"Eine tickende Zeitbombe"
Trier · Der 55-jährige Bitburger, dem vorgeworfen wird, ein Mädchen auf der Schultoilette sexuell belästigt zu haben, wird auf unbestimmte Zeit in einer psychiatrischen Anstalt untergebracht. Denn das Trie rer Landgericht ist überzeugt, dass das Mädchen die Wahrheit erzählt hat und der Mann eine Gefahr darstellt.
Trier. Dass er schuldunfähig ist, war von Anfang an bekannt. Dennoch hat die erste große Jugendkammer des Landgerichts zehn Verhandlungstage gebraucht und zig Zeugen gehört, um sich auch ohne Beweise ein Bild davon machen zu können, was an jenem 4. Dezember 2013 auf der Toilette des Bitburger St.-Willibrord-Gymnasiums geschah.
Am Tag der Urteilsverkündung wirkt der unter einer schizophrenen Psychose leidende Beschuldigte klarer als sonst. Diesmal trägt der 55-Jährige kein Totenkopf-T-Shirt, keine Plastiktüte, kein irres Grinsen im Gesicht. Nur sein graues Hütchen, Wasser und eine Bibel hat er dabei. Ernst blickt er durch seine schwarze Hornbrille und erhebt sich für ein letztes Wort. Für eine Rede, die die Richter unter Vorsitz von Albrecht Keimburg davon überzeugen soll, dass nicht er es war, der dem 14-jährigen Mädchen ein Messer an den Hals hielt und es aufforderte, sich auszuziehen: "Das ist eine falsche Verdächtigung", sagt er und fragt, was eigentlich getan worden sei, um den wahren Täter zu finden. Worte, die die Richter dazu bewegen, sich ein letztes Mal zurückzuziehen. Doch ändern können sie das Urteil nicht. Der 55-Jährige, der mit seinem Hut, seiner Gitarre und seinen lauten Sprüchen ein Teil des Bitburger Stadtbilds war, wird auf unbestimmte Zeit in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt untergebracht. Denn das Gericht ist fest davon überzeugt, dass der Mann lügt, dass das Mädchen die Wahrheit sagt und sich alles so zugetragen hat, wie die 14-Jährige dies kurz nach der Tat zitternd und unter Tränen sowie später ruhig und besonnen im Gerichtssaal geschildert hat.
Die Richter sind zudem der Ansicht, dass der Mann eine Gefahr für andere ist - insbesondere für Mädchen - und die Möglichkeit besteht, dass er noch schlimmere Taten begehen könnte. Diesmal habe er von der Schülerin nur deshalb abgelassen, weil sie gedroht hatte, die Polizei zu rufen.
Die eindeutigen Aussagen der Gutachter sind ein Teil dessen, was Keimburg zu seiner Einschätzung bringt. Die Experten hatten das Mädchen als absolut glaubwürdig eingeschätzt und den Beschuldigten als chronisch krank, zunehmend aggressiv sowie von religiösen und sexuellen Wahnvorstellungen besessen. Doch gibt es für Keimburg noch viel mehr, was dafür spricht, dass der Mann die 14-Jährige tatsächlich mit einem Messer bedroht hat. So wurde er an jenem Morgen in der Nähe des Gymnasiums gesehen, das er zudem gut kenne. Ein Lehrer berichtete sogar von einem Mann, bei dem es sich um den Beschuldigten handeln könnte, der ihm von den Toiletten entgegenkam. "Es spricht auch für die Täterschaft, dass er sich auffällig für minderjährige Mädchen interessiert", sagt Keimburg. Zeuginnen hatten ausgesagt, im Haus Beda mit privaten Fragen belästigt worden zu sein. Sehr oft sei der 55-Jährige durch übelste, obszöne Beleidigungen aufgefallen. Eine sexualisierte Verhaltensweise wie jene, die ihm zur Last gelegt werde, sei ihm nicht wesensfremd. "Die Wohnung ist ein Spiegelbild seiner Seele", sagt Keimburg. Denn dort wurde neben Nacktbildern, religiösen Sprüchen, Tampons und Mädchenarmbändern eine Sammlung von Hieb- und Stichwaffen gefunden. "Wir haben wirklich die Sorge, dass er eine tickende Zeitbombe ist", sagt Keimburg, der glaubt, dass der Mann in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt am besten aufgehoben ist.
Der kranke Bitburger selbst ist anderer Auffassung. In seinem letzten Wort hat er angekündigt, Revision einlegen zu wollen.