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Dorfschänke schließt nach 185 Jahren

Dorfschänke schließt nach 185 Jahren

Es war eins der ersten Gasthäuser außerhalb von Bitburg, das von der Brauerei beliefert wurde. 1829 per Pferdekutsche. Von Generation zu Generation wird seither die Dorfschänke in Stahl in Familienbesitz geführt. Nun gibt es nach 185 Jahren keinen Nachfolger. Elisabeth und Egon Mohr-Heyen schließen das Traditionshaus.

Bitburg/Stahl. 234 Häuser, die meisten klein und mit Stroh gedeckt. "Die wenigen hier befindlichen Straßen sind enge und übel zu begehen, besonders die Haupt- und mittlere Straße, welche von einem Thore zum anderen gehet", so beschreibt ein Chronist Bitburg Anfang des 19. Jahrhunderts. Damals zählte das Städtchen gerade mal um die 1500 Einwohner. Es fuhren Pferdekutschen, die Wolle wurde auf Spinnrädern gesponnen. Aber Bier wurde bereits gebraut. Wenige Jahre nach Gründung der Bitburger Brauerei (siehe Extra) öffnete die Familie Brommes 1829 in Stahl, das damals natürlich noch nicht zu Bitburg gehörte, ihr Gasthaus - und sollte damit eine Tradition begründen.
Betrieb in sechster Generation


"Irgendwann muss man sich der Sache stellen und bereit sein, einen Schlussstrich zu ziehen", sagt Egon Mohr-Heyen. Er und seine Frau Elisabeth führen die Dorfschänke seit mehr als 50 Jahren - und wollen den Betrieb nun zum August aufgeben. "Aus Altersgründen", erklärt der 70-Jährige, der in die Familie eingeheiratet hat. "Unsere Söhne haben sich schon früh für eine andere Laufbahn entschieden", sagt Elisabeth Mohr-Heyen. Die gelernte Hotelfachfrau führt das Haus in sechster Generation - sie an der Theke, ihr Mann in der Küche.
Zu den Spezialitäten des Hauses gehört etwa das Parmesan-Schnitzel mit Bolognese und Käse überbacken. "Das kennen auch viele Amerikaner, die ja lange Jahre oft hier eingekehrt sind. Als der Flugplatz noch in Betrieb war und die Anlagen im Bedhard gebaut wurden", erinnert sich die Wirtin. Auch etliche Eifeler Gerichte wie "Bungeenschloupp" - eine Bohnensuppe mit Mettwurst und Rauchfleisch - gehören zu den Hausspezialitäten. Keine Frage: Dazu passt Bitburger Pils.
"Wir waren das erste Gasthaus außerhalb von Bitburg, das per Pferdekutsche von der Brauerei beliefert wurde", erzählt Elisabeth Mohr-Heyen. Da der Betrieb immer an die Töchter übergeben wurde, wechselten zwar die Namen der Inhaberfamilien - auf Brommes folgte Eppers, Berscheid, Heyen und Mohr - aber die Philosophie der Dorfschänke blieb gleich. Ein Eifeler Gasthaus, in das viele Gäste ein und auskehrten. Es gab die Zeit, als auch viele Amerikaner zu den Stammgästen zählten. Als in Bitburg der Flugplatz gerade in Betrieb genommen wurde und die Amis im Bedhard Schießstände bauten. "Die haben tolle Partys hier im Saal gefeiert. Das waren schon Ereignisse. Damals habe ich als junges Mädchen gekellnert. Mitte der 70er Jahre kam die "Kegelbahn-Zeit", in der natürlich auch in der Dorfschänke auf "alle Neune" gezielt wurde.
Als noch Skat gespielt wurde


Eine Zeit, in der Sonntagsmorgens nach der Kirche auch Skat gespielt wurde. "Es gibt Gäste, die haben hier die Tauffeiern ihrer Kinder gefeiert, dann kamen irgendwann diese Kinder als Gäste hierher und inzwischen sind es deren Kinder", sagt Egon Mohr-Heyen. Mit den Saalfeiern habe es irgendwann stark nachgelassen, als in den 80er Jahren die Mehrzweckhallen und Dorfgemeinschaftshäuser Furore feierten. Dennoch war die Dorfschänke immer Mittelpunkt des Orts, auch Treffpunkt vieler Vereine - von der Feuerwehr über die Fußballer bis hin zum Tennis Club.
Noch heute kommt ein Stammtisch ein, zweimal die Woche ins Haus. Die Gäste, unter ihnen auch der langjährige Brauerei-Chef Axel Simon, bedauern es natürlich sehr, wenn das Haus nun schließt. "Ich habe sogar versucht, sie zu überreden, nur für unseren Stammtisch zu öffnen", sagt Simon. Die Wirtsleute erklären: "Das fällt uns auch nicht leicht nach all den Jahren und Jahrzehnten. Diese Arbeit ist ja unser Leben. Aber es braucht auch viel Kraft und Energie."
Zum Abschied wird es keinen großen Bahnhof geben. "Das wollten wir nicht", sagt die Wirtin und ergänzt: "Wir haben unseren Gästen einfach gesagt, dass wir uns freuen, wenn sie mit uns das allerletzte Bierchen trinken." Und wer in der Eifel lebt, weiß, wie schnell auch schon mal vier, fünf "Allerletzte" getrunken werden. So wird es sicher auch am 31. Juli sein, wenn die Dorfschänke zum letzten Mal für ihre Gäste öffnet. Danach ist dann auch das letzte von einst vier Stahler Gasthäusern geschlossen.Extra

1817 hat der Brauer Johann Peter Wallenborn in dem 1300-Seelen-Ort Bitburg eine Brauerei gegründet, die Keimzelle der heutigen Bitburger Brauerei war. Das Bier wurde zunächst von den Kunden direkt per pedes in der Brauerei abgeholt. Mit der Vergabe der ersten "auswärtigen" Konzessionen, beispielsweise für die alte Dorfschänke in Stahl, wurden die Wege etwas länger. Die Kunden holten das in Holzfässern abgefüllte Bier nun mit Pferd und Wagen ab. Das änderte sich 1876. Denn Theobald Simon wollte expandieren und sein Bier über die Grenzen Bitburgs hinaus verkaufen. Er startete mit dem Versandgeschäft und ließ das Fassbier für die Gasthäuser der Umgebung mit eigenen Pferdefuhrwerken anliefern. Sie bestimmten das Bild jener Jahre - siehe Foto aus den 1930er Jahren. Das erste Bier nach Pilsener Art wurde 1883 in Bitburg gebraut. (red)/Foto: Bitburger Brauerei