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Der lange Weg – und der richtige

STADTKYLL. Zu Fuß von Wembley bis nach Frankfurt: John Reeve ist am Dienstag in der Eifel eingetroffen. Der 53-jährige Brite wandert nicht zum Spaß, sondern für eine wirklich gute Sache. ARRAY(0x2661252b8)

Endlich die Füße hochlegen: "Dies ist die erste Nacht, die wir in Deutschland verbringen", sagt John Reeve am Dienstagabend im "Arthotel" Stadtkyll. Man sieht ihm an, dass er k.o. ist. Aber nicht zu müde für ein Gespräch - und das handelt vor allem von Johns Sohn Tim. Denn Tim Reeve hatte einen Traum: die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland. "Dort wollte er hin, um das englische Team zu unterstützen. Das war etwas, auf das er sich freuen konnte", berichtet sein Vater. "Und es hielt ihn am Leben, als er durch die Chemotherapie ging." Tim wird es nicht mehr nach Deutschland schaffen: Der 23-Jährige starb im Dezember an Leukämie. Aber sein Vater ist hier, knapp sechs Monate später: "Es war Tims Traum. Und den setze ich fort", sagt er. "Der einzige Weg, mit so etwas umzugehen, ist etwas Positives daraus zu machen. Wenn man das nicht tut... I don't know."Ohne Karte bis vors Stadion

Am 13. Mai ist John vor dem Wembley-Stadion in London losmarschiert. "Walk strong" - geh' mit Kraft - lautet das Motto. Fernsehen, Radio, Zeitungen, alle haben über seinen "Walk to the World Cup" berichtet. Kommenden Freitag will er in Frankfurt eintreffen, einen Tag vor dem England-Spiel gegen Paraguay. Dabei hat er nicht einmal eine Eintrittskarte. Aber darum geht es nicht. John hat Wichtigeres im Sinn: "Es gibt ein großes Problem in England und bestimmt auch hier in Deutschland", sagt der 53-Jährige. "Zwar gibt es deutliche Fortschritte bei der Behandlung von leukämiekranken Kindern. Aber bei Teenagern und jungen Erwachsenen überleben nur etwa 30 Prozent." Diese Altersgruppe nenne man in Großbritannien "the forgotten tribe" (der vergessene Stamm). "Wir wollen dazu beitragen, dass diese jungen Leute eben nicht vergessen werden. Und wir wollen Geld auftreiben. Damit es irgendwann bessere Möglichkeiten gibt, ihnen zu helfen." Dabei wird er von vielen Sponsoren und Spendern unterstützt: Bislang sind bereits rund 50 000 Euro zusammengekommen. Das Wohnmobil, in dem seine Familie ihn begleitet und moralische oder medizinische Hilfe leistet, ist ebenfalls gesponsert. Besatzung: Bruder Chris, Neffe Tom und Schwager Anthony Vardy. Am Mittwoch stößt Johns Ehefrau Sandra dazu, und Tims Bruder Dan wird in den kommenden Tagen das "Team England" komplettieren. "Die Menschen, die wir unterwegs treffen, sind sehr freundlich und hilfreich", sagt John. In Belgien zum Beispiel, da habe er ein Ehepaar kennen gelernt, das just an diesem Tag seinen 38. Hochzeitstag feierte. "Die haben uns zum Essen eingeladen. Das war sehr schön." Der englische Fußballverband hat John zudem mit signierten Trikots ausgestattet: Nationalteam, FC Chelsea, FC Liverpool, Arsenal London und West Ham United. Am Ende der Aktion sollen die Hemden für Johns Leukämie-Stiftung versteigert werden. Seit Dienstag also ist er im WM-Land. Und zeigt sich begeistert: "Die Eifel? Absolut spektakulär schön", ruft er. "Allerdings auch eine schwere Strecke." Immerhin: Die Straßen seien "erheblich besser als in Belgien - und auch besser als in England", ergänzt Bruder Chris. Und die WM? Was werden die Engländer da reißen? John gibt sich vorsichtig: "Da habe ich mehr Hoffnungen als Erwartungen", sagt er. "Die Gruppenspiele werden sie wohl ganz ordentlich überstehen. Aber Halbfinale? Das wird hart..." Garantiert nicht so hart wie der Marsch des John Reeve nach Frankfurt: 640 Kilometer hat er bei seiner Ankunft in Stadtkyll in den Knochen, weitere gut 200 vor sich - und viele Eindrücke im Herzen: "There were lots of tears along the way", sagt er. "But lots of happy moments as well." Es gab viele Tränen unterwegs. Aber auch viele glückliche Momente. Die nächsten Stationen: Adenau, der Nürburgring, Mayen, Koblenz. "Und ein Ort namens Katzenellenbogen!" Und am Freitag Frankfurt. Wie gesagt: Sie haben keine Tickets. "Aber ich werde bis zum Stadion gehen", sagt John. Vielleicht findet sich ja jemand beim DFB, der diesem Mann helfen kann. Er hätte es verdient. Walk strong, John! Mehr über John Reeves Marsch zur WM und Spendenmöglichkeiten unter www.walkingtotheworldcup.com.