"Das Thema treibt mich um" - Landrat schreibt Brandbrief zu Bistumsreform

"Das Thema treibt mich um" - Landrat schreibt Brandbrief zu Bistumsreform

Der Landrat des Eifelkreises und die Bistumsreform: Joachim Streit ist nicht mit den Plänen einverstanden - und hat deshalb einen alarmierenden Brief an Bischof Stephan Ackermann verfasst. Mit dessen Antwort dauert es noch ein bisschen.

Joachim Streit, frisch wiedergewählter Landrat des Eifelkreises Bitburg-Prüm, hat sich beim TV gemeldet: Anlass seines Anrufs war der Bericht über die Kritiker an der Bistumsreform, die sich vorvergangene Woche in Prüm zusammengetan hatten (TV vom 28. September).

"Das Thema", sagt Streit, "treibt mich um." Nicht erst seit voriger Woche - aber er habe es vor dem 24. September nicht ansprechen wollen. "Damit die Leute nicht denken: Der macht das nur wegen der Wahl."

Die ist jetzt vorüber. Und der Landrat sagt unverblümt, was er von den Plänen hält, die 887 Kirchengemeinden auf 35 Großpfarreien runterzureformieren: Es drohe "die Implosion einer Kultur, die in eintausend Jahren in der Eifel gewachsen ist". Mehr als 8000 Menschen engagierten sich derzeit in Pfarrgemeinde- und Verwaltungsräten und für ihre Pfarrei. Die aber solle künftig ersetzt werden durch "pastorale Räume", die aber "nur noch mit einem Dreißigstel der heutigen Beteiligten geführt und verwaltet werden".

Mit dem Priestermangel als Begründung gebe die Kirche schlicht ihr Wirken auf dem Land auf - "und damit nicht nur die Missionsarbeit, sondern auch die Seelsorge, die Aufmerksamkeit für uns Bewohner des ländlichen Raumes". Zwar habe er "absolutes Verständnis dafür, die Pfarrer zu entlasten", sagt Streit.
"Aber man darf nicht Tausenden von engagierten Christen den Stuhl vor die Tür stellen. Die Kirche beraubt sich selbst der Basis vor Ort und nimmt den Gläubigen das Vertrauen. Gerade die Treuesten werden ausgelöscht. Dieser Implosion wird eine Explosion folgen, und die Kirche gebiert Wutbürger um den eigenen Kirchturm."

Nachdem bereits die Zwergschulen geschlossen, Postfilialen aufgegeben und Gaststätten dicht gemacht worden seien sowie die Tante-Emma-Läden verschwunden seien, "werden die Großpfarreien mit ihrem Vermögensübergang dazu führen, dass auch in der Kirche im Dorf der Schlüssel umgedreht wird. Denn es werden keine Feste mehr veranstaltet, um für die Renovierung des Gotteshauses zu sammeln. Die Gläubigen werden sich abwenden", fürchtet der Landrat.

Deutliche, alarmierende Worte - die Joachim Streit auch als Brief an Bischof Stephan Ackermann gesandt hat. Das Schreiben hat der Landrat dem Trierischen Volksfreund zur Verfügung gestellt.
Inklusive der Forderung, die er darin erhebt: Als Katholik wünsche er sich, "dass künftig mehr Frauen und Männer ohne Priesterweihe in die Seelsorge eingebunden werden. Wir müssen die Kirche im Dorf lassen, sonst stirbt das Dorf in seinem geistlichen, kulturellen und sozialen Herz."

Bei aller Kritik: Joachim Streit belässt es nicht dabei. Sondern öffnet dem Bischof ein Türchen: "Gerne biete ich Ihnen mich und mein Team vom Zukunfts-Check Dorf als Resonanzpartner der öffentlichen Seite bei der schwierigen Frage der Pfarrreform an", schreibt er abschließend. Denn der Zukunfts-Check sei "die größte Bürgerbewegung und -initiative im Eifelkreis und wahrscheinlich auch in Deutschlands Kreisen überhaupt, die es je gegeben hat".
Mehr als 170 der 235 Orte im Eifelkreis machen dort inzwischen mit. "Bürger gestalten den Wandel selbst, werden zu Beteiligten, nehmen Verantwortung wahr." Und das müsse auch das Ziel der Bistumsreform sein: dass sie "das Mitmachen vor Ort stärkt. Wir brauchen mehr Zutrauen in die Menschen der unteren Entscheidungsebenen", schreibt Joachim Streit.

Wie die Menschen in den oberen Entscheidungsebenen des Bistums - und vor allem der Adressat - auf den Brief des Landrats reagieren, ist noch nicht bekannt: Eine Stellungnahme des Bistums auf die TV-Anfrage steht noch aus.
Der Brief, bestätigt die Pressestelle, "ist zwar bei Bischof Ackermann eingegangen. Weil er aber diese und bis Mitte nächster Woche zu Konferenzen und Terminen im In- und Ausland unterwegs ist, konnte er sich noch nicht näher damit befassen."KommentarMeinung

Das Menetekel des Landrats
Mit dem Zukunfts-Check Dorf hat der Eifelkreis etwas sehr Schönes bewiesen: dass man trotz schwieriger Bedingungen die Menschen dazu bringen kann, sich reinzuhängen. Für ihr Dorf, ihren Lebensraum, ihre Gemeinschaft. Genau diese Erfahrung verleiht Joachim Streit auch die Autorität, dem Bischof gegenüber eine Warnung auszusprechen: dass dessen Kirche genau dieses Engagement verlieren könnte. Das macht der Landrat erfreulich deutlich. Für Trier ist das, neben dem Rumoren in den Pfarreien, ein weiteres Menetekel, das nicht ignoriert werden kann. f.linden@volksfreund.deExtra: KRITIK AM BISTUM


(aweb) Bereits im Juni hatte sich der Verwaltungsrat der katholischen Kirchengemeinde Meckel in einem Brief an den Bischof gewandt. Der stellvertretende Vorsitzende Helmut Dellwing hatte im Namen des Kirchengemeindeverbandes Irrel gegen die geplante Pfarreienreform protestiert. Er hatte den Verantwortlichen vorgeworfen, der Zusammenschluss der Pfarreien sei ein "Diebstahl an den Kirchengemeinden; eine stillschweigende Vermögensübertragung", die die Basis für das Miteinander im Dorf entziehe. Er und der Meckeler Bürgermeister Johannes Junk hatten sich darüber geärgert, dass immer nur über das Wie der Reform diskutiert wurde und nicht über das Ob. Auch eine Antwort des Bistums konnte ihre Zweifel an dessen Plänen nicht ausräumen.Extra: ZUSPRUCH FÜR DEN LANDRAT


Im Prümer Kirchengemeindeverband - von dort und aus weiteren Eifeler Pfarrgemeinden kam vorletzte Woche ebenfalls massive Kritik am Reformvorhaben des Bistums Trier - freut man sich sehr über die Unterstützung des Landrats: "Das ist schon stark", sagt Helmut Baltes vom Verbandsrat der Kirchengemeinde. "Das hilft uns. Die politisch Verantwortlichen gerade in unserem Landkreis tun zurzeit alles, um den ländlichen Raum zu stärken", ergänzt er - und bezieht sich dabei auch auf den Zukunfts-Check Dorf, der mit Unterstützung der Landesregierung "auf die Erhaltung und Stärkung der dörflichen Infrastruktur" abziele. "Die vom Bistum vorgesehene Auflösung der bisherigen Strukturen wirkt in genau die gegenteilige Richtung."

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