Der Herr Präsident und seine lupenreine Demokratur

Der Herr Präsident und seine lupenreine Demokratur

Spannendes Thema, spannender Vortrag: Der Journalist Boris Reitschuster hat den rund 160 Zuhörern im Konvikt tiefe und teils beängstigende Einblicke in die russische Politik und in das Denken von Wladimir Putin geliefert.

Prüm. Wer dem Journalisten und ehemaligen Moskauer Focus-Korrespondenten Boris Reitschuster eine Zeit lang zuhört, erhält den Eindruck, dieser kenne sich im Kopf von Wladimir Putin besser aus als der russische Präsident selbst.
Reitschuster, am Freitagabend auf Einladung des Geschichtsvereins Prümer Land zu Gast in der Abteistadt, geht allerdings wirklich als Kenner durch: Bei einem Jugendaustausch verliebte er sich in das Land, ließ sich dort vor mehr als 20 Jahren zum Dolmetscher ausbilden, arbeitete für mehrere Zeitungen als Korrespondent, heiratete eine Russin und leitete schließlich das Moskauer Focus-Büro. Drohungen inklusive, die er sich aufgrund seiner kritischen Berichterstattung einhandelte.
Heute ist er freier Autor. Und liefert in Prüm einen bestürzenden Vortrag über Russland, dessen Politik und ihre Wurzeln in der Vergangenheit, gespickt mit Anekdoten und Verweisen bis weit zurück in die Geschichte. Und er lässt vor den gut 160 Zuhörern im Konvikt keinen Zweifel daran, auf welchem Weg sich die russische Föderation unter diesem Wladimir Wladimirowitsch Putin befindet: zurück in die Verhältnisse unter Josef Stalin - wenn auch mit feineren Mitteln. Oberste Maxime: Ruhe im Karton.
Putin nämlich, sagt Reitschuster, brauche keine Gulags mehr zu bauen. Da reiche es, wenn er mit dem Lager-Zaunpfahl winkem, und alles sei kusch. So verhalte es sich auch mit dem Mord an Putin-Kritiker Boris Nemzow vor zwei Wochen: Eine Anweisung dazu aus dem Kreml werde es dazu kaum gegeben haben, sagt er. "Ich glaube, es ist eine Atmosphäre geschaffen worden, wo er gar keinen Befehl mehr geben muss. Da reicht\'s, im richtigen Moment zu husten."
Reitschuster zeichnet nach, wie sich das Land seit den Zeiten der Perestroika verändert hat, durchaus mit Wehmut: Damals, erinnert er sich, "hat es kaum ein Land gegeben, das so offen war." Putin, in KGB-Diensten, habe zu jener Zeit in Dresden gesessen, "der einzige Ort ohne Westfernsehen." Dort habe dieser alles "wunderbar aufgeräumt" gefunden. "Aber dann kam Gorbatschow und machte alles kaputt."
Bald darauf sei Putin dann nach Moskau zurückbeordert und als Vertreter der alten Verhältnisse "erniedrigt und beleidigt" worden. Diese Erfahrung der Demütigung sei eine seiner wichtigsten Antriebsfedern, es der Welt zu zeigen.
So richtig kaputt aber habe erst Boris Jelzin das Land gemacht, indem er es den Neokapitalisten zum Fraß vorgeworfen und dann Putin als neuen Geheimdienstchef "aus dem Zylinder" gezaubert habe "wie ein Kaninchen."
Dieses Kaninchen aber habe sich immer mehr zum drahtigen Aufräumer entwickelt, der zudem in den Medien die haarsträubendsten Dinge über den Westen verbreiten lasse. Mit Wirkung: Der 43-Jährige erzählt von einer Fahrt im Bus mit einer älteren Dame. "Wo kommst du denn her, Söhnchen?", habe diese ihn gefragt. Auf die Antwort "Deutschland" sei ihr entfahren: "Um Gottes Willen, das ist ja alles schrecklich bei euch." Und es sei eine ganze Litanei der schlimmen West-Dinge gefolgt - vom Euro bis zum "Homosexualismus". Fazit: "Ich versteh schon, warum du nach Russland emigriert bist. Wir sind zwar bitterarm. Aber wir haben Stabilität."
Und diese wird durch Aggression nach außen - siehe Ukraine - noch verstärkt. Reitschuster spricht offen von einem Krieg. Wer die Vorgänge als "Krise" bezeichne, betreibe Schönfärberei.
Kurz: keine guten Aussichten. Was kann der Westen tun? "Wenn wir nicht stark sind, kommt bei ihm an, dass er uns schlagen kann." fpl