Eifeler Bauern kämpfen um ihren Ruf und ihre Zukunft

Landwirtschaft : Eifeler Bauern haben die Schnauze voll und schreiben offenen Brief

Die Bauern sind es leid: Man werde für alles Schlechte in der Welt verantwortlich gemacht. Viele haben keine Lust mehr. Der TV hat sich mit einigen in Prüm getroffen.

Tierquäler. Insektenkiller. Luftverpester. Grundwasservergifter. Klimamörder: Die spontane Umfrage unter den Bauern beim Gespräch in der Prümer TV-Redaktion zu den gängigsten Vorwürfen ist schnell erledigt: Sie kennen das alles, es hängt ihnen zum Hals heraus. Und sie hatten deswegen ein offenes Gespräch angeboten. Denn sie wollen etwas dagegen setzen.

Sehr gern: Mit dabei sind Gudrun Breuer aus Winringen, Christian Hoffmann aus Eisenach, Franz-Josef Sohns aus Wiersdorf, Michael Horper, Präsident des Bauernverbands Rheinland-Nassau aus Üttfeld und Andreas Lenz (Elcherath) vom Verbandsbüro in Bitburg. Am Telefon kommt dann noch Michael Steils aus Sellerich-Herscheid hinzu.

Der Brief im Wortlaut - Seite 1. Foto: TV

Denn Steils gab den Anstoß für einen Brief, den die Landwirte im Bauernverband über ihr eigenes Blatt und die Zeitungen an die Gesellschaft richten wollen. Kernaussage: „Wir machen Sie gerne satt. Aber so langsam sind wir es satt, immer im Fokus der vielfach unberechtigten Kritik zu stehen.“ Das gehe bis zum Mobbing von Bauernkindern an den Schulen.

Der Brief im Wortlaut - Seite 2. Foto: TV

„Das ist ein Prozess, der schon lange gärt“, sagt Steils, der auf seinem Hof 380 Tiere hat. Bei allen Problemen, die man mit Bürokratie, Niedrigpreisen und Wetterkatastrophen habe, komme noch die öffentliche Wahrnehmung dazu: „Ich komme mir vor wie so ein Doofer, der an die Wand geschlagen wird.“ Egal, worum es gehe. Es heiße immer „die bösen Bauern“.

Gudrun Breuer aus Winringen. Foto: Fritz-Peter Linden

Die Stimmung unter den Kollegen sei so düster wie noch nie zuvor, sagt Milchbauer Franz-Josef Sohns (150 Tiere). „Die haben die Schnauze voll. Die meisten denken: Ihr könnt uns mal.“ Er sei es dermaßen leid, sagt Christian Hoffmann, „mir vom Verbraucher Frechheiten anzuhören. Irgendwann ist das Maß voll.“ Er ist Schweinehalter, einer von nur noch etwa 80 im Eifelkreis Bitburg-Prüm. Und steht wie seine Kollegen im Sperrfeuer der Diskussion um die Kastration der männlichen Ferkel – wir kommen darauf noch zurück.

Franz-Josef Sohns aus Wiersdorf. Foto: Fritz-Peter Linden

Egal, was man als Landwirt auch mache: „Du musst dich für alles rechtfertigen“, sagt Gudrun Breuer. Die Breuers haben 100 Tiere im Stall, Junior Alexander hält zudem seit vorigem Jahr Legehennen, wie überhaupt immer mehr Bauern in der jüngeren Zeit. Das laufe gut, sagt die Mutter. Aber auch die Hühnerhalter müssen sich wehren: „Jeder möchte ein regionales Produkt“, sagt Gudrun Breuer. „Aber wehe, es wird ein Stall gebaut. Dann kommen sofort die Initiativen und Bedenkenträger und sagen: Ihr verpestet alles.“ Und schon wirft Andreas Lenz die Begriffe „Mega-Ställe“ und „Massentierhaltung“ in die Runde – dabei erfüllen die modernen Großställe die höchsten Standards. „Die Familien gehen da mit ganzem Risiko rein und investieren ihr Vermögen“, sagt Lenz. „Und dann kommen die Vorwürfe. Dabei wollen die doch eigentlich was Gutes.“

Michael Horper aus Üttfeld. Foto: Fritz-Peter Linden

Gudrun Breuer bestätigt das: „Das sind unsere Tiere. Das ist unser Land. Warum sollen wir nicht pfleglich damit umgehen?“ Weshalb sie auch morgens zuerst in den Stall gehe, bevor sie sich „an den reich gedeckten Tisch setze“.

