Die unterschätzte Gefahr

Der Verein Kinderschutz Eifelkreis bietet seit 22 Jahren an Grundschulen ein Präventionsprogramm zur Vermeidung von Gewalt gegen Kinder an. Mehr als 25 000 Kinder und Eltern haben bislang teilgenommen. Nun wird das Programm mit Hilfe speziell geschulter Erzieherinnen auch auf die Kindergärten ausgeweitet.

Bitburg. Eigentlich sendet der Körper ausreichend Signale, wenn etwas nicht stimmt. Schwierig ist es allerdings, wenn diese nicht nach außen dringen. Oder aber dort von Außenstehenden, die gerne helfen würden, nicht erkannt oder richtig zugeordnet werden können. Es gibt zwei Möglichkeiten, daran etwas zu ändern. Entweder man bringt den Betroffenen dazu, offen über seine Gefühle zu sprechen. Oder aber man sensibilisiert das Umfeld. Der Verein Kinderschutz Eifelkreis macht beides. Bereits seit mehr als 20 Jahren besucht er mit einem Präventionsprogramm die Grundschulen des Kreises, begleitet von Informationsabenden für Eltern.
25 000 Kinder wissen Bescheid


Paul Ewen, Vorsitzender des Vereins, war bei vielen dieser Veranstaltungen dabei. Er hat schon einiges gehört und erlebt. Ewen weiß von Fällen, in denen Kinder von fremden Menschen angesprochen oder aber von Unbekannten auf dem Spielplatz fotografiert wurden. Er kennt auch Fälle, in denen es nicht nur dabei geblieben ist. Erfreulicherweise aber auch Fälle, in denen Schlimmeres verhindert wurde, weil Kinder in gefährlichen Situationen laut geschrien haben oder weggelaufen sind. Genau wie sie es gelernt hatten. "Wir hatten beispielsweise einmal den Fall, dass wir an der Grundschule in Wolsfeld waren und es dort dann sogar in der gleichen Woche dazu kam, dass ein Kind von einem Fremden aus dem laufenden Auto heraus angesprochen wurde", sagt Ewen. "Das Kind hat dann genau so reagiert wie in der Schule geübt", fügt er hinzu.
Mehr als 25 000 Kinder haben bereits an dem Präventionsprogramm teilgenommen. Bislang wurden aus organisatorischen, personellen und finanziellen Gründen überwiegend nur Grundschulen besucht. Nun soll das Angebot auch flächendeckend auf die Kindertagesstätten des Eifelkreises ausgeweitet werden. So bietet der Kinderschutz Eifelkreis in Kooperation mit der Fachkonferenz Kindertagesstätten im Dekanat St. Willibrord Westeifel eine Schulung für Kita-Erzieherinnen an, damit diese die Präventionsarbeit an ihren Kitas umsetzen können. Wie Ewen erklärt, habe dies vor allem den Vorteil, dass die Erzieherinnen situationsbedingt reagieren könnten, "wenn es zu einem Vorfall von Gewalt gegen das Kind oder einem Übergriff auf das Kind gekommen ist, beziehungsweise wenn innerhalb der Kita erkannt wird, dass mit den Kindern über das Thema Aggression und Gewalt gesprochen werden sollte".
20 Erzieherinnen aus dem Kreisgebiet haben bereits an einer ersten Schulung teilgenommen. Darunter auch Elisabeth Ludwig von der Kita Arzfeld. Die Schulung sei sehr hilfreich gewesen, meint die Erzieherin. Und notwendig. "Wir machen oft die Erfahrung, dass viele Kinder noch nicht gut über ihre Gefühle sprechen können", sagt Ludwig.
Das bestätigt auch Heide Schmidtmann vom Kinderschutzdienst des Caritasverbands Westeifel, die zu den Dozenten der Schulung gehört. Damit der Kinderschutz aktiv werden kann, ist er auf ein sensibles Umfeld der Betroffenen angewiesen. Und dazu zählen eben auch Schule und Kita. Die häusliche Gewalt, der Kinder in allen Formen ausgeliefert seien, werde "vielfach massiv unterschätzt", sagt Schmidtmann. "Das Bild der Familie als Hort von Harmonie, Liebe und Geborgenheit und Privatheit bestimmt immer noch unsere Normvorstellung und hindert uns daran, genau hinzusehen, oftmals auch zu glauben, was wir sehen oder hören."Extra

2012 haben die beiden Mitarbeiterinnen des Kinderschutzdienstes Westeifel 76 Fälle (darunter auch Verdachtsfälle) von körperlicher, sexueller und seelischer Gewalt sowie Vernachlässigung betreut. Davon waren die Opfer (zwischen drei und 21 Jahren) in 60 Fällen weiblich. Die Opfer und deren Bezugspersonen werden vom Kinderschutzdienst dabei unterstützt, aus der Spirale von Gewalt, Isolation und Geheimhaltungsdruck herauszutreten. Um ein Kind (und auch dessen Familie) zu ermutigen, sei es wichtig, wirklich beim Zuhören zu bleiben und nicht in die Rolle des Kriminalisten zu verfallen, der möglichst schnell möglichst viele Informationen benötige, erklärt Kinderschutz-Mitarbeiterin Heide Schmidtmann. Im Fokus des Interesses stehe daher nicht der Täter, sondern das Kind mit seinen Empfindungen und Wünschen. "Dem Kind wird signalisiert, dass es über das Erlebte sprechen darf", sagt Schmidtmann, "und dass es vor allem auch über seine Befürchtungen hinsichtlich möglicher Konsequenzen reden darf." uheExtra

Ganz sicher kennst du das Gefühl, wenn eine unangenehme oder gefährliche Situation entsteht. Wenn die innere Stimme zu dir sagt: "Nein, das will ich nicht!" Dann schlägt dein Herz auf einmal viel schneller. Der Körper zittert. Du bekommst Gänsehaut, ein komisches Gefühl im Bauch oder sogar Bauchschmerzen. Und manchmal würdest du dann am liebsten davonlaufen. Solche "Nein-Gefühle", die immer dann auftauchen, wenn etwas nicht stimmt, sind wie ein Stein, der auf deiner Seele lastet. Wenn du mit jemanden darüber redest, dem du vertraust, dann wird dieser Stein leichter. Und dann kann dir auch geholfen werden. Wenn du aber lange wartest, wird dieser Stein immer größer und schwerer. Falls du Hilfe brauchst, aber nicht weißt, mit wem du darüber reden sollst, kannst du auch beim kostenlosen Kinder- und Jugendtelefon anrufen. Die Nummer ist: 0800/1110333. Dort kannst du alles erzählen, was dich bedrückt. Und du musst auch nicht deinen Namen nennen. uhe

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