Ein neuer Sinn für Vogelsang

Ein neuer Sinn für Vogelsang

Mit rund 1000 geladenen Gästen und noch viel mehr Interessierten sind am Sonntag die langerwarteten Ausstellungen in Vogelsang eröffnet worden. NS-Dokumentation und Nationalparkausstellung informieren nun die Besucher über den Ort und die Umgebung.

Schleiden-Vogelsang. Es war nicht nur in Europa Tag des offenen Denkmals, sondern in Vogelsang sogar des neu eröffneten Denkmals. Denn nach viereinhalb Jahren Bauzeit und 45,1 Millionen Euro Kosten (der TV berichtete) konnte am Sonntag das lang geplante Forum Vogelsang mit der NS-Dokumentation "Bestimmung Herrenmensch" und der Nationalpark-Ausstellung "Wildnis(t)räume" von der Öffentlichkeit in Augenschein genommen werden.
Mit der Eröffnung der Ausstellungen im Besucherzentrum gewinnt das martialische Ensemble am Rand der Dreiborner Höhe, die böse Hinterlassenschaft der Ahnen, schließlich doch noch so etwas wie Sinn. "Im Jahr 2002 drehten sich die Diskussionen, ob man Vogelsang verfallen lassen oder nutzen solle", sagte Albert Moritz, Geschäftsführer Vogelsang IP (IP: "internationaler Platz") . "Eifeler Schweinestallarchitektur", hatte der Journalist Franz-Albert Heinen die Bauweise von Vogelsang entzaubernd bezeichnet: Vier Bruchsteinwände und ein Walmdach oben drauf.
Architektur ist unschuldig, das war die Botschaft. Die Absichten der Erbauer waren es aber nicht. Auch die Geschichte Vogelsangs erschloss sich dem uneingeweihten Besucher nicht von alleine, weswegen eine erläuternde Ausstellung dringend notwendig wurde.
Im Gegensatz zu den 2000 Quadratmetern, auf denen sich die Ausstellung zum Nationalpark Eifel ausbreiten konnte, wirken die 880 Quadratmeter für die NS-Dokumentation "Bestimmung Herrenmensch" eher bescheiden. Die Ordensburgen im Spannungsfeld zwischen Faszination und Verbrechen zu zeigen, war das Ziel der Historiker. In elf Kapitel ist die Ausstellung aufgeteilt, um das Thema Ordensburgen, Ordensjunker und ihre Rolle im Nationalsozialismus adäquat darzustellen. "Wir wollten uns von dem Ort lösen und uns den Menschen nähern, die damals auf die Ordensburgen gegangen sind, um sich dort als Führungsnachwuchs ausbilden zu lassen", sagt Stephan Wunsch, Kurator der NS-Dokumentation.
So bedrängt die räumliche Situation der Dokumentation im Westflügel ist, so komfortabel konnten die Ausstellungsmacher des Nationalparks agieren. Auf zwei Stockwerken entfaltet der Park nun seine "Wildnis(t)räume", die sehr bunt und vielfältig sind und so ziemlich alles an moderner Ausstellungselektronik nutzen, was auf dem Markt ist.
"Wir wollten nicht Wissen, sondern die Faszination, Natur zu erleben, vermitteln", sagte Michael Lammertz, im Nationalpark für Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Die Ausstellung solle auch Menschen, für die die Natur nicht selbstverständlich sei, Lust machen, dies alles nur wenige Meter entfernt auf einer Rangertour oder auf eigene Faust zu erleben.
So sind große Teile der Ausstellung dem Erleben und Entdecken gewidmet. Visuelles Glanzlicht ist die Installation "Zauber der Wildnis": In einem dunklen Raum erleben die Besucher die Geheimnisse der Natur, können sich spielerisch in das Entdecken von immer neuen Tieren im Kreislauf der Jahreszeiten einlassen. Auf 52 Kugeln projizieren Beamer Bilder aus dem Wald, die von Sensoren in den Handläufen gesteuert werden.
So komplex und herausfordernd die NS-Doku auch ist: Die Texte sind einfach gehalten. Besonderen Wert legte man auf Barrierefreiheit: Eigens für die Ausstellung entwickelte Leitlinien führen Blinde zu den entsprechenden Punkten, alle Tische sind unterfahrbar. Anfassen ist nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht, um mit allen Sinnen die Leidenschaft für die Natur in der Eifel zu wecken.
Viel Lob äußerten Laien und Fachleute gleichermaßen über die Präsentation. "Das ist ein besonderer Tag", freute sich Victor Neels, letzter Kommandant des belgischen Truppenübungsplatzes "Camp Vogelsang". Ähnlich angetan zeigte sich Leszek Szuster, Leiter der Internationalen Begegnungsstätte in Auschwitz. "Vogelsang war der Anfang und Auschwitz das Ende", zitierte er den Zeitzeugen Helmut Morlok, einst als Adolf-Hitler Schüler drei Jahre in Vogelsang.
Es sei wichtig, die Mechanismen deutlich zu machen, die Menschen zu Tätern machen. In Auschwitz wie in Vogelsang müsse die Frage gestellt werden, ob die Jugendlichen eine Chance gehabt hätten, sich zu entziehen. sev

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