1. Region
  2. Bitburg & Prüm

Desinfektionsmittel statt Likör

Archiv April 2020 : Eifeler Apotheker produzieren selbst Desinfektionsmittel

Not macht erfinderisch. Auch Apotheker im Eifelkreis Bitburg-Prüm gehen dazu über, selbst Desinfektionsmittel herzustellen.

Noch 72 Stunden muss die Lösung ruhen, dann ist das Hände-Desinfektionsmittel von Susanne Weiland einsatzbereit. Die Apothekerin der Arzfelder „Apotheke im Islek“ hat sich die Zutaten dafür besorgt und nach einem Rezept der Weltgesundheitsorganisation (WHO) das fast überall ausverkaufte Mittel in ihrer Apotheke selbst hergestellt.

Möglich ist dies seit kurzem dank einer Ausnahmezulassung der zuständigen Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Doch nicht alle Inhaltsstoffe sind derzeit leicht zu bekommen. Besonders begehrt ist der Neutralalkohol mit einem Alkoholgehalt von 96 Prozent. Den braucht man normalerweise zur Herstellung von Likören oder Gin.

Susanne Weiland hat Glück gehabt und einen Lieferanten gefunden, der allerdings nicht im Artikel genannt werden möchte. Doch es gibt noch weitere regionale Lieferanten. Wie etwa die Firma von Hans Loch, Branntwein und Liköre aus Bekond (bei Schweich). Ihn erreichen momentan viele Anrufe von Apothekern. Der Branntweinhändler stellt selbst Likör her und benötigt dafür den versteuerten Alkohol, den er nun ausnahmsweise an Apotheken verkaufen darf. Normalerweise beliefert er damit Brennereien.

Michael Schulte Rentrop hat Apotheken in Waxweiler und Prüm. Er muss derzeit nicht selbst mischen, denn er hat wieder 150 Liter fertiges Desinfektionsmittel auf dem Markt ergattern können. Allerdings musste er dafür „astronomische“ Preise zahlen und viel rumtelefonieren. „Das ist ein bisschen wie in der Bananenrepublik“, sagt er. Der Apotheker rechnet damit, dass es demnächst leichter wird, an die benötigten Zutaten zu kommen, da es mittlerweile viele Firmen gebe, die ihre Produktion umgestellt haben.

So wie zum Beispiel Klosterfrau. Das Kölner Unternehmen stellt seit April seine Produktion auf Hände-Desinfektionsmittel um. Und auch die Hausbrennerei Schladerer aus Staufen stellt jetzt Desinfektionsmittel für Kliniken her. Auch heimische Unternehmen, wie die Bitburger Brauerei und Schloss Wachenheim, spenden Ethanol für Desinfektionsmittel (der TV berichtete). Die Regale der Apotheken sind im Augenblick jedenfalls gut mit dem Mittel bestückt. Und es wird vermutlich auch nicht so schnell ausverkauft sein, wie Klopapier. „Kein Mensch braucht jetzt zehn Flaschen davon. Zu Hause reicht es völlig aus, sich die Hände zu waschen“, sagt Susanne Weiland. Wer zu viel Desinfektionsmittel benutze, dem reiße die Haut auf und dann sei der natürliche Schutzmechanismus außer Kraft gesetzt, sagt sie.

Davor warnt auch Ulrich Keller von der Adler-Apotheke in Prüm. Der hat mittlerweile wieder von seinem Lieferanten den benötigten Alkohol für Desinfektionsmittel geliefert bekommen – allerdings musste auch er dafür einen hohen Preis bezahlen. Knapp geworden sind bei ihm gerade die Flaschen, um das Mittel abzufüllen. Er fülle aber auch in mitgebrachte Glasgefäße ab, jedoch sollten es keine Sprudelflaschen sein, sagt er. „Die Gefahr, dass man sich vertut, vor allem wenn kleine Kinder im Haus sind, ist da groß“, warnt er.

Der Hype um das Hände-Desinfektionsmittel sieht er mit gemischten Gefühlen. „Das ist ein bisschen wie Weihwasser. Manchmal wäre es besser, man hätte keins und wäscht sich gründlich die Hände“, sagt er. Denn auch er sieht die Gefahr, dass sich wunde Stellen an den Händen bilden. „Die Hautschutzbarriere hat eine größere Abwehrkraft als der schnell vorübergehende Effekt von Desinfektionsmitteln.“