VERKEHR: Ein Lächeln am Straßenrand

VERKEHR : Ein Lächeln am Straßenrand

Immer mehr Gemeinden schaffen sich Anlagen zur Anzeige der Verkehrsgeschwindigkeit an. Viele sammeln Daten, die als Entscheidungsgrundlage für weitere Projekte dienen können.

Um ins Gesicht seines Gegenübers ein Lächeln zu zaubern, bedarf es mitunter extremer Anstrengungen. Manchmal aber reicht es schon, einfach nur die Position des rechten Fußes leicht zu verändern: runter vom Gaspedal und stattdessen auf die Bremse - schon lacht das LED-Gesicht am Straßenrand. Wobei die Laune in den Kästen auch ganz schnell wieder kippen kann. Ist der Autofahrer auch nur einen Kilometer pro Stunde zu schnell unterwegs, gehen die Mundwinkel sofort nach unten. Eine Verkehrsgeschwindigkeitsanzeige bei (guter) Laune zu halten, erfordert eben doch ein gehöriges Maß an Selbstdisziplin.

Dass es mit letzterem bei vielen Verkehrsteilnehmen hakt, wissen Anwohner innerörtlicher Straßen nur zu gut. Weshalb auch immer mehr Orte auf die Anschaffung von Geschwindigkeitsanzeigen setzen. Allein der Energieversorger Innogy hat nach eigenen Angaben im Rahmen seines Förderprogramms „Kommunales Energie Konzept“ seit 2017 sechs Kommunen des Eifelkreises bei der Anschaffung solarbetriebener Geschwindigkeitsmessanlagen unterstützt. Zuletzt wurden zwei Anlagen in Sinspelt und Holsthum in Betrieb genommen. Und eine weitere soll demnächst in Oberweiler folgen.

Solarbetriebene Anlagen haben den Vorteil, dass sie autark und damit auch standortunabhängig sind. Und das wiederum ermöglicht einen Wechsel des Standorts – was Daniela Spilles vom Ordnungsamt der VG Bitburger Land den Gemeinden auch wärmstens empfiehlt. „Wenn die Geschwindigkeitsanzeigen zu lange an der gleichen Stelle hängen, tritt nach einigen Wochen ein gewisser Gewöhnungseffekt ein“, sagt Spilles. Und der führe dazu, dass den Geräten mit der Zeit weniger Beachtung geschenkt werde.

Diese Erfahrung hat auch Werner Becker, Ortsvorsteher in Erdorf, gemacht. Vor rund sechs Jahren wurde in Erdorf im Rahmen des Projekts Zukunfts-Check Dorf eine Anlage angeschafft. Allerdings keine solarbetriebene, sondern eine mit Stromanschluss. „Nach zwei, drei Wochen lässt die Wirkung des Geräts nach“, sagt Becker. Die Gemeinde habe deshalb drei Standorte mit Stromanschluss, an denen die Anzeige abwechselnd platziert werde. Bislang war das Erdorfer Gerät die meiste Zeit in der stark befahrenen Bonner Straße befestigt. Momentan aber hängt es in der Kyllburger Straße.

Dass die Wirkung am jeweiligen Standort mit der Zeit nachlässt, ist nicht nur ein Eindruck, sondern ein Umstand, der sich anhand von Daten belegen lässt. Die meisten Geräte zeichnen nämlich zusätzlich zur Geschwindigkeitsanzeige die gemessenen Werte auch auf. Und mit Hilfe dieser anonym erfassten Daten können dann gegebenenfalls weitere Maßnahmen in die Wege geleitet werden. Wie beispielsweise Geschwindigkeitskontrollen durch die Polizei oder aber auch Verkehrsschauen.

So kann ein Vor-Ort-Termin mit Vertreten der Gemeinde, Verwaltung, Polizei und Straßenbehörde zu der Erkenntnis führen, dass Handlungsbedarf besteht. Und das kann dann die Einrichtung einer Tempo-30-Zone, einer Fahrbahnverengung oder Verkehrsinsel zur Folge haben.

Wie Hans-Jürgen Riemann von der Polizeiinspektion Bitburg erklärt, spielt in solchen Fällen auch der sogenannte „V 85“-Wert eine Rolle. Dabei handelt es sich um einen Kontrollwert, der von mindestens 85 Prozent der Autofahrer eingehalten wird. Liegt dieser Wert bei 50 Kilometern pro Stunde und wird er von weniger als 15 Prozent der Verkehrsteilnehmer   überschritten, kann das toleriert werden.

Zu verwechseln ist dieser Kontrollwert allerdings nicht mit der an dieser Stelle zulässigen Höchstgeschwindigkeit. Dieser Wert werde von den Ordnungsämtern der Kommunen individuell festgelegt und liege deshalb oft auch über der zugelassenen Geschwindigkeit, so Riemann.

„Wir gehen nicht nur nach Zahlen, sondern schauen uns auch die Gegebenheiten vor Ort genau an“, sagt Spilles vom Ordnungsamt der VG. So könne der V 85-Wert innerhalb einer geschlossenen Ortslage durchaus auch bei 60 Kilometern pro Stunde liegen, sollten es die Straßenverhältnisse und die sonstigen Umstände in diesem Bereich hergeben.

Wenn die die Straße recht übersichtlich sei und es links und rechts hohe Bordsteine gebe, dann sei die Situation eben anderes zu bewerten als in einem unübersichtlichen Bereich mit viel Wohnbebauung, niedrigen Bordsteinen und einem Kindergarten in der Nähe. Allein die Tatsache, dass sich die Mehrheit der Verkehrsteilnehmer nicht an das Tempo 50 in der Ortschaft halte, erfordere nicht zwangsläufig eine Veränderung, so Spilles. Entscheidend sei die jeweilige Situation vor Ort und das allgemeine Ausmaß der Geschwindigkeitsüberschreitung.

Auch in Mettendorf wird der Autofahrer mit einem Lächeln empfangen – vorausgesetzt, er fährt nicht zu schnell. Foto: tv/Uwe Hentschel

Extreme Ausreißer gebe es immer, sagt die Mitarbeiterin der VG-Verwaltung, doch seien das in den meisten Fällen eher Ausnahmen. Und diese erziehe man auch nicht mit Verkehrsschildern. „Wenn jemand mit 100 durch die Ortschaft rast, dann macht er das auch, wenn wir dort eine Tempo-30-Zone einrichten.“

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