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Das schwere Erbe neu entdecken - Mit dem Audioführer durch die Westwallruinen

Das schwere Erbe neu entdecken - Mit dem Audioführer durch die Westwallruinen

Ein Audioführer erleichtert jetzt die Erkundung der Westwallruinen auf der Schneifel. Geschichte und Naturschutz werden gleichberechtigt behandelt. Mit Hilfe eines Hörspiels werden auch Gefühle angesprochen.

Buchet/Prüm/Mainz "Wir waren lange vorsichtig im Umgang mit den Ruinen, auch in der Angst, die falschen Leute anzulocken", sagt Aloysius Söhngen, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Prüm. Die Ruinen des Westwalls seien nach wie vor ein schweres Erbe, sagt Umweltministerin Ulrike Höfken: "Die Westwall-Anlagen sind wichtige Mahnmale, die an schlimme Zeiten erinnern, aber sie sind mittlerweile eben auch wichtige Biotope."
Um Besuchern beide Facetten gleichwertig vorzustellen, hat der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) jetzt einen kostenlosen Audioguide zum Westwall in der Schneifel vorgestellt.
Die Umsetzung ist dabei denkbar einfach geraten: Auf dem Parkplatz am Schwarzen Mann geht es los. Besucher finden dort am Startpunkt des Westwall-Wanderwegs eine Schautafel, sie gibt eine kurze Einführung. Doch ab jetzt muss nicht mehr nur gelesen werden, denn das Schild bietet auch den Zugang zum akustischen Führer - einen sogenannten QR-Code. Dieses daumennagelgroße, schwarze Kästchen kann per Telefon "eingescannt" werden. Kaum ist die Kamera darauf gerichtet, öffnet sich eine Internetseite und die akustische Reise entlang der Ruinen kann beginnen.
"Meine Vorgängerin Eva-Maria Altena hat das Konzept erstellt, ich stieg später bei der Umsetzung ein", sagt BUND-Projektleiterin Tatjana Schneckenburger. Etwa sieben Kilometer sei der Westwall-Wanderweg in der Schneifel lang. Dreizehn Stationen wurden in Kooperation mit dem Naturpark Nord eifel entlang der Strecke eingerichtet. "Zehn davon liegen wiederum direkt an Bunkerruinen", sagt Schneckenburger. Um sich leicht zurechtzufinden, wurden an jeder Station Schilder mit weiteren Codes installiert. "Anne Stollenwerk, Ulrich Klinkhammer und Ludwig Palzer vom Naturpark halfen dabei. Liest man die Codes nun ein, startet jeweils eine neue Audiodatei, passend zum aktuellen Standort."
Der Aufbau der Hörstationen ist stets gleich: Projektentwicklerin Altena wirft zunächst einen Blick auf die natürlichen Besonderheiten der Station, der niederländische Westwallspezialist Patrice Wijnands erörtert geschichtliche Aspekte, bevor schließlich ein weiterer Hörspielteil beginnt. Erzählt wird die Geschichte eines Urgroßvaters, der seiner Enkelin und seiner Urenkelin von den Erfahrungen beim Bau des Westwalls berichtet. "Dieser Zeitzeugenbericht macht die Geschichte des Westwalls emotional erlebbar", sagt Sabine Yacoub, Geschäftsführerin des BUND Rheinland-Pfalz. Die Idee dazu habe schon eine Weile im Raum gestanden: "Hörbücher und Hörspiele sind heute ein beliebtes Medium, ausführliche Tafeln wiederum werden kaum noch von jedem gelesen."
"Natürlich bereitete uns das Mobilfunknetz ein bisschen Sorgen - es ist bei uns ja nicht unbedingt überall sehr stark. Wir haben aber mit dem Betreiber des Blockhauses Schwarzer Mann gesprochen. Die Gaststätte stellt Besuchern, die auf Nummer sicher gehen wollen, ihr WLAN-Netz zur Verfügung", sagt Schneckenburger. Man könne also entweder daheim oder später im Blockhaus die Audiodateien herunterladen, um sich beim Wandern wiederum keine weiteren Gedanken über fehlende Internetverbindungen machen zu müssen.
Anne Stollenwerk begrüßt die Zusammenarbeit und den Einsatz des BUNDs: "Der Westwall ist in unserer Landschaft sehr präsent. Man kommt nicht an seinen Relikten vorbei. Ihn in dieser Form nun aufzugreifen ist sicher der richtige Weg im Umgang mit der Geschichte, aber auch mit der neuen Bedeutung der Ruinen für den Naturschutz." Und die dürfe keinesfalls unterschätzt werden, sagt Schneckenburger. "Es entwickelten sich wichtige Lebensräume, nicht nur für Pflanzen. Auch Wildkatzen und Fledermäuse schätzen die Ruinen", betont sie.
Der "Audioguide am Westwallweg" kann entweder entlang der Wanderstrecke per Mobilfunknetz und QR-Codes geladen werden oder steht im Internet zum Speichern bereit unter: www. gwiw.bund-rlp.de/audioguideExtra: VOM PROPAGANDABOLLWERK ZUM BIOTOPVERBUND


(aff/fpl) Zwischen 1938 und 1940 ließ das nationalsozialistische Regime 18 000 Bunker, Stollen, Gräben und Panzerbrecher auf 680 Kilometern entlang der westlichen Reichsgrenze errichten. Offiziell ließ man die Anlagen bauen, um sich vor einem Einmarsch der Kriegsgegner aus Richtung Westen zu schützen. Historiker betonen heute allerdings die hohe propagandistische Bedeutung. Gleich nach Kriegsende wurde vielerorts versucht, die Bollwerke zu sprengen und zurückzubauen - mit nur mäßigem Erfolg. Zwar wurden die meisten Bunker dabei zerstört, die schiere Masse an Beton war aber häufig kaum abtransportierbar. Mit den Jahrzehnten siedelten sich in den Ruinen Tiere an, Pflanzen überwucherten die Anlagen. So konnten sich über sieben Jahrzehnte einzigartige Biotope entwickeln. Die meisten sind heute naturrechtlich geschützt. Sie sollen langfristig zu einem zusammenhängenden grünen Band verbunden werden.