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Einem in Bitburg lebenden Paar aus Mazedonien droht die Abschiebung

Flüchtlinge : Scheinbar sicheres „Bananenland“: Einem in Bitburg lebenden Paar aus Mazedonien droht die Abschiebung

Marija Dunovska und Boban Velichkovski haben feste Berufe, zahlen Steuern, engagieren sich ehrenamtlich, sind bei den Nachbarn beliebt. Nun sollen sie abgeschoben werden – eine Entscheidung, die viele Menschen nicht verstehen.

Boban Velichkovski und seine Frau Marija Dunovska haben gerne Gäste in ihrer kleinen Wohnung in Bitburg. Ist ein Wasserglas auf dem schwarzen Couchtisch leer, greift Boban sofort zur Flasche, beugt sich vor und schenkt nach. Dann sieht man die Narbe an seinem Kopf besonders gut – von dem Baseballschläger, mit dem er in Mazedonien verprügelt wurde. Noch lange, nachdem die beiden aus dem Balkanstaat geflohen waren, ist Marija zusammengezuckt, wenn es an der Tür klingelte: Warten draußen schon wieder Schläger? „Wir haben damals nur noch abwechselnd geschlafen, damit wir nicht so einfach überrumpelt werden konnten“, erzählt sie.

„Piroschka“ nennt Boban das Gericht, das er seinen Gästen heute auftischt: würzige Pfannkuchen, gefüllt mit Quark, Gurken, Schinken und … Und was? Boban schüttelt grinsend den Kopf. Nein, sein Geheimrezept verrät er nicht. In Mazedonien wollte er ein eigenes Restaurant eröffnen. Dann kamen die Brandsätze. Zwei mal hat die albanische Paramiliz UÇK sein Restaurant verwüstet. Gegen sie hat Boban während des albanischen Aufstands 2001 gekämpft. Später arbeitete er für die amerikanische Armee – nicht als Soldat, sondern als Personenschützer für Diplomaten oder Dolmetscher in Afghanistan und im Irak. Damit zog er den Hass der UÇK auf sich, zu der auch islamistische Fundamentalisten gehören.

„Boban und Marija sind in Mazedonien nicht mehr sicher“, sagt Integrationsbeauftragte Gunda Gercke-Stolzenbach. Dennoch sollen die zwei abgeschoben werden. Ihr Asylantrag wurde nach jahrelanger Wartezeit abgelehnt. „Offensichtlich unbegründet“, steht im Bescheid des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge.

 Ungarn 2013 (links): Marija Dunovska und Boban Velichkovski sind auf der Flucht. Das Ziel: überall, nur nicht Mazedonien!
Ungarn 2013 (links): Marija Dunovska und Boban Velichkovski sind auf der Flucht. Das Ziel: überall, nur nicht Mazedonien! Foto: privat

Aber eine Rückkehr ist für die beiden unvorstellbar. „Mazedonien ist ein …“ Marija sucht nach einem passenden deutschen Wort, blickt in die Luft, als würde es dort herumschweben. „… Bananenland?“ Das deutsche Asylgesetz kennt einen anderen Begriff für Mazedonien: „sicheres Herkunftsland“. Laut Grundgesetz geht von einem solchen Staat „weder politische Verfolgung noch unmenschliche oder erniedrigende Bestrafung oder Behandlung“ aus. „Aber was, wenn die Verfolgung gar nicht vom Staat ausgeht?“, fragt Gercke-Stolzenbach. „Und wenn der Staat zu instabil ist, um seine Bürger zu schützen?“ Das sei in Mazedonien der Fall.

„Ich habe Arbeit, ich habe keine Probleme mit der Polizei, ich nehme von niemandem Geld, ich ...“ Boban bricht ab, seufzt, zuckt mit den Schultern. Vor drei Jahren ist er mit seiner Frau nach einer Flucht über Serbien, Ungarn und die Schweiz in Deutschland angekommen. Seit eineinhalb Jahren wohnen sie in Bitburg. Die Wohnung ist klein, aber gemütlich: ein breites Sofa, Sitzkissen, Teppiche. In jeder Ecke grünen Pflanzen. Das Paar würde lieber auf dem Land als in der Stadt leben, aber momentan sei es wichtiger, gut zur Arbeit zu kommen, erzählt Marija.

