Eifeler Helfer in der Not brauchen Verstärkung

Eifeler Helfer in der Not brauchen Verstärkung

Bei Verlust eines Menschen durch einen Unfall, Suizid oder erfolgloser Wiederbelebung schickt das DRK Notfallnachsorger, um den Hinterbliebenen über den Schock hinwegzuhelfen. Das DRK sucht für das Team Verstärkung.

Zu Hause angekommen, zieht Oliver Pick zuerst seine lila Fleece-Jacke aus und hängt sie an den Haken der Garderobe. Auf dem Rücken steht in weißen Großbuchstaben "Notfallnachsorge". Dann stellt er seinen Rucksack in die Ecke und geht duschen. "Je nach Belastung bin ich erstmal froh, aus den Klamotten rauszukommen", sagt der DRK-Notfallhelfer. Danach schlüpft der 47-Jährige in seine "Wohlfühlsachen" und setzt sich mit einem Pott Kaffee aufs Sofa.

Sein Kollege Harald Igelmund lässt den emotionalen Stress auf andere Weise hinter sich: "Ich drehe schon beim Autofahren die Musik voll auf - das hilft."

Menschen aus der Krise helfen

Aber zunächst helfen sie: Menschen, die sich plötzlich in einer Krisensituation befinden. Oder die damit fertig werden müssen, dass plötzlich jemand aus ihrer Mitte gerissen wurde. Angehörigen, Zeugen oder Opfern und neuerdings auch Einsatzkräften wie Rettungssanitätern oder Feuerwehrleuten.

Alarmiert werden die ehrenamtlichen Notfallversorger von der Leitstelle des DRK. Die gibt ihnen auch erste Informationen, die sie von den Rettungsdiensten vor Ort sind, erhalten hat.

Zu zweit machen sich die Helfer auf den Weg. Zum Motorradunfall, wo ein Mann gerade seinen besten Kumpel verloren hat, mit dem er eine schöne Tour durch die Eifel geplant hat. Zur Ehefrau, die zu Hause mit zwei Kindern sitzt und der sie sagen müssen, dass sich ihr Mann umgebracht hat. Zur 80-Jährigen, deren Mann am plötzlichen Herztod verstorben ist.

Manchmal hilft auch nur zuzuhören

"Ich stehe an der Tür und weiß, wenn ich jetzt klingele, verändere ich in den nächsten Minuten den Lebenslauf der Person, die mir öffnet", sagt Harald Igelmund, der die Notfallnachsorge mit gegründet hat. Oft fährt der 50-Jährige mit der Polizei mit, um die Todesnachricht zu überbringen. "Manche bleiben ganz ruhig, bei anderen herrscht das pure Gefühls-Chaos. Die wollen das nicht wahrhaben."

"Wir fangen die ersten Gefühle auf. Manchmal hilft es schon, nur zuzuhören oder das Schweigen gemeinsam zu ertragen", sagt Igelmund. Und dann kommt sie, die Frage nach dem "Warum?" Warum musste mein Kind sterben? Warum hat er das Motorrad genommen und nicht das Auto? Warum passiert das ausgerechnet mir? "Die Frage kommt immer", sagt Pick, "aber wir haben keine Antwort darauf."

Die Helfer sind gut ausgebildet. Vor dem ersten Einsatz vermitteln Experten das nötige Handwerkszeug. Um Kriseninterventionshelfer zu werden, muss man 80 Stunden an fünf Wochenenden absolvieren.

Oliver Pick hatte 2009 einen Artikel über die Aufgabe der Notfallbegleiter gelesen. "Das hat mich interessiert", sagt der Leiter der Grundschule in Idesheim. Er hat sich zum Infoabend angemeldet und danach die Ausbildung gemacht.
Geprägt hat ihn ein Einsatz vor vielen Jahren, als in einem Zeltlager jemand gestorben ist und er sich um die Angehörigen gekümmert hat. "Es besteht die Gefahr, sich aufzuopfern, sich in einem Fall zu verlieren - dann braucht man irgendwann selbst Hilfe. Man soll nicht mitleiden, aber man sollte empathisch sein und sich in die Situation reinfühlen können", sagt er.

Die Ausbildung habe ihm das nötige Know-how vermittelt.
"Die Zeit heilt alle Wunden - das ist so ein Satz, der überhaupt nicht geht", sagt Pick. Es gebe generell kein Raster und auch keine Schema F, nach dem man verfahren könne. "Jeder Einsatz ist anders", bestätigt sein Kollege.

Im vergangenen Jahr ist Oliver Pick 27-mal ausgerückt. Insgesamt war er 71 Stunden im Einsatz. Die Fahrkosten bekommt er ersetzt - seine Hilfe leistet er ehrenamtlich. Finanziert wird die Notfallversorgung aus Spenden.
Auch der Arbeitgeber muss sich kooperativ zeigen. So wie der Landesbetrieb Mobilität in Gerolstein, bei dem Igelmund in der Verwaltung tätig ist. Denn die Notfälle passieren zu jeder Tages- und Nachtzeit. Harald Igelmund ist ein positiver Mensch. Bei ihm sei das Glas immer halb voll, nicht halb leer. "Ich möchte den Menschen helfen, Hoffnung geben. Ihnen zeigen, dass das Leben auch nach einem Schicksalsschlag weitergeht."
"Man braucht selbst eine positive Lebenseinstellung. Sonst wird es schwierig, anderen Menschen aus dem emotionalen Loch zu helfen", sagt Pick.

Wenn bei einem Einsatz auch Kinder betreut werden müssen, dann ist er meist mit dabei. Der Schulleiter hat schon aufgrund seines Berufs einen guten Zugang zu Kindern und Jugendlichen. Doch auch bei noch so viel Professionalität perlt das Erlebte nicht automatisch bei den Helfern ab.
"Wenn ich nach einem Einsatz sofort zur Arbeit muss, dann suche ich den Ausgleich am Nachmittag", sagt Pick. Dann steigt er ins Auto und fährt an die Mosel nach Trier. Da liegt sein Ruderboot. "Rudern - das ist super beruhigend."
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HILFE FÜR
HINTERBLIEBENE

Die psychosoziale Notfallversorgung des DRK im Kreisverband Bitburg-Prüm hat zurzeit 20 Kräfte. Diese wurden im vergangenen Jahr zu insgesamt 47 Einsätzen gerufen. Unter anderem haben sie sich 19 Mal nach einem plötzlichen Todesfall um die Hinterbliebenen gekümmert. Zweimal haben sie Gewaltopfer betreut, dreimal Hinterbliebene nach einem Suizid.

EHRENAMTLER
GESUCHT

Das DRK sucht Menschen, die sich vorstellen können, das Team der Notfallnachsorge zu verstärken. Wichtige Voraussetzungen sind: psychische Stabilität, Lebenserfahrung, Einfühlungsvermögen, Geduld und die Fähigkeit zum Zuhören, Bereitschaft zur Aus- und Fortbildung. Es gibt zwei Informationsabende: in Bitburg am Montag, 20. Februar, um 19 Uhr beim DRK-Kreisverband, Rot-Kreuz-Straße 1-3 und am Dienstag, 21. Februar, 19 Uhr im DRK-Heim, Kalvarienbergstraße 4 in Prüm (gegenüber Jugendgästehaus, Hintereingang).