Ehemaliger Schüler des Albertinum Gerolstein fordert Geld vom Bistum

Bislang vergebens : Ehemaliger Schüler des Albertinum Gerolstein fordert Geld vom Bistum

Ein ehemaliger Schüler des Albertinums verlangt 80 000 Euro Schadenersatz vom Bistum Trier. Acht Jahre lang habe er im Gerolsteiner Internat Gewalt erlebt. Die Kirche will bisher nicht zahlen, weil es nicht um sexuellen Missbrauch gehe. Derweil zweifeln Kritiker vor Beginn der Aufarbeitung an der Unabhängigkeit der Ermittler.

Der Fußball fliegt aufs Netz zu. Ein fast unhaltbarer Schuss. Doch der Torwart ist gut, richtig gut. Gerade elfjährig, ist der Trierer der Held des löchrigen Ascheplatzes. Er wirft sich in den Staub und hält das Leder. Für ihn und die anderen Jungs ist das Kicken eine Flucht aus dem Alltag im Albertinum. „Knast“ oder „Hölle“ nennen sie das bischöfliche Internat in Gerolstein. Ein Zuhause, in dem sie verprügelt und gedemütigt werden, mancher sexuell missbraucht.

Dass es solche Vorfälle unter der Aufsicht aller drei Direktoren der Einrichtung gab, hat das Bistum Trier vergangenes Jahr eingeräumt. Gerüchte hatten länger die Runde gemacht. Aufgedeckt wurden die Vergehen der Leiter und Aufseher aber erst durch einen Volksfreund-Artikel. Seitdem haben sich mehrere mutmaßlich Betroffene in der Redaktion gemeldet. Manche haben sich aber auch direkt an den Trierer Bischof und Missbrauchsbeauftragten der deutschen Bischofskonferenz, Stephan Ackermann, gewandt. Unter ihnen ist Ulrich Fremgen.

In einigen Briefen schildert der Mainzer dem Bistums-Chef, was er in den späten 60er und frühen 70er Jahren im Albertinum erlebt hat. Und er bekam auch Antworten, wie der Schriftwechsel zeigt, der dem TV vorliegt. Allerdings waren es keine, die den ehemaligen Schüler zufriedengestellt haben. Aber zurück in die Vergangenheit, so wie Fremgen sie schildert:

Das Fußballspiel ist vorbei, die Glocke läutet. Und für die Kinder beginnt ein Spießrutenlauf. Sie müssen es vor 15 Uhr in den Studiersaal schaffen, sonst setzt es Schläge. Der Oberpräfekt, eine Art Aufseher, steht – wie so oft – bereits im Türrahmen. Er schlägt mit dem Stock auf Beine und Rücken der Jungs, die sich aneinander vorbeidrängeln, und lacht: „Na, wollt ihr wohl endlich kommen, wollt ihr euch wohl beeilen?“

Als alle 25 Kinder dann sitzen, ruft er einen der Schüler nach vorne. Es ist der Torwart. „Du bist so ein kleines Schwein, immer dreckig und schmuddelig“, sagt der Aufseher. Aber das sei bei seiner Herkunft ja kein Wunder. Die Eltern des Elfjährigen sind keine reichen Leute. Sie leben in einem ärmeren Teil von Trier.

„Zieh deine Hose aus“, befiehlt der Aufseher seinem Schützling vor der versammelten Schülermannschaft. Er habe gehört, dass die Unterhose des Jungen dreckig sei. Das wolle er nun überprüfen. Der Torwart weint, fleht, seine Hose nicht ausziehen zu müssen. Doch der Aufseher prügelt so lange, bis er es doch tut. Niemand im Saal sagt etwas, keiner traut sich, die Stille zu durchbrechen. Die Unterhose ist sauber, blütenweiß. Und das scheint den Oberpräfekten noch mehr in Rage zu versetzen. Er legt den Torwart über das Pult und schlägt weiter auf ihn ein.

„Hemmungslos“, schreibt Fremgen in seinem ersten Brief ans Bistum. Es sei nur ein Beispiel für die Erziehungsmethoden im Albertinum, die er beobachtet und zu spüren bekommen habe. In dem Schreiben, das mit „Sehr geehrter Herr Bischof“ beginnt, heißt es weiter: „Es gab Gewaltausübung durch den Oberpräfekten, die ich nur als sadistisch und erniedrigend bezeichnen kann. Und ich habe Verhaltensweisen miterlebt, die ich als sexuell übergriffig bezeichnen würde.“

Der Brief erzählt von Stockschlägen und Kopfnüssen. Es ist aber auch von zwei Jungs die Rede, die „gegen ihren Willen auf dem Schoß“ des Oberpräfekten sitzen mussten, während dieser ihnen durch die Haare streichelte. Warum Fremgen dem Bischof all das schreibt? „Weil meine Seele damals Schaden genommen hat“ und weil seine „Gefühlswelt“ seit dem Internat „einen Knacks“ habe.

