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Die Ruine im Wald und der Kanzler - Wanderungen zur geheimnisumwitterten Adenauervilla

Die Ruine im Wald und der Kanzler - Wanderungen zur geheimnisumwitterten Adenauervilla

Der Duppacher Kammerwald birgt ein Geheimnis: Zwischen Buchen und Fichten bröckelt seit 60 Jahren ein Gebäude vor sich hin, das der AEG-Konzern angeblich für Bundeskanzler Konrad Adenauer als Jagd-, Wochenend- und Gästehaus errichten ließ. Es gibt keine Schilder, die den Weg zu der Ruine zeigen. Wer sie sehen möchte, sollte sich Elli Kleusch anschließen. Die Gästeführerin aus der Eifel weiß den Weg und eine Menge zu erzählen.

Duppach. Elli Kleusch holt weit aus, um zu erklären, warum die sogenannte Adenauervilla ausgerechnet im Duppacher Forst errichtet wurde. Die Gästeführerin hat im einstigen Forsthaus die Teilnehmer der Wanderung "Wenn alte Steine erzählen. Die sonderbare Geschichte einer Bauruine im Duppacher Kammerwald" versammelt, die mit ihr zu der Ruine im Wald aufbrechen wollen.

Kleusch spannt den Bogen von Ostpreußen bis in die Eifel, von der Zeit der französischen Besatzung bis zum Baubeginn der Adenauervilla 1955. Dabei taucht der Name Heinz Müller immer wieder auf, den Kleusch persönlich kannte und der ihr viel erzählt hat aus besagter Zeit. Müller stammte aus Ostpreußen, wo er schon mal "Reichsjägermeister" Herrmann Göring im Staatsjagdrevier Rominten auf der Jagd begleitete. Nach der Vertreibung kam Müller in die Eifel. Unter dem Landesgouverneur Claude Hettier de Boislambert wurde der Rotwildkenner Revierförster von Duppach. "Müller kannte sich nicht nur in jagd- und forstlichen Dingen aus, sondern eben auch im Umgang mit Prominenz aus Politik und Wirtschaft", berichtet Kleusch. Letzteres sei sehr wichtig gewesen, denn viele sogenannte Höhergestellte wollten in der Eifel auf stattliche Hirsche schießen.Richtfest im Oktober


Später pachtete der AEG-Konzern das 8000 Hektar große Jagdrevier. Und dann kommt AEG-Vorstandsmitglied Friedrich Spennrath ins Spiel. Der Großindustrielle und Freund Adenauers will ein "Haus in der Eifel", wie das Projekt laut Bauplan heißt - für den ersten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland errichten. Forstamtsrat Heinz Müller ist in das Vorhaben eingeweiht, das möglichst geheim bleiben soll.
Mit Lotte Multhaupt, Ehefrau des Architekten und Tochter Adenauers, hat Müller nach eigenen Angaben den Bauplatz ausgesucht. Der Bauantrag wird vom Landratsamt Prüm im Juli 1955 auffallend schnell genehmigt. "Das dauert bei Normalsterblichen deutlich länger", ist sich die Gruppe im Forsthaus einig. Auch der Bau ging sehr schnell vonstatten, es wurden Straßen gebaut, Leitungen gelegt. Richtfest konnte schon am 7. Oktober 1955 gefeiert werden. "Und die Eifeler, die dort arbeiteten, waren froh, Geld zu verdienen", weiß Kleusch.
Auf dem Weg zur Ruine im Wald schaut sich die Wandergruppe zuerst das stattliche Blockhaus an, das für Adenauers Leibwächter gedacht war. Es wird heute als Jagdhütte genutzt. Unweit davon geht es den Waldweg weiter bergauf, bis Kleusch die Gruppe auf den Betonklotz zwischen den Bäumen aufmerksam macht. Da steht sie nun, die Ruine, um die sich so viele Geschichten ranken. Beim Begehen ist Vorsicht geboten. Manche Decke ist schon eingestürzt. "Der dreigeschossige Bau hat ein Volumen von vier Wohnhäusern", sagt die Gästeführerin, die auch Architektin ist. Für Adenauer war das Erdgeschoss vorgesehen, mit Schlaf- und Arbeitszimmer, Badezimmer, Innen- und Außenkamin. Gäste sollten in der oberen Etage logieren, der Hausmeister in einem Seitenflügel, und im Keller waren Zimmer für Chauffeure. 4000 Liter Heizöl waren laut Kleusch auch schon in den Tanks.
"Das ist schon sehr beeindruckend", sagt Corola Hintzen aus Heinsberg, die das Gemäuer eifrig fotografiert. Die Niederländerin ist durch den Krimi "Eifeljagd" von Jacques Berndorf auf die Adenauervilla aufmerksam geworden. In Berndorfs Krimi spielt eine zentrale Szene in der Bauruine.
Plötzlicher Baustopp

 Die Ruine der so genannten Adenauervilla im Duppacher Kammerwald.
Die Ruine der so genannten Adenauervilla im Duppacher Kammerwald. Foto: Maria Adrian
Die Ruine im Wald und der Kanzler - Wanderungen zur geheimnisumwitterten Adenauervilla
Foto: TV-Foto: Maria Adrian


Und plötzlich ist von heute auf morgen Schluss. 1956 wird das Projekt Adenauervilla gestoppt. Kleusch: "Viele glaubten, dass ein Artikel von TV-Lokalredakteur Karl-Heinz Schäfer über das Vorhaben für den Baustopp verantwortlich war."
"Der Filz zwischen Politik und Wirtschaft war wahrscheinlich auch Adenauer selbst zu heikel", mutmaßt Wanderer Jürgen Keibler. Auch ein Wechsel in der Chefetage des AEG-Konzerns kommt in Betracht.
"Der Kanzler selbst war nie hier, er interessierte sich nicht für die Jagd ", weiß die Gästeführerin. Vieles bleibt ungeklärt in dieser Geschichte. Eins ist aber ganz klar: Eine verfallende Kanzlervilla - die gibt es nur im Duppacher Kammerwald.