1. Region
  2. Bitburg & Prüm

Der Polizist, den alle kennen

Menschen : Der Polizist, den alle kennen

Was macht eigentlich ein Bezirksbeamter? Otmar Lehnertz weiß es genau, denn er hat fast 16 Jahre lang diesen Job in Kyllburg gemacht. Sogar einen SEK-Einsatz hat er miterlebt.

5. Juli 2003: ein Haus der Kyllburg Hochstraße. Ein Mann aus Sierra Leone soll von der Polizei von dort in ein anderes Haus umgesiedelt werden. Er gilt als gewalttätig. Bezirksbeamter Otmar Lehnertz hat vorsorglich eine weitere Polizeistreife angefordert. Als er in das Haus kommt, bedroht ihn der Mann mit einem Messer. Dann geht alles blitzschnell: Es kommt Pfefferspray zum Einsatz, wodurch Lehnertz, weil der Raum sehr eng ist, Augenverletzungen erleidet. Der Mann springt aus dem Fenster und flüchtet.

Er bedroht und verletzt eine damals 82-jährige Kyllburgerin, um in die Wohnung zu gelangen, wo er sich verbarrikadiert. Die alte Dame rettet sich zur Nachbarin. Die Polizei bezieht Stellung vor dem Haus. Ein Sondereinsatzkommando (SEK) stürmt schließlich das Haus. Das Drama endet glimpflich. Niemand wird ernsthaft verletzt. Auch Lehnertz wird nur kurz ambulant versorgt. Die Pfefferspray-Attacke bleibt der gravierendste körperliche Angriff auf seine Person während seiner Amtszeit.

Das SEK ist später nie wieder in Kyllburg gewesen. Auch einen Krimi wie damals hat es seither nicht mehr gegeben. Was nicht heißt, dass Otmar Lehnertz, der sich selbst scherzhaft „Schandarm“ nennt, nichts zu tun hatte.

Gut, Mord und Totschlag kamen in der mehr 150 Quadratkilometer großen ehemaligen VG Kyllburg, die er etwa 16 Jahre lang als einziger ständiger Beamter vor Ort betreute, nicht vor. Dafür aber jede Menge anderer kleinerer und größerer Delikte. „Das reichte von kleinen Verkehrsunfällen über Drogenbesitz, Körperverletzungsdelikte, Diebstahl und vieles vieles mehr. Die Palette der Strafdelikte war breit gefächert“, sagt der 60-Jährige.

Einmal hätten zwei Männer aus dem Kyllburger Land durch Internetkriminalität sogar einen Schaden von hunderttausenden Euro angerichtet, erinnert sich Lehnertz, während er auf seinem alten Stuhl in dem schlichten, etwa acht Quadratmeter großen Büro im Verwaltungsgebäudes in Kyllburg sitzt, wo seit vielen Jahren Bezirksbeamte ihren Dienst tun.

Und zwar nun in zivil, denn vor einigen Wochen hat der gebürtige Spangdahlemer, der in Dudeldorf lebt, seine Uniform nach fast 43 Dienstjahren an den Nagel gehängt.

Dabei, meint Lehnertz, sprächen einige schon dann von einem „Ruheposten“, wenn der Bezirkspolizist noch im Dienst sei. Vielleicht, weil meist ältere, erfahrene Kollegen diesen Vor-Ort-Dienst machten. Von Ruhe können aber nicht die Rede sein, sagt er, denn vor Ort müsse man als Beamter immer ansprechbar sein.

Diese Angebot hätten tatsächlich viele der rund 8000 Bürger in der ehemaligen VG Kylllburg genutzt. Solche, die Hilfe brauchten, solche, die Hinweise zu möglichen Straftaten geben wollten, solche, die Lehnertz einbestellt hatte, weil er ihnen die Leviten lesen wollte. „Ja, das tut man als Bezirksbeamter auch“, erklärt er und schmunzelt. Zum Beispiel half er mal ein bisschen nach, wenn einer immer wieder dabei erwischt werde, dass er mit dem Auto durch die 30er-Zone raste. „Das hat dann auch meistens gewirkt“, sagt er und fügt augenzwinkernd hinzu: „wenn auch oft erst nach mehrmaligen Gesprächen“.

Überhaupt sei ein Bezirkspolizist jemand, der oft pädagogisch oder schlichtend tätig sei. „Deshalb werden dafür oft Kollegen gefragt, die mit Menschen umgehen können.“ Ein solcher Typ scheine er wohl auch zu sein, sonst hätte man ihn vor etwa 16 Jahren wohl nicht gefragt, ob er den Job machen möchte. Lange überlegt habe er nicht. „Der Vorteil ist, dass man aus dem Schichtdienst raus ist“, sagt er. Andererseits sei man viel alleine unterwegs. Seine „Zweitfamilie“, die Kollegen von der Dienststelle in Bitburg, habe er von da an seltener gesehen.

Dennoch sei der Kontakt zwischen den Bezirksbeamten und der PI stetig und wichtig. „Wir hier draußen sind ein wichtiges Bindeglied zur Unterstützung, vor allem für die Kollegen in Bitburg aber auch für alle Fremddienststellen“, sagt er. So fanden beispielsweise viele Zeugenbefragungen oder Verhöre in Kyllburg statt. Lediglich bei gewaltbereiten Personen habe er die Verhöre lieber in Bitburg geleitet, sagt der 60-Jährige.

Apropos Gewalt. Gibt es auch Gewalt gegen Bezirksbeamte? „Kaum“, meint Lehnertz. Allerdings ärgert es ihn, dass der Respekt vor der Polizei teilweise verloren gegangen sei. Dies äußere sich vor allem durch Beleidigungen. Meist habe er die Leute aber durch intensive Gespräche zur Raison rufen können.

Und noch etwas gefällt dem 60-Jährigen nicht. „Manche Leute meinen, die Polizei sei da, um banale banale Zwistigkeiten im Allgemeinen, aber insbesondere die unter Nachbarn, zu regeln. Sie versuchen erst gar nicht, miteinander zu reden“, sagt er. Da habe er oft nachhelfen müssen, was ihn Zeit koste, um wichtigere Dinge zu erledigen. Manchmal reiche aber seine Präsenz aus, dass sich Menschen regelkonform verhalten.

So habe ich manchmal die Leute vom Ordnungsdienst bei Vor-Ort-Überprüfungen, wenn es zum Beispiel um Hundehaltung ging, begleitet. Viele haben sich gleich kooperativer verhalten, weil ich einfach nur anwesend war.“

Otmar Lehnertz vor dem Gebäude der ehemaligen VG Kyllburg, wo er fast 16 Jahre lang arbeitete. Foto: TV/Ulrike Löhnertz

Überhaupt: Die Zusammenarbeit mit den Behörden den Ortsbürgermeistern habe fast immer reibungslos funktioniert. Dass das so weitergeht, wünscht er auch seinem Nachfolger Jörg Knauf. Ebenso, dass die Stelle des Bezirksbeamten in Kyllburg erhalten bleibt. „Man bekommt vor Ort einfach einen besseren Draht zu den Menschen“, findet Lehnertz.