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Die Geisterstadt hinter dem Zaun

Kostenpflichtiger Inhalt: Air Base verschärft Sicherheitsvorkehrungen wegen Corona : Die Geisterstadt hinter dem Zaun

Die Air-Base Spangdahlem hat die Sicherheitsvorkehrungen wegen neuer Corona-Fälle verschärft. Das Leben ist auf dem Flugplatz  noch stärker eingeschränkt als im Umland. Aber auch hier hilft man sich gegenseitig.

Ein einsamer Jogger dreht seine Runden, ein Wagen kriecht die „Avenue“ entlang. Sonst sind die Straßen menschenleer. Auf den Basketballfeldern wirft heute niemand Körbe, im Fitnesscenter werden keine Gewichte gestemmt. Die Fenster des „Chinese Dragon“ eröffnen den Blick auf leere Tische. Die Parkplätze vor dem „Exchange-Einkaufscenter“, sonst voller breiter amerikanischer Schlitten, sind an diesem Tag verwaist. Drinnen sind fast alle Läden geschlossen, Stände abgeräumt.

„Es ist ein trauriger Anblick“, sagt Erin Recanzone, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit auf der Air-Base Spangdahlem. Die Presseoffizierin kennt den Flugplatz von einer anderen Seite als viele Anwohner. Nicht nur als Rampe für die lärmenden F-16-Jets, sondern als lebendige Gemeinde, als „Community“, wie Recanzone sagt.

Doch derzeit steht die Stadt hinter dem Zaun still. Das Corona-Virus hat das öffentliche Leben lahmgelegt. „Eat, sleep, work, repeat“ — essen, schlafen, arbeiten, und von vorn — so sieht das Leben derzeit zwangsweise aus für die rund 7000 in der Eifel stationierten US-Amerikaner. Die Trainings gehen weiter – wenn auch unter neuen Bedingungen. Die Zerstreuung aber fällt wegen Covid-19 flach.

Nachdem zwei im Kreis Bernkastel-Wittlich wohnende Airmen positiv getestet wurden, hat das US-Verteidigungsministerium die Sicherheitsvorkehrungen auf dem Flugplatz verschärft. Inzwischen, sagt Recanzone, seien sie höher als im deutschen Umland. Wie viele Militärangehörige sich inzwischen mit dem Virus infiziert haben, darf aus taktischen Gründen nicht an die Öffentlichkeit. Es gebe aber weitere Fälle, sagt Recanzone, ohne eine Zahl zu nennen.

Die Gefahr ist erkannt: Alle Parks, Sportstätten und öffentlichen Plätze sind geschlossen sowie die meisten Restaurants. Nur zwei Sandwich-Läden und ein Hähnchen-Imbiss bieten Essen zum Mitnehmen an. Die restliche Gastronomie: dicht.

Für Supermarkt und Post gelten ebenfalls neue Regeln: Wer rein will, muss Mundschutz tragen. Polizeistreifen überwachen, dass Regeln nicht gebrochen werden. Die Zahl der Verstöße halte sich allerdings in Grenzen, sagt Recanzone: „Menschen sind soziale Wesen. Das Verhalten so drastisch umzustellen, fällt schwer. Dennoch halten sich die meisten an die Verbote.“

Zur Blutspende ins „Brick House“ kommt man dieser Tage noch. Dennoch hat Corona auch hier einiges verändert. Wer den Club betritt, wird am Eingang abgepasst. Eine Frau mit Mundschutz hält den Besuchern ein Fiebermessgerät ins Gesicht. Eine neue Sicherheitsvorkehrung in Pandemie-Zeiten.

Doch auch sonst stellt das Virus Stacy Sanning und ihr Team von der „Defense Health Agency“ vor Herausforderungen: Wegen Covid-19 erschienen nämlich weniger Spender. Nicht nur, weil Verdachtsfälle zuhause bleiben müssen. Sondern auch, weil alleinerziehende Eltern oder Einheiten, die derzeit besonders gefordert sind, keine Zeit fänden. Engpässe könnten allerdings die gesamte Mission gefährden, sagt Sanning: Denn Blutpakete gehörten zur Ausrüstung von Soldaten im Einsatz. Sie würden in den Lazaretten, etwa in Landstuhl, auch dringend gebraucht.

Für den „Blood Drive“ in Spangdahlem haben sich glücklicherweise genügend Freiwillige gefunden. Die Liegen im Brick House sind belegt. Und während die einen zur Ader gelassen werden, warten die nächsten Spender auf den Stühlen im Eingangsbereich — natürlich mit Abstand und Maske vorm Gesicht.

Alle 54 Termine wurden vergeben, auch weil man in diesen Zeiten die Werbetrommel besonders laut gerührt habe. „Es sind sogar Leute gekommen, die vorher nie Blut gespendet haben“, sagt Sanning. Möglich, dass künftig weitere dazukommen. Denn die Defense Health Agency habe angekündigt, die Regeln für die Zulassung zur Blutspende angesichts von Corona zu lockern. Die Aussichten stünden gut, meint Sanning, dass sich bald auch die deutsche Belegschaft des Flugplatzes melden dürfe: „Es gibt so viele Zivilisten aus dem Umland, die uns gerne helfen würden. Es wäre toll, wenn das bald erlaubt wäre.“

Apropos helfen: Auch auf dem Flugplatz kümmern sich die Menschen umeinander. Rund 20 „Agencies“ organisieren Hilfsangebote. Und die Zahl der freiwilligen Helfer ist kaum kleiner als auf der deutschen Seite des Zauns.

Jenn Hyler von der „United Services Organisation“ (USO) in Spangdahlem ist eine von ihnen. Eine spezielle Aktion, die sie sich hat einfallen lassen: Den Soldaten, die „immer noch draußen den Kampf kämpfen“, Care-Pakete zu schnüren. In diesen Boxen finden die Airmen jetzt Dinge, die sie in Corona-Zeiten aufheitern sollen: Snacks, Süßigkeiten und so weiter. Ein Problem: Der Treffpunkt von Hylers USO-Team muss wegen Covid-19 geschlossen bleiben. Unterstützung gibt es derzeit also vor allem virtuell. Auf Facebook etwa können Soldaten „Jenn und Shawn“ live beim Zubereiten von gefüllten Paprikas zuschauen. In einem anderen Video bekommen die Airmen eine Anleitung, wie sie sich Desinfektionsmittel selbst herstellen können. Kaplane predigen live, Yoga-Lehrer übertragen Übungen für zuhause.

Noch greifbarer ist vielleicht die Unterstützung, die Jeanne Morrow organisiert. Morrow ist „Community Support Coordinator“. Bei ihr laufen die Fäden verschiedener Projekte zusammen — von Angehörigen, die selbst Mundschützer nähen bis hin zu den Soldaten, die in ihrer Freizeit Regale im Supermarkt einräumen. „Wir schauen, dass in diesen Zeiten niemand auf der Strecke bleibt“, sagt Morrow.

Gute Vorbilder gebe es in Deutschland genug, findet Morrow: „Auch vor der Krise war die Eifel eine zweite Heimat für mich. Durch Corona weiß ich unsere Gastgeber aber noch mehr zu schätzen, weil sie uns so unterstützen.“ Morrows Gefühl daher: „Wir stehen das gemeinsam durch.“