Die Heilige Nacht hat viele Gesichter

Die Heilige Nacht hat viele Gesichter

Heiligabend - wie schön wäre es, mit dem kindlichen Gefühl aufzuwachen, dass da eine ganz besondere Zeit naht, sich schon beim Zähneputzen auf den Abend zu freuen und beim Frühstück festzustellen, dass alles etwas mehr Glanz hat, weil bald Weihnachten ist. Diese Sehnsucht bleibt oft unerfüllt. Auch, weil viele Menschen an Weihnachten arbeiten müssen - ob in Uniform, weißem Kittel oder Priestergewand. Der TV hat mit einigen von ihnen gesprochen.

Der Dechant

"Arbeiten ist der falsche Ausdruck", sagt Dechant Bruno Comes aus Niederehe (Vulkaneifel-Kreis). Der Heiligabend sei für ihn "einfach nur noch feiern." Am Morgen will er sich innerlich auf den Abend vorbereiten: den letzten Schliff an die Predigt legen und sich Gedanken über die Fürbitten machen. Um 11 Uhr gibt es eine Beichtgelegenheit, doch da sei nie viel Betrieb. Besuch bekommt er erst am zweiten Weihnachtsfeiertag. Essen will Comes etwas Kleines, Brot mit Lachs vielleicht, nichts Warmes. Bis zum frühen Abend hat er also Zeit. Zeit, um bei Musik in aller Ruhe sein Krippchen aufzubauen. Die Figuren hat er in Jerusalem gekauft. "Das ist mir wichtig - ein spirituelles Ding", sagt Comes. Zur Christmette um 18 Uhr - "mit allem, wie man sich das vorstellt" - zieht er sich das Beste an, was im Schrank ist, ein weißes Festgewand, das vorne und hinten mit seinen Lieblings-Bibelszenen bestickt ist. Später will er an der Tür mit jedem Einzelnen sprechen. Bis der Dechant ins Bett kommt, könnte es spät werden. Um 22.30 Uhr beginnt die Jugendchristmette in Üxheim. Danach will er sich vielleicht noch mit den jungen Leuten hinsetzen. Die Pflegerin

Wer sich nicht alleine Frühstück machen, anziehen oder waschen kann, ist auch an Weihnachten auf Hilfe angewiesen. "Da muss natürlich jemand hinkommen - die Menschen leben ja alleine zu Hause", sagt Anja Lörsch. Sie betreibt in Morbach einen Pflegedienst. Auch an Heiligabend klingelt ihr Wecker daher um sechs Uhr. Im Laufe des Tages werden sie und ihre Kollegen 34 Patienten betreuen und dafür sorgen, dass genügend Insulin oder Verbände für die Feiertage da sind. Auch wenn die Abläufe dem Alltag ähneln - über Weihnachten sei die Arbeitsatmosphäre eine andere, besinnlicher, sagt Lörsch. "Meine eigenen Erledigungen mache ich wahrscheinlich fünf Minuten vor Ladenschluss", prophezeit sie und freut sich, dass Mutter und Schwester den Festabend für sie und ihre Tochter ausrichten: Es gibt Fischsuppe, Braten, Gratin, Salat und einen weihnachtlichen Dessertteller. Im Kinderheim

Wie in der Familie, so soll Weihnachten auch im Kinderheim St. Vincent in Speicher sein. Mit einer nachmittäglichen Kindermette, einem Tannenbaum, den es erst kurz vor der Bescherung zu sehen gibt, mit Geschenken, auf denen der Name der Kinder steht, mit Liedern, der Weihnachtsgeschichte und leckerem Essen. Das Heim hat sechs Wohngruppen für Waisenkinder zwischen vier und sechzehn Jahren. Rund zehn von ihnen leben jeweils zusammen. 15 Mal hat Bernhilde Schommer in der Vergangenheit mit der Gruppe "Aqualand" Heiligabend gefeiert. Und auch dieses Jahr werde die Feier ähnlich ablaufen. Alle fünf Betreuer sind dabei. Sie haben im Voraus den Baum geschmückt, die Wunschzettel der Kinder ausgewertet und mit Hilfe einer Pauschale des Jugendamts die Geschenke gekauft. Weil die schließlich ausprobiert werden müssen, werde nach dem Festessen oft gespielt, sagt Schommer. "Heiligabend ist schon etwas ganz Besonderes."Der Schleusenwärter

Die Schleuse in Zeltingen-Rachtig. Spätschicht. Sehr ruhig wird sein Heiligabend sein. Wahrscheinlich. Denn die Schiffe fahren nicht. Sie liegen in seiner Sichtweite und brauchen über Weihnachten niemanden, der für sie Wehre öffnen, schließen oder fluten würde. Vier Meter über dem Wasserspiegel der Mosel in seinem Büro sitzend, wird Dieter Koch am heiligen Abend hauptsächlich da sein. Vor seinen Monitoren. Für den Fall, dass etwas passiert. Hochwasser. Doch das ist nicht sehr wahrscheinlich. Oder ein Schaden am Kraftwerk. Dann müsste er die Wehre weiter herunterfahren, damit sich das Wasser nicht staut. Wahrscheinlich jedoch bleibt es ruhig. Dann notiert er einfach die Pegelstände. Jede Stunde. Und denkt vielleicht ab und zu an den Abend mit seiner Familie zurück. Auf der Wache

