Die rätselhafte Geschichte eines Steins - Aus der Kyll geborgener Quader beschäftigt Erdorfer
Bitburg-Erdorf · Er wiegt Tonnen - dennoch haben ihn Erdorfer Bürger mit Traktoren und Ketten aus der Kyll gehievt: Seitdem rätselt Ortsvorsteher Werner Becker über den alten Stein, der seiner Meinung nach aus der Römerzeit stammen könnte. Der TV hat Archäologen des Landesmuseums um eine Beurteilung gebeten.
Bitburg-Erdorf. "Ich weiß nicht, wie es ein paar Einwohner vor etwa acht Jahren geschafft haben, den tonnenschweren Quader aus der Kyll zu hieven", sagt Erdorfs Ortsvorsteher Werner Becker. "Jedenfalls haben sie schweres Gerät und Ketten eingesetzt." Der mehr als zwei Meter lange Quaderstein, der fast einen Meter breit und einen halben Meter tief ist, ist seit Kurzem auf dem neu angelegten Kyll-Platz in Erdorf zu besichtigen. "Selbst der Radlader hatte seine Mühen, diesen Brocken, der zuvor in einem Garten lag, dorthin zu transportieren", so Becker.
Das Rätsel: Der Ortsvorsteher rätselt seit Jahren über diesen wuchtigen Steinblock, der oberhalb der Kyllbrücke im Fluss lag. "Er könnte aus der Römerzeit stammen. Da soll eine römische Straße von der Pützhöhe durch Bitburg-Erdorf in Richtung Daun, Mayen und Koblenz geführt haben", sagt Becker. Deshalb vermutet er, der rätselhafte Stein, dessen Kanten behauen sind, könnte ein ehemaliger Brückenpfeiler aus der Römerzeit sein. Auch in der Datenbank der Kulturgüter in der Region Trier findet sich unter Fundstelle 317 ein Eintrag, der auf römische Spuren in Erdorf hinweist: "Reste einer römischen Brücke: 1959 sind von Badry Pfeilerreste im Flussbett der Kyll, wenige Meter oberhalb der modernen Brücke in Erdorf, beobachtet und beschrieben worden."
Becker: "Doch mich irritiert die eingravierte Zahl 18. Wenn sie nicht nachträglich eingeschlagen wurde, kann es kein römischer Brückenstein sein." Deshalb sei es auch möglich, dass es sich bei diesem Stein auch um Überreste der am 28. Februar 1945 zerstörten Kyllbrücke handele. "Deutsche Soldaten haben sie auf dem Rückzug vor den Alliierten gesprengt", weiß Becker.
Um die Herkunft des Steinquaders zu klären, hat der TV die Archäologen des Rheinischen Landesmuseums Trier mit Bildmaterial des Quaders versorgt und sie um ihre Meinung gebeten.
Die Expertise: "Es handelt sich mit Sicherheit nicht um einen römischen Quader", sagt Dr. Joachim Hupe, Archäologe des Rheinischen Landesmuseums Trier. Das bedeute, es habe in Erdorf auch keine römische Brücke gegeben. Der Stein als Bauglied sei klar der frühen Neuzeit zuzuweisen, sagt Hupe. Denn die Oberflächenstruktur zeige Spuren maschineller Bearbeitung. Hinzu komme die historisierende Ausführung des "Polsters". Der Stein ist also so bearbeitet, dass er alt aussehen soll. "Nach unserer Einschätzung dürfte der Quader in das 19. Jahrhundert zu datieren sein", sagt Hupe.Fest steht: Es ist roter Sandstein
Aufgrund des fehlenden Fundzusammenhanges ließe sich zum ehemaligen baulichen Kontext jedoch nichts Konkretes sagen, so Hupe. "Nach den Dimensionen ist die Verwendung in einer Ufermauer gut denkbar. Die Oberseite scheint über längere Zeit der freien Bewitterung ausgesetzt gewesen zu sein." Bei dem Quader, sagt Grabungstechniker Marcus Thiel, handele es sich um roten Sandstein, der vermutlich aus dem Kyllgebiet stamme. "Der Stein wirkt auf den ersten Blick nicht römisch", findet auch Thiel. "Aus dieser Zeit kennen wir eher glatt behauene Steine ohne diese Absetzungen, die der Erdorfer Quader aufweist.
Die Reaktion: "Schade, er hätte ja aus der Römerzeit sein können", sagt Ortsvorsteher Becker. Dann handele es sich bei dem Quader, so Becker weiter, vermutlich um ein Bauteil der 1945 gesprengten Brücke.