Die neue Eifeler Vogelkunde

Die neue Eifeler Vogelkunde

Früher sah man ihn fast nie in unseren Breiten. Aber der Silberreiher ist jetzt auch in der Eifel zu beobachten. Wie das Tier, das gerade an der Oberen Kyll haust. Und auch aus dem Nistkasten im Basilikaturm gibt es einiges zu berichten: Dort hat sich, zumindest kurz, das erhoffte Wanderfalken-Paar gezeigt.

Stadtkyll/Prüm. Was ist denn das für ein Vogel? Schön, groß, strahlend weiß - und seit einiger Zeit offenbar zwischen Stadtkyll und dem Ortsteil Niederkyll zu Hause. Dort sieht man ihn fast jeden Tag am Kyllufer waten und jagen.
Der weiße Vogel, auf den uns auch Peter Königs aus Niederkyll hinwies, ist ein Silberreiher. In der Vergangenheit war er, anders als sein grauer Verwandter, eine Seltenheit bei uns, wenn auch ansonsten weltweit verbreitet. Vom Graureiher unterscheidet er sich nicht nur durch die Farbe, sondern auch durch seinen etwas längeren Hals, der ihn noch ein wenig filigraner wirken lässt.
Was sagen die Fachleute? Der Silberreiher "war noch vor wenigen Jahren eine absolute Ausnahmeerscheinung in Deutschland", heißt es auf der Website eifel-wildlife.de, die von Mathias Ackerknecht aus Mayen betrieben wird. "Heute kann man ihn außerhalb der Brutzeit auch in der Eifel an vielen Gewässern beobachten. Warum er sein Verbreitungsgebiet so schnell ausweiten konnte, ist weitgehend unbekannt."
Der Klimawandel? Vielleicht, aber gewiss nicht der einzige Grund, sagt der Naturschutzbund Nabu. Der Silberreiher hat sein Fressverhalten geändert - er lässt sich nicht mehr nur Fische oder Amphibien schmecken, sondern auch Mäuse und andere Tiere. Und die findet er auch jenseits der, etwa in der Eifel, im Winter zugefrorenen Gewässer.
Hauptursache für sein Auftauchen bei uns, vermutet Jan-Roeland Vos, Vogelkundler und Nabu-Mitglied aus Habscheid, sei die Zunahme der Populationen in Osteuropa: "Viele Jungvögel auf der Suche nach neuen Lebensräumen wandern in Richtung West-Nordwest und verweilen da, wo ausreichend Nahrung zu finden ist." Die Art favorisiere große, zusammenhängende Schilfgebiete als Bruthabitat: Diese seien aber "in unserer Region eher nicht zu finden, besser sieht‘s aus in Norddeutschland".
Anfangs seien es nur kurze Aufenthalte in den Wintermonaten gewesen, mittlerweile bleibe der Silberreiher aber oft auch länger. Ansammlungen mit mehr als zehn dieser Vögel an geeigneten Gewässern seien nicht mehr ungewöhnlich, auch an den Biber-Staudämmen in der Eifel sei er zu finden. Der Silberreiher sei für viele ein märchenhafter Vogel, sagt Jan-Roeland Vos. Wenn man ihn entdecke, scheine es manchmal, als sei "ein Loch in der Landschaft ausgeschnitten".
Ach, und in Prüm haben sich auch ein paar Vögel gezeigt - in dem Nistkasten, den Vos und der Nabu vor zwei Jahren im rechten Basilikaturm aufstellten (der TV berichtete). Zweck war damals, einen Wanderfalken anzulocken. Das ist sogar für kurze Zeit gelungen: Einige Monate später zeigte sich in dem Kasten ein Wanderfalkenpaar. "Das Weibchen, nach dem Gefieder zu urteilen, vermutlich einjährig, das Männchen beringt. Möglicherweise junge, unerfahrene Tiere, die einen späten Brutversuch unternommen hatten."
Die automatisch auslösende Kamera im Turm habe "ausführliches Balzverhalten" dokumentiert, "das Männchen brachte dem bettelnden Weibchen Beute", sagt Vos. Die Partnerin habe dann mehrere Tage in Bruthaltung im Kasten verbracht, aus unerklärlichen Gründen sei aber dann weiter nichts geschehen - das Pärchen verschwand wieder.
Viele Gäste im Nistkasten


Nachmieter im Nistkasten flatterten bald herein: Ein paar Prümer Stadttauben, die man dort eigentlich nicht sehen will (siehe Extra), unternahmen einen Brutversuch, der aber ebenfalls abgebrochen wurde. "Als weitere Gäste zeigten sich Dohlen, Turmfalken, Hausrotschwänze, Bachstelzen, Blau- und Kohlmeisen und eine Langohr-Fledermaus." Anfang September dieses Jahres grüßte dann ein sehr großer Gast kurz vom Turm: "Als nächtlicher Besucher konnte ein Uhu fotografiert werden". In den vergangenen Jahren habe man bereits mehrfach Uhu-Rufe in der Umgebung von Niederprüm hören können - jetzt landete auch einer im Basilikaturm.
Er könnte allerdings auch der Grund sein, warum die Wanderfalken weiterzogen. Vos: "Der Uhu ist unser größter Greifvogel, der auch viele Vogelarten erbeutet und dementsprechend Furcht verbreitet. Leider steht auch Wanderfalke auf seinem Speiseplan." Vielleicht sei es deshalb dem Falkenpaar "zu warm unter den Füßen geworden".
"Die Geschichte bleibt spannend", sagt Jan-Roeland Vos. Noch muss das erste Vogelpärchen im Basilikaturm nisten: "Vielleicht ein Uhupaar?", fragt er. Oder vielleicht ja doch noch der erhoffte Wanderfalke. Der würde bestens in die Kirche passen, sein wissenschaftlicher Name lautet "falco peregrinus". Und peregrinus heißt Pilger.Extra

Erwischt: der Falke vor und der Uhu im Nistkasten auf dem Basilikaturm. Fotos (2): Jan-Roeland Vos. Foto: (e_pruem )
Kurz mal auffliegen: der Silberreiher an der Kyll. TV-Foto: Fritz-Peter Linden. Foto: (e_pruem )

Der Falkenturm Als man vor zwei Jahren den Nistkasten im Basilikaturm montierte, erhoffte sich die Pfarrei davon den Einzug eines Wanderfalken-Paars. Mit klarem Auftrag: Die Tauben zu verschrecken, die dort oben so allerhand an Dreck hinterlassen. Zudem hätten sie den Falken als Beute dienen können. Das sogenannte Ansitzbrett ist außen am Turm zu erkennen - die Vögel können darüber nach drinnen spazieren und den Nistkasten benutzen. Wanderfalken bauen übrigens keine Nester: Sie legen ihre Eier in großer Höhe ab, auf Felsen etwa, aber auch an Gebäuden, in Nischen und auf Mauerkanten. Vielleicht entdeckt ja ein Prümer den nächsten Besucher im Turm. Jan-Roeland Vos und der Nabu würden sich über Nachricht freuen. Telefon: 06556/900436. fpl

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