"Ich könnte Ihnen auch erzählen, dass wir zusammen essen wollen und manchmal Plätzchen geschenkt bekommen", sagt Heinz-Peter Thiel, Chef der Polizeiinspektion Daun und lacht. Denn was er sonst zu erzählen hat, macht traurig. Die Realität, mit der seine Leute an Weihnachten konfrontiert werden, ist bitter. Sie ist das hässlich verzerrte Spiegelbild dessen, was die Menschen gemeinhin unter Weihnachten verstehen. Deutlich mehr Polizisten als normal werden wohl die lange Liste dessen abarbeiten müssen, was erfahrungsgemäß für den "heiligen Abend" zu erwarten ist: vier bis fünf spektakuläre Einsätze bei Familientragödien, ebenso viele Schlägereien, acht bis zehn Ruhestörungen, Raubüberfälle, Alkoholdelikte, Vermisstenanzeigen und vielleicht auch noch viel Schlimmeres. "Die komplette Palette", sagt Thiel. Schon an normalen Tagen gibt es im Schnitt acht Unfälle, davon drei mit Schwerverletzten. Weil alle noch einkaufen wollen, rechnet Thiel für Heiligabend mit Schlimmerem. Das größte Problem sei das Spannungsfeld Familie und die oft in Selbstmord mündende Einsamkeit vieler Menschen. "Wir gehen von vielen, vielen traurigen Schicksalen aus", sagt der Chef der Dauner Polizei.In der StrafanstaltAn Heiligabend und Weihnachten haben die Gefangenen frei. Die Justizvollzugsbeamten hingegen nicht. "Wir sind personell genauso besetzt wie sonst auch", sagt der stellvertretende Vollzugsdienstleiter Thomas Thiel. Weihnachten hat nur einen geringen Einfluss auf den Tagesablauf. 99 Prozent der Arbeit ist Routine: versorgen, bewachen, betreuen. Es gibt sieben Wohngruppen mit bis zu 20 Gefangenen im Alter zwischen 14 und 21 Jahren. Die Jugendlichen entscheiden nach Thiels Auskunft selbst, wie ihr Heiligabend aussehen soll: Tischtennis, Fußball oder Plätzchen backen. Die Beamten in Uniform und ein Sozialarbeiter sind stets dabei. "Weihnachten ist so ne Sache… wenn man da inhaftiert ist", sagt Thiel. Seine Kollegen achten um diese Zeit sehr darauf, ob Gefangene deprimiert wirken.Am Abend gibt es ein gemeinsames Abendessen aus der Anstaltsküche: Schnitzel mit Nudelsalat. Die folgenden Tage bescheren den Jugendlichen auch mal Hirschgulasch - als Festtagsspeise unter Aufsicht. Der Koch

Wie könnte es aussehen, wenn man Gans anders macht? Über dieser Frage hat Lars Jungermann, kulinarischer Leiter des "Weinromantikhotels Richtershof" in Mülheim/Mosel eineinhalb Wochen gebrütet. Anders heißt: weihnachtlich, aber nicht mit Rotkohl und Klößen. Seine Lösung ist nicht leicht auszusprechen, fördert dafür den Speichelfluss: Nach einem Wildlachstatar auf Gurkencarpaccio gibt es Crepinette von der Gänsebrust auf geschmortem Wirsing. Die Crepinette ist eine Art Gänseroulade, gefüllt mit Maronen und buntem Gemüse. Dazu Rosmarin-Polenta-Kegel. Als Dessert reicht Jungermann eine Operetten-Tranche mit Mokkabuttercreme, süßen Balsamicoessig-Pflaumen und Topfen-Zimtblüteneis. Damit ist Jungermanns Heiligabend verplant. 80 Hotelgäste warten unter großen Weihnachtsbäumen darauf, von ihm erst begrüßt und dann verwöhnt zu werden. Schon ab 14 Uhr wird er in der Küche darüber "wachen", dass seine selbst entworfenen Rezepte sich reibungslos auf den Tellern materialisieren. Probegekocht hat er schon. Bis zum großen Moment will der frischgebackene Kochbuchautor auch die Optik ausgetüftelt haben. Es dürfte Mitternacht werden, ehe er an Heiligabend wieder bei seiner Familie ist. Obwohl er sich als Familienmensch bezeichnet, findet er das nicht so schlimm. Das Lächeln der Gäste sei für ihn wie der Applaus für einen Künstler.

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