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Fünfkampf-Eklat: Reitexperten der Region bewerten Schuldfrage nach Olympia-Vorfall

Pferdesport : Diskussion um Gertenschläge - Reitexperten aus der Region bewerten den Olympia-Ritt

Tierquälerei? Der Vorfall beim Reiten im Modernen Fünfkampf in Tokio hat zu heftigen Diskussionen geführt. Die Experten aus der Region kritisieren vor allem eine Sache:

In den sozialen Medien gab es viele Diskussionen um den Olympischen Fünfkampf. Der Deutschen Teilnehmerin Annika Schleu, die auf Goldkurs war, wurde das Pferd Saint Boy zugelost. Doch das Pferd verweigerte mehrmals und der Ritt wurde zu einem Drama. Unter Tränen setzt sie die Gerte ein.

Wir haben auf Reiterhöfen in der Eifel und in Landkreis Bernkastel-Wittlich nachgehört, wie Pferdesportler aus der Region das Ganze sehen.

Sebastian Kirst, Gestüt Simmenach, Traben-Trarbach:

Die Fünfkämpferin wird sich schämen, wenn sie die Bilder sieht. Von beiden Seiten erkennt man das fehlende Vertrauen. Das wirft auch ein schlechtes Licht auf das Springreiten. Beide waren mit der Situation total überfordert. Warum beim Pferd das scharfe Gebiss eingesetzt wurde, das nur bei den erfahrensten Reitern eingesetzt werden darf, ist mir unverständlich. Und: muss der Parcours so schwer sein? Mit eigenen Pferden wäre es auch besser, denn man wächst mit dem Pferd als Team zusammen, so ist es erst möglich, die schwereren Klassen zu bewältigen. Und auch Dressur wäre besser als Springen für den Fünfkampf geeignet, das ist für Reiter und Pferd weniger stressig.

Peter Bilstein, Reitverein Südeifel

Ich bin der Auffassung, dass die Debatte zu Recht geführt wird. Es geht nicht, dass man einem Erfolg zuliebe alles außer Acht lässt, was Menschen und Tierrechte betrifft. Erfolg ist nicht alles. Wer sich mit Tieren, also auch mit Pferden beschäftigt, der weiß, dass eine Zulosung von Pferden ein absolutes Unding ist. Man kann Tretroller oder Dinge zulosen, nicht aber Lebewesen. Eine Gerte ist nicht als Züchtigungsgerät gedacht. Leider wird sie von weniger talentierten und weniger empfindenden ReiterInnen sehr wohl als solches eingesetzt. Dem Pferd reichen sehr sanfte Berührungen mit einer Gerte, um zu wissen in welche Richtung es geht. Allein das hilft dem Pferd dabei Aufgaben zu erfüllen. Keinesfalls soll mit der Gerte geschlagen oder wie im Falle der Trainerin geboxt werden. Die Arbeit mit Pferden beruht auf Vertrauen. Das schafft man nicht mit Gertenschlägen und auch nicht per Losverfahren.

 Claudia Kessler, Birkenhof in Utzerath bei Daun

Der Umgang von Frau Scheuer und ihrer Trainerin mit dem Pferd geht natürlich gar nicht. Man hat als Reiter nur Erfolg, wenn man mit dem Pferd ein Team ist, Reiter und Pferd einander vertrauen. Wenn es in einer Prüfung nicht läuft, muss man immer zugunsten des Pferdes entscheiden. Ein zugelostes Pferd sehe ich sehr kritisch, da sich in der kurzen Zeit keine Bindung zwischen Reiterin und Pferd bilden kann. Auf YouTube gibt es ein Video mit der Helmkamera vom Geländeritt des Turniers in Wiesbaden mit der besten Deutschen Vielseitigkeitsreiterin Ingrid Klimke. Frau Klimke kommuniziert den ganzen Ritt mit ihrem Pferd, lobt es, feuert es an, man merkt sofort, Reiterin und Pferd sind eine Einheit die sich vertrauen. Den Einsatz der Peitsche sehe ich sehr kritisch, da fundamentale Fertigkeiten ein Pferd vorwärts zu reiten bei der Reiterin Frau Scheuer fehlten. Sie ritt das Pferd völlig falsch auf den Sprung zu, so konnte das Pferd überhaupt nicht springen, anstatt das Pferd im entscheidenden Moment auf den Sprung zuzureiten hielt sie es noch fest und es kam viel zu nah an den Sprung heran. Bei uns in der Reitstunde und bei Ausritten werden alle  Pferde immer ohne Gerte und Sporen geritten, nur so lernen die Mädchen ein Pferd ohne die Hilfen zu reiten.

Andrea Schlossmacher und Anna Sungen, Sigis Ranch, Klausen:

Der psychische Druck auf das Pferd und die Reiterin waren extrem. Annika Schleu hat sich jahrelang auf diesen Tag vorbereitet und es gibt wahrscheinlich einige Reiter, die so gehandelt hätten. Ich finde es schlimm, wie jetzt mit der Frau umgegangen wird. In der Disziplin des olympischen Fünfkampfs ist es nicht möglich eine Verbindung zum Pferd aufzubauen, zumal das Pferd schon bei der Reiterin vorher verweigert hat. Das Pferd hätte aus meiner Sicht gar nicht zugelassen werden dürfen.

Diana Keul, Reitstall Linden, Üxheim

Die gesamte Diskussion ist aus meiner Sicht von den Medien sehr aufgebauscht worden. Der Moderne Fünfkampf überfordert die Pferde und der Reiterwechsel ist auch nicht ideal. Man hätte das abbrechen müssen, als man gemerkt hat, dass das Pferd nicht will. Wobei die Gerte dem Pferd kaum Schmerzen zufügt. In den anderen Disziplinen des Reitsports, war es aber in Ordnung, was man bei Olympia gesehen hat. Man muss bei der ganzen Situation aber auch sagen, dass manche Dinge, die im Freizeitsport laufen, oft viel schlimmer sind.

Inge Janetzky, Gestüt Janetzky, Bitburg

In den Modernen Fünfkampf gehören keine Tiere und schon gar nicht als Springwettkampf, wo sie Schäden bekommen können. Das Pferd war extrem nervös und die Reiterin hatte einen hohen Leistungsdruck. Sie kann nichts dafür. Das war weder für das Tier noch für die Reiterin fair. Die Chemie muss stimmen, mit zugelosten Pferden zu reiten, das ist unmöglich.

Konny Kleer, Reiterhof Kleer, Minderlittgen

 Anna Sungen, Doreen, Andrea Schlossmacher (1)
Anna Sungen, Doreen, Andrea Schlossmacher (1) Foto: TV/Christina Bents
 Anne und Anja Bilstein
Anne und Anja Bilstein Foto: TV/Christina Bents
 Helga Janetzky Bitburg
Helga Janetzky Bitburg Foto: TV/Christina Bents
 Peter Bilstein, Reitverein Südeifel
Peter Bilstein, Reitverein Südeifel Foto: TV/P.Knoll

Man sollte jetzt nicht mit Steinen auf Annika Schleu werfen. Die Frau hat sich jahrzehntelang vorbereitet. Ich kann ihre Emotionen nachempfingen. Viele, die Reiten, haben sich schon so gegenüber ihrem Pferd verhalten, aber da war kein Millionenpublikum dabei. Sie hatte Pech und der Moderne Fünfkampf ist aus meiner Sicht nicht mehr zeitgemäß.