Eine Nacht - und alles liegt in Scherben

Eine Nacht - und alles liegt in Scherben

400 Juden ermordet, 1400 Synagogen zerstört - so lautet die traurige Bilanz der Novemberpogrome im NS-Deutschland. Auch in Bitburg und Umgebung haben die Nazis 1938 gewütet. Ein Protokoll der Reichspogromnacht:

Bitburg. Mit einem Messer zerschneidet er die Matratzen. Dann nimmt er ein Beil. Der Mann in der braunen Uniform zerhackt Stühle und Tische, wirft die kaputten Möbel aus dem eingeschlagenen Fenster.
Joseph Pelzer ist gerade einmal 11 Jahre alt, als er beobachtet wie der SA-Mann in der Wohnung der Kallmanns wütet. "Das werd´ ich nie vergessen", wird er später über diesen Morgen sagen. Den Morgen nach der Reichspogromnacht 1938, den 10. November. Die Kallmanns, die damals in der Kölner Straße lebten, sind nur eine der jüdischen Familien aus Bitburg, die in jener Nacht von der SA heimgesucht werden. Die Männer in den braunen Uniformen kommen aus Baustert, Wittlich, den umliegenden Dörfern. Auf Befehl von oben beschmieren sie die Fassaden und Schaufenster der jüdischen Geschäfte mit Teer, kippen Grabsteine auf dem Friedhof um. Sie dringen in die Synagoge ein und zerstören die Einrichtung.
Am Morgen danach liegt alles in Scherben - die Nazis werden deshalb später in Zusammenhang mit dem Pogrom immer von der "Reichskristallnacht" sprechen. Dort wo sich das Gebetshaus damals befand, erinnert heute eine Gedenktafel an die Synagoge und daran, dass es in Bitburg einst eine jüdische Gemeinde mit etwa 40 Mitgliedern gab. Die meisten von ihnen wanderten aus. Nur zehn blieben nach den Ereignissen jener Nacht, die den Übergang von der Diskriminierung der deutschen Juden zur systematischen Verfolgung markierte. 1942 deportierten die Nazis sie in Konzentrationslager.

Bollendorf: Die Nazis treiben den Bäcker Daniel Levy durchs Dorf. Sie laufen ihm nach, schlagen ihn. Drei Kommandos der Westwallarbeiter sind in der Pogromnacht in Bollendorf unterwegs, dem Ort mit der größten jüdischen Gemeinde in der Region. Sie demolieren die Häuser und Wohnungen der Juden. Wer sich zur Wehr setzt - wie Levy - wird geprügelt. Einige werden dabei verletzt. Die Synagoge setzen sie in Brand. Von einem Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs kratzen sie die Namen der jüdischen Kriegsopfer ab. Viele Juden, die danach noch in Bollendorf bleiben, werden im Ort und der Umgebung zur Zwangsarbeit verpflichtet. Die letzten von ihnen ereilt 42 ein ähnliches Schicksal wie die Bitburger - 48 kehren nie wieder aus den Lagern zurück. Stolpersteine im Ort erinnern heute an sie und die Verbrechen der NS-Zeit.

Gerolstein: Elf Juden leben 1938 noch in Gerolstein - dabei gab es in der Stadt vor der Machtergreifung einst eine lebendige Gemeinde. In der Reichspogromnacht stürmen Bitburger SA-Kader zwei Kaufhäuser in der Stadt, die jüdischen Familien gehören. Sie zerstören dort alles, was ihnen in die Hände fällt. Auch einige Häuser in Gerolstein und Stadtkyll werden verwüstet.

Kyllburg: Auch die Kyllburger Juden bleiben vom Wüten der Nazis nicht verschont. Die Synagoge, gerade einmal 25 Jahre zuvor gebaut und geweiht, wird in der Pogromnacht zerstört. Später veranstalten SA-Männer eine Spottprozession durch die Stadt. Wie auch in Bitburg, Bollendorf und Gerolstein schweigt der nichtjüdische Teil der Bevölkerung. cha
Extra

Die Bitburger legen am Mittwoch, 9. November, auf dem jüdischen Friedhof einen Kranz nieder. Beginn ist um 11 Uhr. Es werden Trauerlieder gesungen und ein Totengebet gesprochen. Schüler aus der Region wirken dabei mit. Zu Gast sein werden auch der Luxemburger Oberkantor Michel Heymann und Henri Juda. Das Forum "Eine Welt" zeigt anlässlich des Gedenktages den Film "Nebel im August" in der Eifel-Film-Bühne in Hillesheim. Das deutsche Drama behandelt die Krankenmorde in der NS-Zeit. Beginn ist um 19.30 Uhr. In Bollendorf gedenkt man der Opfer der Reichspogromnacht am Samstag, 12. November. Beginn ist um 18 Uhr - Besucher werden durch das Dorf geführt und lernen etwas über dessen jüdische Geschichte. Treffpunkt ist auf dem Vorplatz des Abteihofes. Anschließend gibt es ein Interview mit der früheren Bollendorferin und Zeitzeugin Betty Goldschmidt zu sehen. Sie schildert, was sie in jener Nacht gesehen hat. Der Ton des Videos ist auf Englisch, läuft aber mit deutschen Untertiteln. Den Abschluss der Gedenkfeier bildet eine Videoinstallation mit Fotos der Bollendorfer Juden. cha