Ein geheimnisvolles Paket ohne Absender

Schleiden · Eine bislang noch unbekannte Person hat Udo Meister, Bürgermeister von Schleiden, ein Paket geschickt. Der Inhalt: ein sehr altes Buch aus dem Jahr 1598, eine alte Münze, eine Tonscherbe und eine Versteinerung. Warum der Bürgermeister das Päckchen bekommen hat, ist unklar.

Schleiden. Vor ein Rätsel hat eine unbekannte Person die Schleidener gestellt: Er oder sie hat ein kleines Paket nach Schleiden geschickt, das mit blauem Kugelschreiber an den "Burgomaster" in Schleiden, North Rhine Westphalia, adressiert wurde. Aufkleber und Stempel der "Royal Mail" geben den Hinweis, dass das Päckchen aus Großbritannien stammt. Es gibt aber weder einen Absender noch ein Begleitschreiben.
Zunächst nur Tücher


Bürgermeister Udo Meister fand das Paket morgens in der Post auf seinem Schreibtisch. Er öffnete es - und sah erst nur Papiertücher. "Ich habe zunächst eines der Tücher aufgemacht", sagte Meister.
Als er einen Blick auf den Inhalt des ersten Päckchens warf und feststellte, dass es sich wohl um sehr alte Dinge handelt, stoppte er sofort: "Die fasse ich nicht an. Die gebe ich lieber Leuten, die etwas damit anfangen können." Er ließ die geheimnisvolle Lieferung ins Stadtarchiv bringen. Da Archivar Wilfried Ück Urlaub hatte, war es an Klaus Stüber aus Gemünd, Mitglied des dortigen Geschichtsvereins und ehrenamtlicher Vertreter Ücks, sich um die Post aus England zu kümmern - der "Burgomaster" wollte sich überraschen lassen, was es mit dem Inhalt des Päckchens auf sich hat.
Ein sehr altes Buch, datiert auf das Jahr 1598, fand sich darin. Es ist in Leder gebunden. 1000 Seiten sind mit winzigen Lettern in lateinischer Sprache bedruckt. Ein versteinerter Ammonit war ebenfalls in ein Papiertuch gewickelt.
Die nächsten Tücher gaben eine alte Tonscherbe preis, einen kleinen Zinnbecher mit einem Bildnis und der Aufschrift von Kaiserin Maria Theresia und eine goldene Münze, auf der ein Mann zu sehen ist, sowie den tönernen Boden einer Schale.
Neben einem versteinerten Ammoniten fand sich auch eine Münze.
Besonders fasziniert war Stüber von dem dicken, alten Büchlein. Verfasser war Justus Lipsius, 1547 in Flämisch-Brabant geboren und 1606 in Löwen gestorben. Der flämische Rechtsphilosoph und Philologe entstammte einer wohlhabenden Familie. Dank des Erbes seines 1565 verstorbenen Vaters konnte er sich der Forschung hingeben.
Sein Buch, das nun in Schleiden gelandet ist, enthält die erste kritische Tacitus-Werkausgabe, seine "Edition von Tacitus" (Cornelii Taciti, Opera Omnia). Deren erste Ausgabe veröffentlichte Lipsius 1574 in Antwerpen, es folgten mehrere Neuauflagen.
Publius Cornelius Tacitus wurde um 58 nach Christus geboren und starb um 120. Er war ein bedeutender römischer Historiker und Senator.
Besonders interessant: Tacitus schrieb über Jesus Christus und das frühe Christentum. Er lieferte nicht nur ein außerbiblisches Zeugnis über Jesus, sondern schrieb auch über den Brand Roms im Jahr 64.
Auf das Internet setzte Stüber bei seinen Nachforschungen über das Buch und seine Herkunft seine Hoffnung - sehr ergiebig war diese Recherche bislang nicht.
Fasziniert ist Stüber von den versteinerten Ammoniten. Das sind ausgestorbene Kopffüßer, die im Meer lebten und von denen es etwa 30 000 bis 40 000 Arten gab.
Wer ist der Absender?


Es handele sich laut Stüber nicht um ein übliches und auch in der Eifel häufig zu findendes Kalksandsteinfossil aus der Kreidezeit. Er geht nach seinen ersten Nachforschungen davon aus, dass dieses Exemplar viel älter ist.
Viele Fragen wirft das Päckchen aus England auf. Für Meister, Ück und Stüber ist nicht nur der Inhalt spannend - sie rätseln über den Absender. Hat er eine Beziehung zu dieser Stadt? Davon gehen sie aus. Stammt er aus Schleiden? Möglich. War er im Krieg als Soldat dort, hat "Beutestücke" mitgenommen und sie nun zurückgeschickt? Nicht ausgeschlossen.