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Ein Scherbenhaufen

Wittlich/Walsdorf. In Wittlich ist eine Frau zu sechs Monaten Bewährungsstrafe verurteilt worden, weil sie betrunken randaliert hat. Ihre Lebensgeschichte ist tragisch. David Falkner

Wittlich/Walsdorf Die Geschichte, die sich vor den Augen der Anwesenden bei der Verhandlung im Gerichtssaal 1 im Amtsgericht Wittlich entfaltet, spielt im September 2014 in Walsdorf: Eine junge, heute 25-jährige Frau aus Hillesheim besucht damals mit Bekannten eine Geburtstagsfeier. Schon bei der Ankunft sei sie angetrunken gewesen, berichtet die Angeklagte im Saal. Sie spricht mit leiser, unsicherer Stimme und knetet an ihrem Schal herum, während sie spricht. Auf viele Fragen des vorsitzenden Richters kann sie nicht antworten, es gibt viele Nachfragen.
Auf der Geburtstagsfeier soll sie deutlich über den Durst getrunken haben. Sie beleidigt und randaliert. Irgendwann wird es den Feiernden zu viel. Sie setzen die Frau vor die Tür. Sie tritt eine Scheibe in der Tür ein und kriecht durch die Öffnung zurück. Die Polizei wird gerufen, doch als die Beamten die Personalien der Hillesheimerin aufnehmen möchten, wird die endgültig zur Furie: Sie tritt um sich, beleidigt und bespuckt die Polizisten, sie beißt und wütet ohne Unterlass. Erst wird sie festgehalten, dann gefesselt und abgeführt. Auch unterwegs im Polizeiauto und in der Zelle beruhigt sich die Betrunkene nicht. Selbst bei ihrer Entlassung am Tag darauf beleidigt sie die anwesenden Polizisten. Die stellen fest, dass sie in der Zelle mit ihren Handschellen Obszönitäten und Beschimpfungen in die Tür geritzt hat.
So oder so ähnlich soll sich die Geschichte laut Verhörprotokollen und Zeugenaussagen abgespielt haben. An all dies hat die Angeklagten selbst nach eigenen Angaben keine Erinnerungen mehr.
Die Geschichte spielt im September 2014 in Walsdorf. Und beginnt doch eigentlich viel früher, denn die Lebensgeschichte der Frau ist tragisch. Ihren Vater kennt sie nicht, ihre Mutter stirbt an Krebs, als die Tochter 13 Jahre alt ist. Bei dem Ehepaar, das das Mädchen bei sich aufnimmt, bleibt sie nicht lange. Sie landet in der Jugendbildungsstätte Don Bosco in Jünkerath.
Als Erwachsene schlägt sie sich mehr schlecht als recht durch. Eine Ausbildung muss sie abbrechen, weil sie keine Mitfahrgelegenheit zum Arbeitsplatz findet. "Warum haben Sie damals keinen Führerschein gemacht?", fragt sie der Richter. "Kein Geld", lautet die Antwort.
Probleme mit Drogen habe sie zwar keine, und auch alkoholabhängig sei sie nicht - "Aber Alkohol spielt ja doch eine gewisse Rolle in Ihrem Leben?", hakt der Richter nach. Ihre Antwort: "Sonst wäre ich nicht hier."
Erst seit einem Jahr hat sie eine richtige Arbeit. Nach vielem hin und her gehe sie inzwischen zu einem Sozialtherapeuten, auf eigene Kosten. Als die Bewährungshelferin im Zeugenstand über die schwierigen Lebensumstände seit ihrer Kindheit spricht, beginnt die Angeklagte zu weinen.
Außer der Bewährungshelferin stehen nacheinander sieben Polizisten im Zeugenstand, die am fraglichen Tag mit der Frau zu tun hatten.
Das Urteil kommt wird am Freitag bei einem zweiten Prozesstag gesprochen: sechs Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung. Insgesamt sei "die Sozialprognose positiv", konstatiert der Richter bei der Urteilsbegründung. Da der letzte ähnliche Fall im Herbst 2014 geschehen ist und die junge Frau mittlerweile eine Arbeit hat, in Therapie ist und mit ihrem Freund zusammenlebt, sei eine Bewährungsstrafe vertretbar. Staatsanwaltschaft und Verteidigung nehmen das Urteil an.