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"Der Tod gehört zum Leben"

"Der Tod gehört zum Leben"

Eine Stadt streitet über die Schau der toten Körper: Mehr als 2000 Menschen haben bereits die Ausstellung auf dem Trierer Messepark besucht. Angewidert sind nur wenige. Doch auch die Begeisterung hält sich in Grenzen.

Trier. Rund 160 Kommentare gingen auf der Facebook-Seite des TV ein, Leser schickten Briefe, Kirchen kritisierten: Die Ausstellung "Echte Körper", die auf dem Gelände des Trierer Messeparks zu sehen ist, löst hitzige Diskussionen aus. Die Schau der toten Körper, Extremitäten und Organe spaltet Befürworter und Gegner - und sie ist vielleicht auch deswegen ein echter Publikumsrenner.
Mehr als 2000 Menschen, so Ausstellungsleiter Thomas Müller, haben sich bereits ein eigenes Bild verschafft. Die Aufregung um die toten Körper verstehen viele Besucher nicht.
Geschmack stößt an Grenzen


"Niemand wird gezwungen, sich das anzusehen", sagt Michaela Knöppel. Die Frau aus Osburg im Hochwald geht mit ihren Kindern durch die Ausstellung - und sieht darin kein Problem. "Die Fernsehnachrichten sind um 12 Uhr schon voll mit Sex und Drogen. Darüber regt sich kein Mensch auf. Der Tod gehört zum Leben, ist aber immer noch ein Tabuthema." So graust es Knöppel nicht, wenn sie vor den Glasvitrinen mit geöffneten Schädeldecken und leblosen Gesichtern steht. "Es ist gut zu wissen, dass in uns allen mehr steckt als etwas Haut und Knochen."
Tochter Jacqueline steht neben ihrer Mutter. Sie fröstelt. Aber nur, weil es in dem Zelt so bitter kalt ist, beteuert die Zwölfjährige. Sie reibt die Handflächen aneinander, um sich zu wärmen.
"Angst habe ich nicht", sagt das Mädchen. Aber eine kritische Meinung. Denn was Jacqueline Knöppel beschäftigt, sind die einige Monate alten Föten, die in Gläsern aufbereitet sind. "Ich verstehe nicht, warum eine Mutter das ausstellen lässt. Das ist doch traurig", sagt die Schülerin entsetzt.
Die Bilder stoßen bei vielen Besuchern an die Grenzen des Geschmacks. "Wahrscheinlich haben die Eltern Geld dafür bekommen", sagt Michaela Knöppel nicht ohne Stolz. "Für ein Mädchen von zwölf Jahren denkt Jacqueline ganz schön weit." Lehrreich finden beide hingegen die Krankheiten des menschlichen Körpers, die anhand der ausgestellten Organe erklärt werden. Etwa der Vergleich, wie viel Sauerstoff eine gesunde Lunge aufnimmt - oder wie wenig die eines Kettenrauchers. "Eklig ist das aber schon", meint Jacqueline Knöppel. Ihre Mutter vermisst außerdem eine würdigere Atmosphäre - wie bei der Ausstellung Körperwelten, die sie in Bonn gesehen hat: "Dort war es hell, freundlich. Hier ist es düster, kalt, die Körper sind nicht so schön aufgemacht. Der Tod hat so was Depressives. Das gefällt mir nicht."
Ebenso wenig wie der Preis. 15 Euro kostet die Ausstellung für Erwachsene, zehn Euro ermäßigt. "Wir sind mit sechs Kindern hierher gekommen", sagt Knöppel. "Das ist ganz schön teuer."
Die Ausstellung "Echte Körper" läuft noch bis Sonntag, 2. November, und ist täglich von 11 bis 18 Uhr geöffnet.
Extra

Michelle Mohr (20) aus Trier: "Bei der Ausstellung gibt es für mich nichts zu hinterfragen. Die Menschen, deren Körper ausgestellt sind, haben eine Einverständniserklärung unterschrieben. Nicht gut finde ich, dass tote Föten zu sehen sind - sie konnten ja nicht ihre Meinung äußern, ob sie das wollen." Tobias Schumacher (19) aus Trier: "Hier kann ich praktisch sehen, was wir in der Schule lernen. Die Ausstellung ist für Trier eine tolle Sache - auch wenn ich das Zelt unprofessionell finde. Da wird den Besuchern schon das Geld aus der Tasche gezogen." Jana Jerke (19) aus Ulmen: "Ich habe viel gelernt. Der Vergleich von einer gesunden Lunge zu einer Raucherlunge ist schockierend. Das sollten sich mehrere Menschen ansehen, um wirklich mal abgeschreckt zu werden." (flor)/TV-Fotos (3): Florian Schlecht