Parteien: Die alte Tante hat Geburtstag

Parteien : Die alte Tante hat Geburtstag

Vor 100 Jahren wurde der Bitburger Ortsverein der SPD gegründet. Am 20. März feiern die Sozialdemokraten diesen Geburtstag im Haus der Jugend.

Auf die Frage, ob er in den inzwischen mehr als 50 Jahren auch mal darüber nachgedacht habe, aus der SPD auszutreten, muss Thomas Barkhausen nicht lange überlegen. „Natürlich gab es solche Momente“, sagt der 75-Jährige. „Ich erinnere mich zum Beispiel an den Asylkompromiss in den 1990er Jahren – da war ich überhaupt nicht mit einverstanden“, erzählt er. „Oder aber als es um die Beteiligung Deutschlands am Kosovo-Einsatz ging“, fügt er hinzu. Da habe er ernsthaft überlegt, das sozialdemokratische Kapitel zu beenden. Nur wo wäre er dann gelandet? „Die Linken waren für mich nie eine Alternative“, sagt Barkhausen. Und einen Eintritt bei den Grünen habe er sich auch nicht vorstellen können. „Also blieb mir nichts anderes übrig als Zähne zusammenbeißen.“

Angefangen hat der pensionierte Lehrer als Juso. Allerdings nicht in Bitburg, sondern in Koblenz, wo er auch seine Schulzeit verbrachte. Nach Bitburg kam Barkhausen dann 1980. 1989 wurde er das erste Mal in den Stadtrat gewählt, 2014 zum bislang letzten Mal.

Barkhausen gehört zu den ältesten Aktiven der Bitburger SPD, noch älter ist nur der Ortsverband selbst. Gegründet wurde er im März 1919, also vor genau 100 Jahren, in den Anfängen der ersten Demokratie. Die Weimarer Republik benötigt in diesen schweren Jahren Frauen und Männer, die sich für die Rechte der Bürger einsetzen. Und das auch in Bitburg.

Mit Franz Scheuern als Vorsitzenden versucht die Bitburger SPD in der vom katholischen Zentrum beherrschten Region Fuß zu fassen. Tatsächlich erreichen die Sozialdemokraten bei den ersten Kommunalwahlen drei Sitze in der Stadtverordnetenversammlung. In den 1920er-Jahren ist die SPD weniger erfolgreich, bleibt aber immer mit Minimalbesetzung im Rat vertreten. 1923 und 1929 wird Franz Scheuern zum Beigeordneten gewählt – der erste große Erfolg.

Auch als am 30. Januar 1933 die NSDAP an die Macht kommt und innerhalb weniger Wochen wesentliche Grundrechte außer Kraft gesetzt werden, kandidieren die Sozialdemokraten für den Stadtrat. Scheuern wird erneut gewählt, dann aber an der Ausübung seines Mandats gehindert. Die SPD, die im Reichstag als einzige Partei gegen das Ermächtigungsgesetz stimmt, wird   verboten. 1946 dann unter dem Vorsitz von Scheuern die Wiedergründung. Sechs Jahre später löst ihn Peter Marder als Vorsitzender des Ortsvereins und der Stadtratsfraktion ab. Bis Ende der 1960er Jahre ist Marder die prägende Persönlichkeit der Bitburger Sozialdemokraten. Ihm folgen Hans Lasch als Vorsitzender, Erwin Feierabend als Fraktionsvorsitzender und Werner Bohn als Beigeordneter. Herausragend in den 1980ern ist Heinrich Studentkowski, der nicht nur SPD-Kreisvorsitzender ist, sondern auch als Landtagsabgeordneter die Eifel acht Jahre in Mainz vertritt und später sogar zum Präsidenten des Regierungsbezirks Trier ernannt wird. Überregional vertreten ist neben ihm auch der damalige Ortsvereinsvorsitzende Barkhausen, während Hans Jacobs, als Erster Beigeordneter eine wichtige Position in der Stadt einnimmt.

Die 1980er Jahre sind für die Bitburger SPD zweifelsohne die erfolgreichsten. Ab 1979 sind die Sozialdemokraten mit acht Genossen im Stadtrat vertreten, ab 1989 sogar mit neun. Ende des Jahrzehnts stellt die Bitburger SPD mit Rainer Schuch und Heinz Franke zwei Ortsvorsteher und mit Horst Büttner sogar den Bürgermeister. Der Höhenflug hält an bis Mitte der 1990er Jahre. Danach geht es mit der sozialdemokratischen Präsenz im Bitburger Stadtrat abwärts. 2004 und 2009 schaffen es nur noch drei Genossen in das Gremium, 2014 sind es vier. In den schwierigsten Jahren wird die Führung des Ortsvereins dann in Frauenhände übergeben. Erst übernimmt Sigrid Steffen das Amt, ihr folgt Irene Weber.

Seit Anfang 2018 ist nun Heiko Jakobs der Vorsitzende des Stadtverbands. Jacobs, der auch Ortsvorsteher in Mötsch ist, kam 1996 zur SPD. Er sei vom damaligen Ortsvorsteher Franke angesprochen worden, ob er nicht Lust habe, sich im Ortsbeirat zu engagieren, erinnert sich der heute 45-Jährige. Viel Überzeugungskraft habe es nicht gekostet, sagt Jakobs. Seitdem habe sich einiges verändert. „Die Diskussionskultur ist viel offener geworden“, meint Jakobs. Zudem würden jetzt auch zunehmend die jungen Mitglieder dazu ermuntert, sich auf den Wahllisten möglichst weit vorne zu platzieren. Zum 100. Geburtstag verpasst sich die alte Tante SPD also eine Frischzellenkur.

Vor wenigen Tage haben die Bitburger Genossen, von denen es derzeit 60 gibt, ihre Liste aufgestellt. Ganz vorne auf der Liste steht Jakobs. Barkhausen ist auf Platz 19, also recht weit hinten. Er diene auf eigenen Wunsch nur als Füllkandidat auf der Liste, sagt er lachend und ergänzt: „Ich denke, dass die Zukunft der SPD nicht bei den Ü-75ern liegt.“

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