Christian Hoffmann aus Eisenach. Foto: Fritz-Peter Linden

Klar: Es gibt auch die anderen. Die mit ihrem Betrieb überfordert sind. Bei denen ein schmuddeliges, unappetitliches Durcheinander herrscht. Die sich wenig um das Wohlergehen ihrer Tiere scheren. Das wissen sie alle, das passt ihnen auch nicht. Aber Franz-Josef Sohns hat darauf eine gute Antwort: „Warum soll es unter Bauern keine Idioten geben?“ Stimmt. Es gibt sie überall. In anderen Berufen aber fallen sie nicht so auf. Und es schauen nicht so viele so genau hin.

Andreas Lenz vom Bauernverband. Foto: Fritz-Peter Linden

Dass sich die Landwirtschaft ändern muss, das gestehen alle ein. Und haben es teils auch schon getan. Stichwort Glyphosat: Er sei „ein stinknormaler Milchbauer“, sagt Sohns, und habe das umstrittene Mittel schon seit zehn Jahren nicht mehr verwendet. Christian Hoffmann benutzt es „vielleicht alle fünf Jahre auf einer Problemfläche“.

Seine Schweine haben 20 Prozent mehr Platz als vorgeschrieben. Und Beschäftigungsmaterial. Er tut mehr als verlangt – aber auch er muss seine kleinen Eber kastrieren. Denn das Fleisch der männlichen Tiere kann, bei etwa zwei Prozent, einen unangenehmen Geruch entwickeln. Die Schlachthöfe würden es den Bauern nicht abnehmen.

„Und wenn du einmal den Geruch in der Nase hast“, sagt Hoffmann, „dann willst du kein Fleisch mehr.“ Aber gibt es denn wirklich keine andere Methode als die betäubungslose Kastration? Doch. Nur sind die verboten oder nicht praktikabel. Hoffmann würde am liebsten eine lokale Anästhesie verwenden. Aber das Mittel dazu ist in Deutschland nicht zulässig. Konsequenz: Der 39-Jährige denkt schon jetzt darüber nach, alles dranzugeben. Dann habe er wenigstens seine Ruhe.

„Die ganzen Leute auf den Höfen, die mit Enthusiasmus dahinterstehen, werden irgendwann feststellen: Das rechnet sich nicht mehr“, sagt Sohns. Sie wären auch bereit, noch mehr für saubere Erzeugnisse und für das Wohl ihrer Tiere zu tun. Gern für bessere Preise. Aber das funktioniere auch nicht: Dann werde den Bauern wieder vorgehalten, sagt Gudrun Breuer, „dass sie nur an ihren Profit denken“.

„Die Leute fordern viel“, hält Michael Steils dagegen. „Aber dann gehen sie bei Aldi das Billigste kaufen.“

Es sei ihm wichtig zu erwähnen, dass die Bauern auch selbstkritisch seien, sagt Sohns. Stichwort Klimawandel: „Wir haben schon eine Bringschuld, und wir sind uns dessen auch bewusst. Aber mit Prügel funktioniert das nicht.“

Noch gibt es 1400 Betriebe im Kreis, die Hälfte davon im Haupterwerb. Umsatz im Schnitt bei diesen Betrieben: „Mindestens 250 000 Euro im Jahr“, schätzt Michael Horper. Aber das sind nur die Höfe. Da sind ja dann noch die Land- und Maschinenhändler, die Metzger, Molkereien, Schlachthöfe und viele weitere Betriebe: Insgesamt stehe die Landwirtschaft im Kreis für einen Umsatz von mindestens 200 Millionen Euro im Jahr. Das drohe alles verloren zu gehen. Und sei dann „nicht mehr zurückzuholen“.

Die Gefahr aber wächst, dass es genau so kommt. Er würde sich nicht wundern, sagt Michael Steils, wenn seine Kinder eines Tages sagten: „Mama, Papa, tut mir leid, aber ich mach was anderes.“

Und dann, sagt Franz-Josef Sohns, bleibe in 30 Jahren, wenn die Bauern hier alle aufgehört hätten, nur noch eins: „Nahrungsmittel zu kaufen, die aus China oder Südamerika kommen.“ Und niemand, ergänzt Michael Steils, werde mehr fragen, ob die gentechnikfrei erzeugt seien. „Und mit welchen anderen Standards“, sagt Gudrun Breuer.

Vielleicht haben ja die jungen Landwirte es richtig gemacht, die beim Beda-Markt ein Schild präsentierten, mit dem sie die Besucher zum Gespräch aufriefen: „Dagegen sein ist einfacher als zu verstehen. Wir klären auf.“ Das gefiel auch den Vertretern der Landwirte in Prüm: Gutes Motto, finden sie. So könnte es gehen.

Mehr von Volksfreund