Ein Ort für alle

Um den Schulstandort Speicher zu sichern, bemüht sich das dortige Schulzentrum seit Jahren um die Einrichtung einer Integrierten Gesamtschule mit gymnasialem Zweig. Aufgrund der zu geringen Schüleranmeldungen wurde dieses Vorhaben von der Schulaufsicht bislang abgelehnt. Genau wie die Einrichtung einer Realschule plus. Doch vor Ort denkt man längst nicht ans Aufgeben.

Speicher. "Die Landesregierung unterstützt den Ausbau der Integrierten Gesamtschulen in Rheinland-Pfalz und kommt damit dem Wunsch vieler Eltern und Schulträger entgegen." So steht es in einer Info-Broschüre des Bildungsministeriums, von der einige Exemplare auf dem Tisch liegen.
Daneben ist die Tür, durch die an diesem Abend rund 70 Eltern, Lehrer und Interessierte gekommen sind, um das Ministerium beim Wort zu nehmen. Denn auch Speicher bemüht sich seit Jahren um die Einrichtung einer Integrierten Gesamtschule (IGS). Bislang allerdings vergeblich (siehe Extra).
Ein Blick nach Trier


"Wir denken, wir sollten einen neuen Weg gehen", sagt deshalb Regionalelternsprecher Reiner Schladweiler. Gemeinsam mit Vertretern des Trierer Vereins "Eine Schule für Alle" ist er nach Speicher gekommen, um diesen neuen Weg vorzustellen. Ein Weg, der anders ist als die bisherigen, aber schließlich zum ursprünglichen Ziel führen soll: zur Einrichtung einer Integrierten Gesamtschule. Wobei Speicher nicht nur eine IGS werden soll, sondern ein Ort, an dem alle Kinder unterrichtet werden können. Egal, mit welcher Schulempfehlung sie kommen. Und egal, ob eine Hochbegabung oder aber eine Behinderung vorliegt. "Innovatives inklusives Lernzentrum", nennt Schladweiler das Vorhaben. Und das vom Begriff Inklusion abgeleitete Wort inklusive bedeutet, dass jedes Kind in seiner Individualität akzeptiert wird, um im vollen Umfang an der Gesellschaft und damit auch am Schulleben teilzuhaben.
"Wir haben vom Förderschüler bis zum Gymnasialschüler alles in einer Klasse", sagt Lehrer Markus Häusler.
Er ist Mitglied des Vereins und Orientierungsstufenleiter an der IGS Trier, wo der Inklusions-Gedanke bereits in die Tat umgesetzt wurde. "Wir schreiben Klassenarbeiten auf vier Leistungsniveaus", erklärt Häusler, und jeder Schüler könne das Niveau, auf dem er arbeiten wolle, weitgehend frei auswählen. "Damit verlieren die Noten zunehmend an Bedeutung", fügt der Lehrer hinzu, der von dem "bunten Haufen in der Schule" schwärmt. "Das Abitur ist das gleiche wie an jedem Gymnasium", betont Häusler, nur dass der Weg dorthin ein anderer sei.
Vom Konzept der Trierer überzeugt ist auch Jürgen Weber, Leiter der Realschule Speicher. Bei einem Gespräch mit dem Landrat vor zwei Wochen sei vereinbart worden, bis zum 28. März ein eigenes Konzept bei der Schulaufsicht in Trier einzureichen. Im Idealfall sei dann die Einrichtung einer IGS zum Schuljahr 2013/2014 möglich. Neben Verein und Lehrern sollen auch Eltern am Konzept mitwirken. Und so wird bereits am gleichen Abend eine Arbeitsgruppe gegründet, der spontan ein Dutzend Väter und Mütter beitritt. Was diese Arbeitsgruppe jetzt leisten muss, ist Überzeugungsarbeit: in Trier, in Mainz und vor allem in den Haushalten des Einzugsgebiets.
Denn auch dieses Vorhaben steht und fällt mit den Anmeldezahlen. Weil es aber trotz neuen Konzepts schwierig sein dürfte, die für eine IGS notwendigen 91 Fünftklässler zusammenzubekommen, hofft Speicher nun darauf, dass die neue Landesregierung in Mainz der Forderung des grünen Koalitionspartners nachkommt und die Mindestzahl der Anmeldungen senkt. Zudem könne das Lernzentrum nach Ansicht des Trierer Vereins ein landesweites Modellprojekt mit Versuchscharakter werden.
Denn im Gegensatz zur IGS Trier habe Speicher nun mal ein vergleichsweise dünn besiedeltes Einzugsgebiet. Und das mache das Überleben umso schwieriger. uheMeinung

Wer nicht kämpft, hat schon verloren
Sie sind gescheitert. Immer wieder. Doch die Speicherer geben den Kampf um die Sicherung der Zukunftsfähigkeit ihres Schulzentrums nicht auf. Dass sie nach derart vielen Rückschlägen weiterhin um die Einrichtung einer Integrierten Gesamtschule kämpfen, ist bemerkenswert. Ob sich diese Beharrlichkeit auszahlt, wird sich zeigen, wenn die Anmeldezahlen auf dem Tisch liegen. Es gilt, weiter kräftig die Werbetrommel für ihre Idee zu rühren. n.ebner@volksfreund.deExtra

Der Plan, aus dem Speicherer Schulzentrum mit der bisherigen Haupt- und Realschule eine Integrierte Gesamtschule zu machen, entstand, als das Land die Hauptschulen als Auslaufmodell deklarierte. Bis 2013 soll diese Schulform abgeschafft werden. Realschule plus oder Integrierte Gesamtschule (IGS) sollen künftig die Abstufung zwischen Haupt- und Realschule beseitigen. 91 Anmeldungen sind für eine IGS nötig. In Speicher hatten bei einer ersten schriftlichen Befragung Eltern von 116 Zweit- und 106 Drittklässlern ihr Interesse bekundet. Ein vom Eifelkreis gestellter Antrag wurde jedoch abgelehnt. Begründung: Das Gebiet der Befragung entspreche nicht dem Einzugsgebiet. Kreis und Kommunen intervenierten bei der Schulaufsicht. Die gab den Beschwerden statt, forderte aber trotzdem eine neue Befragung. Bei dieser wurden die 91 Anmeldungen knapp verfehlt, und der Antrag wurde erneut abgelehnt. Das Land eröffnete Speicher die Option einer Realschule plus. Bei einer erneuten Befragung wurden die dafür erforderlichen 51 Anmeldungen aber ebenfalls nicht erreicht. Dafür aber wurde der Schule eine Schonfrist bis 31. Juli 2013 eingeräumt. Das heißt, auch für das kommende Schuljahr können Kinder ganz normal angemeldet werden. uhe

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