Das unausgesprochene Geständnis

Das unausgesprochene Geständnis

Bis zuletzt bestreitet der Angeklagte den Missbrauch an seinen Kindern. Dabei hatte er sich vor einiger Zeit offenbar selbst verraten.

Trier/Bitburg Nur ein einziges Mal schaut der Angeklagte seinen jüngsten Sohn an. Über den Zeugenstand im Landgericht Trier fragt er: "Wer hatte denn die Idee mit dem Kinderporno? Das war doch deine Frau oder?"
Klack - dem 27-jährigen Nebenkläger fällt die Flasche aus der Hand, die er zwischen den Fingern gedreht hat. Er reckt den Kopf, drückt sich mit den Beinen vom Boden ab. "Nein!", flüstert ihm seine Anwältin zu, hebt eine Hand, als befürchte sie, dass er auf seinen Vater losgeht. Dann lässt der junge Mann sich doch wieder ins blaue Polster fallen - schwerer Atem, Schweiß auf der Stirn. Sein Blick bohrt sich in den Kopf des Mannes, den er während des Prozesses mal "Erzeuger", mal "Angeklagter" nennt.
In diesem Moment, als sein Vater ihm unterstellt, er hätte sich die ganze Sache mit dem Missbrauch bloß ausgedacht, flackert er auf, "der pure Hass", von dem der Verteidiger des Beschuldigten spricht. Und der hätte den heute 27-Jährigen bewogen, eine Intrige gegen seinen Vater zu spinnen.

Die Verteidigung: Das Verhältnis der beiden sei immer schlecht gewesen. Der jüngste Sohn, womöglich ein Kuckuckskind des Nachbarn, wurde vom Vater nach eigenen Angaben "massiv geschlagen". Die Anzeige gegen den 67-Jährigen ist laut Verteidigung ein Racheakt, ein Komplott, an dem sich alle Geschwister beteiligt haben. Die Geschichten vom Missbrauch - reine Erfindung.
Nach rund 27 Jahren könne man ohnehin nicht mehr sagen, ob das alles stimme. Hat der Mann sich wirklich in 85 Fällen an seinen drei heute erwachsenen Kindern vergangen? Was dagegen spreche, sei vor allem die Aussage des zweitältesten Sohnes.
Der konnte vor Gericht weder Details der Übergriffe schildern, sogenannte Realkennzeichen liefern, noch deren Anzahl genau beziffern. "Mal sind es zehn, mal 20", sagt der Verteidiger, "wir sind hier aber nicht auf einem türkischen Basar". Insgesamt hält er die Aussagen der Geschwister für unglaubwürdig. Warum haben sie denn so lange geschwiegen, warum ist keiner zur Polizei gegangen?
Der Angeklagte ergänzt das Plädoyer seines Anwalts: Seine Söhne hätten ja auch ihre Kinder zu ihm gebracht. "Der Kleine hat Opa zu mir gesagt." Übergriffe auf der Dienststelle wären "zu riskant" gewesen, das Bett seiner Tochter zu schmal, um sich dazuzulegen.

Das Urteil: Das alles überzeugt die Kammer nicht. "Wir haben keine Zweifel, dass die Kinder die Wahrheit sagen", stellt Richter Armin Hardt klar. "Solche Details denkt sich keiner aus." Die Lippen des Angeklagten formen ein lautloses "Was". Er dreht dem Richter ein Ohr zu, als wäre er schwerhörig.
Aber nicht nur die Aussagen der 18 Zeugen, die in den vergangenen sechs Prozesstagen vernommen wurden, hätten die Kammer von der Schuld des Eifelers überzeugt. Da wäre auch noch ein Geständnis des Angeklagten, ein Geständnis, das er vor Gericht nie ausgesprochen hat. Der Richter liest den Auszug einer Facebook-Unterhaltung vor, die der Vater mit einem seiner Söhne hatte. Da spricht der Angeklagte von einem "Makel, der bei ihm bleibt" und davon, "dass er bedaure, was er gemacht hat." Er bittet seinen Sohn, die Aussage zu verweigern: "Tu es nicht für mich, tu es für sie." Mit "sie" meint der 67-Jährige seine Freundin, der die Vorwürfe nun "den Lebensabend ruinierten". Auch wegen dieser Nachrichten spricht Hardt den Eifeler des Missbrauchs in 82 von 85 verhandelten Fällen schuldig. Er verurteilt ihn zu fünf Jahren Freiheitsstrafe, abzüglich drei Monaten, weil der 67-Jährige bereits in Untersuchungshaft saß.
Als der Vater, nun ein verurteilter Missbrauchstäter, den Richterspruch hört, schüttelt er den Kopf. Kaum merklich - so als hätte er eingesehen, dass all das Leugnen nun nichts mehr bringt. Eine letzte Chance hat er noch: die Revision. "Sie werden Revision einlegen - ich weiß es", bemerkt Hardt am Ende der Verhandlung.

Nach dem Prozess: Ganz anders nimmt der jüngste Sohn das Urteil auf. Außer ihm ist keiner der Geschwister am letzten Prozesstag erschienen. Der junge Mann springt förmlich vom Stuhl auf. Triumphierend wirft er den Kopf in den Nacken, schließt die Augen. Ob er die Strafe für angemessen hält? "Was sind schon fünf Jahre gegen das Leid der Kinder?", antwortet er mit einer Gegenfrage.
Er findet trotzdem: "Die Staatsanwaltschaft und der Richter haben gute Arbeit geleistet." Wenn es nach ihm ginge, sollten "Kinderschänder" dennoch viel härter bestraft werden. Der Angeklagte wollte sich nach dem Prozess nicht äußern.