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Das tragische Schicksal von Lester Reuss

Historiker decken auf : Ermordet, begraben, vergessen - Neue Erkenntnisse über Fliegermord in der Eifel

Drei Eifeler haben Ende des Zweiten Weltkriegs einen Amerikaner getötet. Diesen Mord hat der TV mit einem Artikel ins Gedächtnis gerufen. Seitdem haben sich einige Experten mit weiteren Informationen gemeldet.

Goldene Adler blicken über das Gräberfeld. Von den Steinpfeilern aus haben die Tierstatuen einen Überblick über das 21 Hektar messende Gelände. Etliche weiße Marmorkreuze ragen aus dem Friedhof in Hamm, einem Vorort der luxemburgischen Hauptstadt. Seit 1949 ist der American Cemetery die Ruhestätte von 5076 Gefallenen. Es ist ein riesiges Areal. Und doch ist hier nur ein Bruchteil der mehr als 67 000 amerikanischen Soldaten beerdigt, die während der Ardennenoffensive starben.

Leutnant Lester Ernest Reuss ist nicht an der Front gefallen. Trotzdem ist er hier beerdigt. Auf dem achten Grab in Reihe sechs auf dem Feld A steht ein weißes Kreuz, das seinen Namen trägt. Auch seine Lebensdaten sind eingraviert: Geboren wurde Reuss am 23. Februar 1923 im US-Bundesstaat Montana. Gestorben ist der Pilot am 15. August 1944. Während des Zweiten Weltkriegs also. Doch es war keine Bombe, die ihn umbrachte, sondern der Schuss aus der Waffe eines Zivilisten.

Zu Tode kam der damals 21-Jährige im August 1944 im Eifeldorf Preist (VG Speicher). Drei Männer aus dem Dorf haben ihn ermordet und wurden dafür später selbst gehängt. Zwei haben den Piloten verprügelt. Dann schoss der Blockleiter der NSDAP dem Offizier in den Rücken. Der TV hat Ende April an den lange zurückliegenden Kriminalfall erinnert. Daraufhin meldeten sich im Mai einige Fachleute bei unserer Zeitung. In Briefen, E-Mails und Facebook-Kommentaren erhielten wir so einige neue Informationen über einen der ersten Fliegermorde (siehe Info) der deutschen Geschichte.

Dank Leser Horst Weber wissen wir heute auch, wie der ermordete Pilot Lester Ernest Reuss aussah. Foto: TV/Horst Weber

So konnte etwa Hans Hauprich aus Kasel aufklären, warum Reuss’ Maschine am 15. August 44 über Preist abstürzte. In anderen Dokumenten hieß es, die Maschine, genannt „Bad Penny“, habe einen technischen Defekt gehabt. Hauprich aber schreibt: „An jenem Augusttag fand der wohl heftigste Luftkampf des Krieges am Eifelhimmel statt.“

38 US-Bomber treffen über den Wolken auf 40 deutsche Sturmjäger. Wenig später sei „der Himmel über Speicher, Oberkail, Seinsfeld, Seffern bis nach Wittlich“, sagt Hauprich, „mit Fallschirmen sowie brennenden Flugzeugtrümmern übersät“ gewesen.

Auch der Navigator Reuss sei mit den restlichen acht Mann seiner B-17 abgesprungen und in einem Baum zwischen Speicher und Preist gelandet. Dort wurde er dann von Bürgern gefunden, die ihn töteten. Auch über das Motiv der Mörder weiß Hauprich mehr. Einige Tage zuvor, nämlich am 9. August 1944, sei Speicher bombardiert worden. 59 Menschen verloren dabei ihr Leben. Wollten die Preister also Rache? Möglich. Den Lynchmord an Reuss entschuldige dies jedoch nicht, sagt Hauprich.

Doch Reuss war offenbar nicht das einzige Opfer. Eifeler töteten nach dem Absturz wohl noch einen Kameraden des Offiziers. Das sagt jedenfalls der Journalist Ernst Mettlach aus Trier in einem Facebook-Post. Der Bordfunker Sergeant Pattsy Rocco sei aus derselben Maschine wie Reuss gesprungen.

Der New Yorker sei allerdings nicht in Preist, sondern in Idesheim (Bitburger Land) gefangen genommen worden. Von dort sei er in den Nachbarort Idenheim gebracht worden, von wo aus es nach Bitburg gehen sollte. „Während des Marsches“, schreibt Mettlach, „wurde er von einem Polizisten wegen eines Fluchtversuches erschossen.“

Rocco liege in Luxemburg-Hamm begraben, Feld B, Reihe 9, Grab 9. Der Polizist wurde zwar im August 1945 zu lebenslanger Haft verurteilt, kam aber zwei Jahre später nach einem Revisionsverfahren wieder frei.

Ebenfalls davongekommen ist der deutsche Offizier Wolfgang Engel. Der sei „ironischerweise“, schreibt der Kaseler Hauprich, vom Abwehrfeuer von Reuss getroffen worden und musste ebenfalls aus seiner Maschine abspringen.

Er landete nicht weit vom amerikanischen Navigator entfernt, nahe des Commeshofes in Speicher.Doch die Bürger erkannten Engel nicht. Sie verprügelten ihn, weil sie ihn für einen Amerikaner hielten. Erst als deutsche Soldaten eingriffen, konnte sich die Situation klären. Die Nazi-Propaganda, die es begrüßte, „Luft-Hunnen“ zu lynchen, hatte sich an diesem Tag gegen das eigene Volk gerichtet.