Die Sonne brennt die Schulden weg

Die Sonne brennt die Schulden weg

Utscheid ist die am zweithöchsten verschuldete Gemeinde in Rheinland-Pfalz. Doch nicht wegen Misswirtschaft ist die Pro-Kopf-Verschuldung so hoch, sondern weil die Gemeinde für fünf Millionen Euro eine Photovoltaikanlage gebaut hat. Damit aber kommt jetzt auch Geld in die Kasse.

Utscheid. Erster oder zweiter Platz - das ist doch was! Aber nicht in jedem Fall. So möchte wohl keine Kommune in der Liste der am höchsten verschuldeten Gemeinden Deutschlands unter den ersten zehn landen. Doch genau das ist der kleinen Gemeinde Utscheid (500 Einwohner) in der Verbandsgemeinde Südeifel passiert.
Knapp hinter Kaiserslautern


Laut Institut der deutschen Wirtschaft Köln liegt das Dorf mit einer Pro-Kopf-Verschuldung von 12 200 Euro (Stand August 2014) nur knapp hinter Kaiserslautern, das mit 12 334 Euro Schulden pro Einwohner die Liste in Rheinland-Pfalz anführt.
Damit noch nicht genug - ein regionaler Fernseh- und Radiosender nahm die Statistik zum Anlass, um über den unrühmlichen Platz zu berichten - ohne allerdings die Hintergründe zu erforschen. Darüber hat sich Johann Reuter, Ortsbürgermeister von Utscheid, massiv geärgert.
Wir wollen also Licht ins Dunkle bringen. Denn dass die Bürger von Utscheid so viele öffentliche Schulden auf ihre Schultern geladen haben, hat einen Grund - und zwar einen guten im sprichwörtlichen Sinne. Am 31. August 2011 gingen in Utscheid 10 626 Photovoltaikmodule an den Start. Für den Solarpark auf dem Gelände der alten Ziegelei hat die 500-Einwohner-Gemeinde fünf Millionen Euro investiert. "Hätten wir diese Investition nicht getätigt, lägen wir in Rheinland-Pfalz im Hinblick auf die öffentliche Verschuldung im guten Mittelfeld. Wir sind nicht ganz der schwarze Peter", sagt Reuter. Rechnet man die PV-Anlage raus, ist Utscheid Ende 2014 mit 805 000 Euro verschuldet.
Die Idee hatte der Ortsgemeinderat vor einigen Jahren. "Es war für uns der einzige Weg, um selbst Geld erwirtschaften zu können", erzählt der Bürgermeister. Da es kaum Gewerbe im Dorf gibt, sind die Steuereinnahmen gering. Investitionen waren kaum noch möglich. Spielräume zur Entwicklung der Gemeinde gab es nicht mehr. "Wir wollten selbst Entscheidungen treffen können, ohne Kommunalaufsicht." Zunächst wurde eine Solidargemeinschaft gegründet, dann ein Fünf-Millionen-Euro-Kredit aufgenommen, um die 4,7 Hektar große Anlage, die 2,3 Megawatt Strom erzeugen sollte, zu finanzieren.
Schlaflose Nächte


Obwohl die Prognosen gut ausfielen und das RWE sich verpflichtete, für 20 Jahre den Strom abzunehmen, gab es einige schlaflose Nächte, sagt der Dorf-Chef. Am 31. August 2011 gingen die Module ans Netz. Und nicht ohne Stolz kann Johann Reuter bald verkünden: "Wir produzieren weit über Limit Strom - das Soll ist mehr als erfüllt." Daran hat sich bis heute nichts geändert. Der Solarpark wird zum Erfolgsprojekt.
Zwar hält Reuter mit konkreten Zahlen hinter dem Berg, aber der Gemeindeanteil von rund 30 000 Euro für den anstehenden Ausbau des Kehrtenwegs kann komplett aus dem Erlös der PV-Anlage bezahlt werden. "Für unsere Gemeinde war die Konversionsfläche der alten Ziegelei wie ein Sechser im Lotto", sagt der 59-Jährige. Die Anlage läuft jetzt im vierten Jahr wie am Schnürchen. "Es gibt bei Photovoltaikanlagen keine Mechanik und kein direktes Verschleißmaterial. Sie sind sehr wartungsfreundlich." Primär sei die Anlage gebaut worden, um Schulden runterzufahren - "da sind wir auf dem richtigen Weg".
So sieht es auch Moritz Petry, Bürgermeister der VG Südeifel: "Die Ortsgemeinden sind speziell durch die VG- und Kreisumlage geknebelt. Wenn dann mal einer den Mut hat, ein überschaubares Risiko einzugehen, sollte das nicht mit schlechter Presse belohnt werden. Dort wird nicht eine Ortsgemeinde in die Verschuldung getrieben, sondern es wurde in die Zukunft investiert, um Spielraum zu haben für eine eigene Gestaltung des Dorfes."
Und jetzt, da klar ist, dass die Utscheider laut Statistik zwar hoch verschuldet sind, in Wirklichkeit aber zu den Gewinnern zählen, könnte es ja passieren, dass die Gemeinde auch für Neubürger durchaus interessant ist. "Kein Problem, wir haben in allen Ortsteilen noch freie Grundstücke zur Verfügung", sagt Reuter und lacht. Ach ja, hatten wir schon erwähnt, dass es in Utscheid auch ein Rasenfußballfeld, ein Gemeindehaus und natürlich auch Kanalisation gibt?Extra

Nicht nur mit der Photovoltaikanlage - auch in anderen Bereichen geht es in Utscheid weiter bergauf. So gibt es ab Mai flächendeckend schnelles Internet in allen Ortsteilen. Im vergangenen Jahr hat die Gemeinde am Dorf-Check teilgenommen, und beim Wettbewerb "Unser Dorf hat Zukunft" 2014 hat Utscheid den dritten Platz in der Hauptgruppe belegt. Rege ist auch das Vereinsleben. Da gibt es unter anderem einen Segelflug-, Sport-, Musik- und Handwerkerverein. Zwei Karnevalsvereine (!) und natürlich eine Freiwillige Feuerwehr sowie jede Menge weitere Gruppierungen. Drei Spielplätze und drei Kneipen erweitern das Angebot in Utscheid, Rußdorf, Buscht und Neuhaus. sn

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