Düstere Vision

SPEICHER. Eine Woche lang schalten viele Speicherer Gewerbetreibende nach Geschäftsschluss die Beleuchtung ihrer Schaufenster aus. Kunden soll klar werden: So könnte es enden, wenn immer weniger ihre Einkäufe in Speicher erledigen.

Wer dieser Tage nach Einbruch der Dunkelheit durch den Ortskern von Speicher (3100 Einwohner) geht oder fährt, wird sich möglicherweise über viele schwarze Häuserfronten wundern. Grund ist eine ungewöhnliche Aktion des Gewerbevereins. "Allein im vergangenen Jahr haben sechs Einzelhandelsgeschäfte in Speicher geschlossen", sagt Ernst Follmann, Kassenwart des Gewerbevereins, besorgt. "Die Leute sollen sehen, was passiert, wenn es so weitergeht." Noch lassen sich praktisch alle Einkäufe in Speicher erledigen.Nachfolge-Kandidaten sehen keine Perspektive

Beispiel Hausbau: Vom Immobilienmakler über den Architekten und die Baufirma bis zum Inneneinrichter und Fotografen für die Eröffnungsfeier wird der Bauherr in Speicher fündig. Wenn sich der Trend jedoch fortsetzt, dass immer mehr Kunden für immer mehr Dinge in die Städte fahren, schrumpft zwangsläufig das Angebot in Speicher. Wenn Kunden dann schnell etwas brauchen oder nicht mobil sind, kann das ein böses Erwachen zur Folge haben. "Das große Potenzial vor Ort wird nicht erkannt", sagt Gewerbevereins-Vorsitzender Andreas Gerlach. "Wenn es wegfällt, beklagen sich die Leute, dass sie so weit fahren müssen. Man muss auch an Ältere denken, die nicht mehr mobil sind. Und alt werden wir alle mal." In vielen Betrieben deuten sich auch Probleme bei der Nachfolge an. "Geschäftsinhaber wollen sich in absehbarer Zeit zurückziehen, finden aber keine Nachfolger, weil denen die Perspektive fehlt", beschreibt Gerlach die Misere. Über Leerstände von Geschäften werde zwar allerorten geklagt. In einem Ort wie Speicher falle das jedoch gravierender ins Gewicht als in einer größeren Stadt. Bei der außerordentlichen Mitgliederversammlung des Gewerbevereins befürworteten die Teilnehmer einstimmig, die Beleuchtung der Schaufenster jeweils nach Geschäftsschluss auszuschalten. Auch Nichtmitglieder werden gebeten, bei der Aktion mitzumachen, um einen möglichst großen Effekt zu bewirken. In der Öffentlichkeit hielt der Verein den Plan zunächst geheim, um die Bürger erst einmal zu überraschen und zum Nachdenken anzuregen. Seit Dienstagabend läuft das Projekt. Wo sonst helle Strahler bis 22 Uhr oder länger brennen, herrscht Dunkelheit. Rund 20 Geschäfte im Ortskern machen mit. Sie hängen ein Logo in Plakatgröße ins Schaufenster: "Vision Speicher 2010 - Die Zukunft hat schon begonnen"."Identifikation mit der Gemeinde"

"Wir können und wollen die Leute nicht zwingen, in Speicher zu kaufen", stellt Gerlach klar. "Es geht um die Identifikation mit der Gemeinde." Die Aktion solle deutlich machen, dass alle in einem Boot säßen und an einem Strang ziehen müssten, um das Angebot zu erhalten. Die Stärke des Einzelhändlers sei der Service, sich individuell um den Kunden zu kümmern. Der Gewerbeverein bemühe sich, die Einzelaktionen Gewerbetreibender zu bündeln. Auf fruchtbaren Boden sei auch das Anliegen gefallen, dass Mittwochnachmittags möglichst viele Geschäfte öffnen (der TV berichtete). Gerlach: "Wir begrüßen die Bestrebungen der Ortsgemeinde, im Ortskern etwas zu verändern und den Gewerbeverein bei der Planung einzubeziehen. Wir sind bereit, mitzuarbeiten."