Für ein Foto räumt sie hastig den Aschenbecher vom Tisch. „Vielleicht sehen das ja Kinder.“ Bobans und Marijas Leben wirkt bürgerlich, deutsch, fast schon spießig: Bodenständige Berufe – er putzt, repariert und räumt auf im Globus Baumarkt, sie pflegt Senioren im Eifelhaus. Beide beziehen schon lange keine Sozialleistungen mehr, sie zahlen Steuern, engagieren sich bei der Bitburger Tafel, besuchen den evangelischen Gottesdienst, retten Igel von der Straße. Marija hält die Wohnung penibel sauber, Boban hilft den älteren Bewohnern des Hauses, Glühbirnen auszuwechseln. Sie könnten genauso gut Bodo und Marianne heißen, einen Dackel halten und einen Schrebergarten pflegen.

„Wir wollen uns für die Hilfe, die wir in Deutschland bekommen haben, revanchieren“, sagt Marija. „Aber jetzt, wo wir das endlich können, sollen wir wieder gehen!“ Sie spricht mit starkem Akzent, aber fast fehlerlos. Deutsch hat sie auf eigene Kosten gelernt; als Mazedonierin hatte sie keinen Anspruch auf Integrationskurse.

Bobans und Marijas letzte Hoffnung: die Härtefallkommission in Mainz. Elf Sachverständige prüfen hier, ob Abgeschobene in Ausnahmefällen in Deutschland bleiben dürfen. Am morgigen Dienstag entscheidet das Gremium über das mazedonische Ehepaar. „Leider lernt man die beiden dort nur über Papier kennen, nicht persönlich“, erklärt Gercke-Stolzenbach, die den Antrag an die Härtefallkommission gestellt hat.

Aber Papier bekommt die Kommission mehr als genug. Arbeitgeber, Politiker – darunter der Bitburger Bürgermeister Joachim Kandels – Kirchenvertreter, Nachbarn, Kollegen und viele mehr: Niemand versteht diese Abschiebung, und sie alle ersuchen die Kommission, für Boban und Marija eine Ausnahme zu machen. „Verlässlich“ sind die beiden laut ihren Arbeitgebern, sogar „nicht ersetzbar“. Doch ein Wort kommt in so gut wie jedem Schreiben vor: „hilfsbereit“. Eine ältere Dame, der Marija und Boban regelmäßig im Garten halfen, schreibt: „Haben Sie ein Herz. Es reicht, wenn es nur halb so groß ist wie das von Boban und Marija.“

Und wenn die zwei bleiben dürfen? Sie wünschen sich schon lange ein Kind, doch das war auf der Flucht unmöglich. Das Eifelhaus hat Marija eine volle Pflegeausbildung angeboten. Boban will weiter im Baumarkt arbeiten. „Ich will nichts mehr mit der Armee zu tun haben“, sagt er und zeigt auf seine schwere, blaue Arbeitshose. „Das ist jetzt meine Uniform – eine Uniform, auf die ich stolz bin.“

Meinung: Bürokratie gegen Menschenleben

Retten sich Flüchtlinge nach Deutschland, ist es unsinnig, von ihnen zu verlangen, dass sie sich in kürzester Zeit perfekt integrieren und ein neues Leben aufbauen – wenn sie noch nicht mal wissen, ob sie bleiben dürfen. Doch wenn Flüchtlinge wie Boban Velichkovski und Marija Dunovska das besser schaffen, als es der verbissenste selbsternannte Asylkritiker verlangt, dann ist es noch unsinniger, sie abzuschieben.

Natürlich sitzt im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge kein böser Mensch, der kichernd den roten „Abgelehnt!“-Stempel schwingt. Die Gesetzeslage schreibt hier eindeutig eine Abschiebung vor. Doch Fälle wie die von Boban und Marija zeigen, dass das Gesetz dringend flexibler werden muss, um auf individuelle Lebenssituationen einzugehen. Ein „sicheres Herkunftsland“ muss noch lange nicht sicher sein.

Natürlich bedeutet das wieder organisatorischen Aufwand und längere Asylverfahren. Doch was ist das schon für ein Preis, wenn es um Menschenleben geht?

a.froschauer@volksfreund.de