Ein ganz normaler Beruf?
Lea Ackermann ist die bekannteste Ordensfrau Deutschlands. Sie trägt das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, den Verdienstorden des Landes Rheinland-Pfalz und die Ehrenbezeichnung "Frau Europas". Unerbittlich kämpft die promovierte Pädagogin gegen Zwangsprostitution und Menschenhandel.
Bitburg. Initialzündung war ein deprimierendes Schlüsselerlebnis in Ostasien. Lea Ackermann berichtet: "Nachdem der Taxifahrer es eilig hatte herauszufinden, dass der Bischof und ich kein Ehepaar waren, kam er sofort und ungeniert zur Sache: meine kleine Schwester, sehr jung, sehr hübsch, die ganze Nacht....".Das Thema des Referates von Lea Ackermann lautete "Was mir keine Ruhe lässt - Handel mit Mädchen und Frauen mitten unter uns". In engem Bezug dazu stand der vorhergegangene Vortrag von Pater Professor Fritz Köster "Die Propheten des Alten und Neuen Testaments - Gegenwartskritiker und Unruhestifter". Während ihre Worte bis heute aktuell seien, entspreche die heutige Polarisierung nicht mehr ursprünglicher Intention und Tradition, konstatierte der Pater. Derzeit finde die Eucharistie überproportionale Beachtung. Die Menschen seien heute anders gepolt, als Jesus es wollte. Er habe aktive Nächstenliebe gepredigt.Die Empörung müsse wachsen
Aktives Handeln zumindest fordert Lea Ackermann. Die Empörung über das, was bei uns geschieht, müsse wachsen. Seit mehr als 20 Jahren ist die Ordensfrau Vorsitzende des von ihr gegründeten und inzwischen weltweit agierenden Solwodi, Solidarität mit Frauen in Not (Solidarity with women in distress). Bundesweit gibt es dreizehn Beratungsstellen für ausländische Frauen und Mädchen, die durch Menschenhandel, Heiratsagenturen, Sextourismus und kriminelle Arbeitsvermittlung nach Deutschland kommen und in Not geraten.Angst vor Rotlicht-Rache
"Leicht ist das freilich nicht", sagt Lea Ackermann. Laut deutscher Gesetzgebung sei die Prostitution ein legaler Beruf wie jeder andere. Und wo alles legal ist, gebe es für Polizei und Justiz kaum Anlass oder Handhabe zu Kontrollen. Auch würden die falschen Fragen gestellt. Fließend sei die Grenze zwischen freiwilliger und erzwungener Prostitution. Man müsse genau hinsehen. Hinzu komme die unterschiedliche Mentalität vieler Nationalitäten. Fast immer sehe man sich bei den verängstigten und eingeschüchterten Migrantinnen einer Mauer des Schweigens gegenüber. Die Angst vor Rotlicht-Rache, aber auch vor vielfach kaum nachvollziehbarem Behördenverhalten und brutaler Abschiebepraxis sei sehr groß. "Vor dem verbrecherischen Handel mit der Ware Frau in unserer nächsten Nähe dürfen wir nicht die Augen verschließen", resümiert Ackermann. Unterstrichen wird die Thematik durch einen ausdrucksstarken Tanz der luxemburgischen Künstlerin Annik Pütz.Die Zuhörer, fast nur Frauen, sind betroffen. Lebhaft wird diskutiert. Unterschiedliche Meinungen werden geäußert, Fragen gestellt. Kann Moral per Gesetz verordnet werden? Warum lassen Medien eindeutige, widerwärtige, auch für Kinder zugängliche Sex-Annoncen zu? Über geeignete Maßnahmen wird nachgedacht. Empörung über Behördenwillkür kommt auf. Und was ist mit den Freiern? Werden nur die Frauen geoutet und kriminalisiert, während sie anonym bleiben? Haben die Freier keine Verantwortung? Warum stellen sie keine Fragen, warum bleiben sie nicht weg? Sollte man sie bestrafen - und wenn ja, wie?Die meisten Fragen bleiben unbeantwortet
Der Einwand, das älteste Gewerbe der Welt sei ein notwendiges Regulativ, will nicht recht einleuchten. Fragen über Fragen. Die meisten bleiben unbeantwortet. So auch die Kernfrage: Zwangsprostitution und Mädchenhandel - ein ungelöstes oder unlösbares Problem? Weitere Informationen gibt es im Internet unter der Adresse www.solwodi.de