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Die bloße Brust als Zeichen der Menschlichkeit

Die bloße Brust als Zeichen der Menschlichkeit

Maria ist die Schutzpatronin von Kyllburg und der Kyllburger Stiftskirche. Hoch thront sie auf einer Säule über dem Ort, unzählige Male ist sie in der Kirche abgebildet: als Maria Königin mit Krone und Zepter, als trauernde Mutter Gottes mit dem toten Jesus auf dem Schoß oder im Chorfenster mit dem Neugeborenen. Eine ganz besondere und auch seltene Darstellung steht in der Turmkapelle: die stillende Madonna mit entblößter Brust.

Kyllburg. Sie ist eine stattliche Erscheinung, die stillende Madonna von Kyllburg. Keine Hochglanz-Maria mit Model-Maßen. Um 1600 hat ein unbekannter Künstler sie in Sandstein gemeißelt: üppig ihre Figur, prall die nackte Brust, wallendes rotes Haar fällt ihr über die Schultern.
Auf ihrem Schoß sitzt das nur mit einem Tuch notdürftig bekleidete Jesuskind. Während sie es nährt, stützt sie es mit einer Hand am Rücken. Ihre Augen richten sich auf das Kind. Nichts lenkt sie ab. "Jedes Mal, wenn ich hier hereinkomme, freue ich mich über so viel Menschlichkeit und Mütterlichkeit", beschreibt Ordensprälat Friedrich Kreutz die Szene.
Der gebürtige Malberger wuchs in Kyllburg auf und wohnt seit der Pensionierung wieder in seiner Heimat. Als Ruhestandsgeistlicher hält er regelmäßig Gottesdienste in der Stiftskirche. Doch auch wenn keine Messe ist, kommt er dorthin. "Viele Menschen tragen mir Bitten mit Gebetsanliegen an. Vor der stillenden Madonna bete ich dann ein Gesätz vom Rosenkranz."
Mit im Herzen trägt er dabei die vielen Familien, in denen Kinder nicht so oft mit ihren Vätern und Müttern zusammen sein können. "Kinder brauchen ihre Eltern", sagt Kreutz und weist auf die unterschiedliche Bekleidung der Figuren hin: Maria mit mehreren Lagen Stoff umhüllt, der Jesusknabe nur mit einem Tuch bedeckt. "Die Armseligkeit des Kindes zeigt zugleich seine Abhängigkeit von einer starken Mutter."
Obwohl Kyllburg über eine lange Wallfahrtstradition zum Marien-Gnadenbild am Hochaltar verfügt, hat sich keine Tradition zur stillenden Mutter Gottes entwickelt. Schwangere Frauen und solche, die sich Nachwuchs erhoffen, ziehen seit alters her eher zum Grab des seligen David von Himmerod in die nicht weit entfernte Zisterzienserabtei.
Dennoch ist die Maria lactans, wie Kunsthistoriker diese Darstellung nennen, in Kyllburg nicht vergessen. Prälat Kreutz berichtet, dass täglich zu ihren Füßen Kerzen angezündet werden. Und auch Blumen schmücken regelmäßig ihren Altar.
Extra

Das Bildmotiv der Maria lactans ist eine Weiterentwicklung aus der Antike. Bereits bei den Ägyptern gab es Darstellungen, wie die Göttin Isis den Horusknaben stillt. In der christlichen Ikonografie ist die stillende Madonna zugleich eine allegorische Darstellung der Caritas, der Nächstenliebe. Die Mutter nährt nicht nur ihr Kind, sondern auch die Kirche. Besonders im Mittelalter, als reiche Frauen ihre Kinder üblicherweise von fremden Ammen stillen ließen, war sie eine Mahnung, selbst für die Kinder zu sorgen. Die Maria lactans taucht auch in der Ikonografie des Jüngsten Gerichts auf: Die stillende Madonna soll den Weltenrichter Christus daran erinnern, wie er selbst gestillt wurde, und ihn so gnädig stimmen. wiw