Ein Labor für gute Texte in Sassen

Literatur : Ein Labor für gute Texte

In Sassen gibt es seit rund drei Jahren eine Literaturwerkstatt: Schreibende Profis und solche, die es auf absehbare Zeit werden wollen, feilen gemeinsam an noch unveröffentlichten Romanen, Kurzgeschichten, Lyrik oder Essays.

Für Dorothea Kirsch aus Gillenbeuren ist es eine Premiere, einen selbst verfassten Text vorzutragen. Denn normalerweise ist ihre Welt die bildende Kunst, die ohne Worte auskommt: fantasievolle Installationen und Objekte. Aber Belletristik? „Als ich immer mehr Texte zu meinen Werken schreiben musste, entdeckte ich, dass ich mich auch ins Schreiben vertiefen möchte“, erläutert sie ihren Einstieg bei der Schreibwerkstatt und präsentiert ein literarisches Fragment, das einen weiten Bogen schlägt vom Weinberg, in dem die gebürtige Triererin mithilft, zu Erinnerungen an eine Jugendfreundin, die mit ihrem ungebändigten Charme alle verzauberte. Man merkt dem Stück Literatur an, dass die Schöpferin in einer sinnlichen Kunstgattung zu Hause ist, so ausdrucksstark sind die sprachlichen Bilder.

Die anderen Schreibwerkstattmitglieder sind vom Debüt beeindruckt. Und Dorothea Kirsch freut sich über das positive Feedback von Menschen, die Geschriebenes nicht nur konsumieren, sondern sich intensiver damit befassen.

Die Werkstatt findet seit rund drei Jahren in Sassen bei Hanna Jansen statt, bis zu acht Schreibende aus der gesamten Eifel und darüber hinaus treffen sich ein Mal im Monat ganztägig, um sich auf Augenhöhe über mitgebrachte Texte auszutauschen. Anders als in vielen Schreibworkshops geht es nicht um vor Ort neu formulierte Worte und Geschichten, sondern um gutes Zuhören und wertschätzende Diskussion bestehender unveröffentlichter Texte.

 Für die meisten ist die Literatur kein Beruf, aber doch mehr als ein Hobby. Jansen, mehrfach ausgezeichnete Autorin vor allem von Kinder- und Jugendbüchern, ist Initiatorin der Werkstatt und profunde Kennerin der schreiberischen Prozesse bis hin zu Lektorat und Veröffentlichungsreife. „Jeder lernt dazu“, ist sie überzeugt. „Wir haben keinen Leistungsdruck und geben keine ‚Noten‘, sondern handwerkliche Tipps, mit welchen Änderungen ein Text optimiert werden kann.“ Die Schreibwerkstatt-Mitglieder fungieren füreinander als Test-Lesepublikum: Ist ein Stück Literatur verständlich, hält es den Spannungsbogen, fasziniert und berührt es emotional? Oder bleibt zu viel allein im Kopf des Schreibenden, so dass man aus der Lektüre aussteigt?

Teilnehmer wie Winfried Herberich aus Sendscheid haben bereits eine Fülle von Texten geschrieben, aber noch nie in einem Verlag publiziert. „Das ist auch nicht mein unbedingtes Ziel“, sagt er, „ich schreibe für mich selbst, für Freunde und Familie.“ Wenn es dann doch mal einen interessierten Verlag geben sollte, wäre er jedoch nicht abgeneigt. „Es muss aber stimmen.“ Auf Erfolge im Buchmarkt schielen ist sein Hauptanliegen ebenso wenig wie das der anderen Schreibwerkstatt-Mitglieder.

Und es gibt längst innovative andere Wege, den eigenen Texten Gehör zu verschaffen. Zum Beispiel Jutta Chrisanth, die regelmäßig aus Mönchengladbach nach Sassen kommt. Sie hat für sich so genanntes Self Publishing über das Internet entdeckt und macht Lesungen anlässlich von Events oder Festen in ihrer niederrheinischen Heimat. Inspirieren lässt sie sich für ihre humorvollen Kurzkrimis und Anekdoten von Begegnungen mit anderen Menschen, von Naturbeobachtungen oder von Reisen. Dagegen verarbeitet Corny Georg aus Blankenheim ihre Reiseeindrücke zu Gedichten, Fabeln und Märchen.

In der Schreibwerkstatt hat jedes Literaturgenre einen Platz, vom eher philosophisch-historischen Essay über die Liebesgeschichte bis zum Familienroman oder zur Gruselstory. „Die Sujets und Stile sind sehr unterschiedlich, genauso wie die Charaktere der Autoren“, erläutert Hanna Jansen. Aber gerade das mache den Spaß an der Werkstatt aus, es ist immer Überraschendes dabei.

Alle eint eine Erfahrung: Das Schreiben eröffnet einen anderen Blick auf die eigene Lebensgeschichte. Es ist keine Therapie, aber eine Kunst- und Ausdrucksform, die langen Atem braucht und die über eine geduldige Auseinandersetzung mit eigenen Erfahrungen oder mit gesellschaftlichen Strömungen zu neuen Perspektiven führt. Über die bisherige Lebensdauer der Schreibwerkstatt hat sich für viele nicht nur ihr Schreibstil, sondern auch ihr Umgang mit den Herausforderungen des Alltags verändert. Eine weitere Erfahrung der Schreibwerkstatt kann ansteckend sein: „Es ist auch auf dem Land ganz einfach, loszulegen und Kultur zu machen“, sagen die Mitglieder, „niemand muss warten, bis ein Geldgeber da ist oder eine Behörde die Erlaubnis erteilt.“ Ihre Werkstatt entstand schließlich in Selbstverantwortung und aus eigener Initiative heraus, mitten auf dem Dorf.

Am Freitag, 29. November, gibt es um 19 Uhr im Kelberger Familienprojekt (Heupenmühle in Kelberg-Zermüllen) eine Lesung mit den Autoren der Schreibwerkstatt. Präsentiert werden verschiedene Literaturgattungen. Der Eintritt ist frei, um eine Spende zu Gunsten des Kelberger Familienprojektes (KeFa) wird gebeten.

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