Bei einem Meditationskurs, schildert er, habe er einen ganzen Nachmittag damit zugebracht, den Aufseher „in Gedanken auf verschiedene Weise umzubringen“: „Nur das Totschlagen mit den bloßen Fäusten hat eine annähernde Befriedigung verschafft.“ Aus dem Schreiben wird klar: Fremgen will sich anvertrauen. Er braucht nur einen Seelsorger – zumindest im März 2010. Denn sein Anliegen sollte sich bald ändern.

Fremgen verfasst den ersten Brief acht Jahre bevor der Volksfreund  die Vorfälle im Albertinum aufdeckt. Antwort bekommt er vom damaligen Leiter der Stabsstelle Priester. In dem etwa eine Din-A-4-Seite langen Schreiben heißt es: „Mir verbleibt nur noch, in stellvertretender Weise im Namen der Kirche um Entschuldigung zu bitten für das, was Ihnen in einem kirchlich getragenen Haus widerfahren ist.“

Danach vergehen acht Jahre, in denen der ehemalige Schüler denkt, das Thema sei für ihn erledigt. Dann stößt er im Internet auf den TV-Artikel über die Vorfälle. Und da kommt alles wieder hoch. Im Juni 2018 beschließt er, einen zweiten Brief zu schreiben. Auch weil die Antwort auf den ersten ihm „nichtssagend“ vorkommt.

Darin fordert er zum ersten Mal eine Wiedergutmachung vom Bistum. Acht Jahre lang habe er „unter kirchlicher Obhut Gewalt, Demütigung und Willkür erleiden müssen. Sein Arbeitsleben und seine Beziehungen hätten gelitten. Daher fordert er einen Schadenersatz von 80 000 Euro.

Nach wenigen Tagen erhält Fremgen einen Brief vom Bistum. Der Bischof werde ihm antworten, heißt es dort, wegen der Urlaubszeit könne es allerdings dauern. Als der Mainzer bis zum 14. November nichts hört, schreibt er einen weiteren Brief: „Nachdem ich jetzt gut vier Monate gewartet habe, würde ich mich über eine baldige Antwort des Herrn Bischof freuen.“

Zwei Tage später liegt ein Umschlag vom Domvikar in Fremgens Briefkasten. Dort heißt es: Die Vorgänge im Albertinum würden derzeit aufgearbeitet. Und sein Fall werde im Rahmen dieser Untersuchung „zu den Akten genommen“. Über den geforderten Schadenersatz verliert der Absender kein Wort.

Bis heute hat der Mainzer kein Geld bekommen. Bistumssprecherin Judith Rupp erklärt das auf TV-Anfrage so: „Im Fall des Herrn F. handelt es sich nach dessen Angaben nicht um sexuelle, sondern physische Gewalt. Daher greifen hier nicht die Leitlinien mit den Vorgaben zu Leistungen als Anerkennung erlittenen Leids.“ Außerdem wolle man die Ergebnisse der angekündigten Untersuchung abwarten.

Diese Aussage wirft bei Fremgen die Frage auf:  „Was hat das Bistum eigentlich die letzten acht Jahre gemacht?“ Auch darauf gibt Rupp eine Antwort: „Wir hatten 2010 nur sehr wenige und teils anonyme Hinweise auf Vorgänge im Albertinum, die nicht nachprüfbar oder beweisbar waren, so dass in der damaligen Situation von einer Veröffentlichung abgesehen wurde.“ Dafür hat Fremgen kein Verständnis: „Verschweigen, verzögern, nur etwas zugeben, wenn es nicht mehr anders geht.“ Das sei die Strategie der Kirche.

Mit dieser Meinung ist er nicht allein. Ein weiterer Bistumskritiker hat sich in den vergangenen Wochen bei der Redaktion gemeldet. Der Mann, der anonym bleiben will, zieht auch die geplante Untersuchung in Zweifel. Er mutmaßt, dass die Ergebnisse der Ermittlung gar nicht veröffentlicht werden sollen. Und dass die Kirche keinen „externen Ermittler“, sondern einen Vertreter der Caritas für diese Aufgabe bestellt habe. Von Unabhängigkeit könne daher keine Rede sein.

Das Albertinum steht seit einigen Jahren leer. Foto: Mario Hübner

Bistumssprecherin Rupp weist diese Vorwürfe zurück: Die „zu beauftragenden Personen“ seien nicht bei der Caritas beschäftigt, „die Veröffentlichung der Untersuchungsergebnisse wird nach Abschluss des Projektes erfolgen“. Wann diese Ergebnisse vorliegen, und wie sie vorgestellt werden, könne sie derzeit nicht sagen. Der Abschluss eines Vertrags zur Aufarbeitung stehe aber bevor.

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