurt Kunsmann, der viele Jahre als Müller in der Abachsmühle unweit vom Pichterberg auf der gegenüberliegenden Lieserseite gewirkt hat. Die drei erzählen die Geschichte vom Pichtermännchen und dem Gelehrten: In der Stadt lebte ein Gelehrter, der abends gerne im Gasthaus an der Lieser den Erzählungen der Gäste lauschte, natürlich bei bestem Wittlicher Wein vom Pichterberg. "Es gibt kein Pichtermännchen"

Eines Abends um Mitternacht holte der Wirt eine besonders köstliche Flasche des Pichterweins herauf. Einer der Gäste meinte, dass beim Wachstum dieses köstlichen Weines das Pichtermännchen seine Hand im Spiel gehabt haben müsse. Die anderen Zechbrüder bestritten dies lebhaft. Das Pichtermännchen kümmere sich nicht um den Wein des Pichterberges. Alsbald erhob sich ein Streit, ob das Pichtermännchen seine Macht auf die Weinberge ausdehnen könne. Schließlich wurde der Gelehrte um Rat gefragt. Dieser meinte kurz und bündig: "Es gibt überhaupt kein Pichtermännchen!" Bumm - das saß. Noch nie hatte jemand die Existenz des Pichtermännchens geleugnet. Nach langem Schweigen forderte ein Bürger den Gelehrten auf: "Geht in den Wald. Es ist Vollmond. Dann wird sich das Pichtermännchen zeigen." Den Gelehrten riss die Weinlaune mit sich fort, und er machte sich umgehend auf den Weg. Sollte ihm das Pichtermännchen tatsächlich erscheinen, wolle er es fangen, in Spiritus setzen und dem Stammtisch zum dauernden Andenken verehren. Die ganze Schar ging mit über die Lieserbrücke in den Pichterberg. Als aber ein Gewitter in weiter Ferne grollte, da wurden die Stammtischbrüder allmählich kleinlaut. Einer nach dem anderen schlich sich nach dem Städtchen zurück. Auf halber Höhe des Pichterberges, direkt am Wald, sah sich der Gelehrte alleine gelassen. Angst beschlich ihn, als er in den Wald eindrang. Als aber schließlich nichts Außergewöhnliches geschah, vor allem sich kein Pichtermännchen zeigte, rief er lauthals: "Pichtermännchen, es ist dein Glück, dass ich dich nicht gesehen haben. Ich hätte dich wahrhaftig in Spiritus gesetzt!" Kaum hatte er dies gerufen, wurde es stockdunkel. Es erhob sich ein starker Wind. Um den Kopf des Gelehrten erschienen Flügel von schlagenden Vögeln, und er glaubte, glühende Augen dicht vor seinem Gesicht zu erkennen. Dann hörte er unheimliche Laute: "Spiri - spiri - titi - tutu - haha - hihi - huhu". Dem Gelehrten lief es heiß und kalt über den Rücken, Panik ergriff ihn. Ein greller Blitz fuhr durch den Wald, und ein gewaltiger Donnerschlag hinterher. Und dann wieder das unheimliche Gelächter: "Spiri - spiri - titi - tutu - haha - hihi - huhu". Der Gelehrte rannte immer weiter ins Dickicht hinein, stolperte, taumelte und stürzte schließlich einen steilen Abhang hinunter. Immer tiefer glitt er, bis er in eine schlammige Masse geriet, wo seine Fahrt ein Ende hatte. Wie er aber krabbelte und wühlte, sank immer tiefer in den Sumpf hinein. Als nur noch sein Kopf aus dem Sumpf hinausschaute, sah er auf am Sumpfrand das Pichtermännchen sitzen. "Du sitzt jetzt in meinem Spiritus. Ich könnte dich für immer darin sitzen lassen. Jedoch - wenn du mir versprichst, den Leuten wahrheitsgemäß zu erzählen, was du hier erlebt hast, will ich dich freigeben!" "Das will ich tun", versicherte der Gelehrte in tiefster Angst. "Und ich werde dafür sorgen, dass kein Mensch je über dich spotten darf." Kaum hatte der Gelehrte dies gesagt, fühlte er festen Boden unter den Füßen. Unbehelligt eilte er nach Hause. Am anderen Abend im Gasthaus bestellte er einen Becher Pichterwein, räusperte sich und erzählte dann seine Erlebnisse im Pichterwald. Alle hörten gespannt zu, und als er fertig war, schien der Ruhm des Pichtermännchens und der des Gelehrten kein Ende zu nehmen.

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