Ende eines sinnlosen Krieges

Ende eines sinnlosen Krieges

Die ersten amerikanischen Soldaten erreichen am Dienstag, 6. März 1945, den Ortsrand von Niederbettingen. Ihr Kommen hatte sich schon seit Stunden durch starkes MG- und Granatfeuer angekündigt. In der Nacht vorher hatten die letzten deutschen Truppen sich über die Kyll begeben und gegen Morgen die Brücke über Mühlenbach und Kyll in die Luft gejagt, nachdem am Vortag eine Pioniereinheit die Eisenbahnschienen gesprengt hatte. Dann war es soweit: Die Bürger verbrachten auch die Nacht zum 6. März 1945 in ihren Kellern. Die Fenster und Außentüren waren schon seit Wochen mit schweren Balken und Kuhmist gegen Beschuss abgesichert. Viele Frauen waren allein mit ihren Kindern, weil die Männer sich irgendwo im Krieg befanden. Oftmals war man schon seit Wochen und Monaten ohne ein Lebenszeichen von ihnen. Das Dröhnen der schweren Ami-Panzer sowie das Knattern der MGs war inzwischen so stark, dass wir uns sagten: Jetzt sind sie da. Angst und Freude vermischten sich. Angst: Was werden die Amis mit uns anstellen? Und Freude, dass jetzt doch alles vorbei sei. Es dauerte auch nicht mehr lange, und die Kellertüre wurde aufgestoßen, und ein amerikanischer Soldat, mit Gewehr im Anschlag, stand auf der obersten Stufe und sagte: "Raus, Krieg fertig - Roth." Daraus schlossen wir, dass wir den Keller verlassen und uns in Richtung Roth begeben sollten. Zwischen schweren Panzern und Militärfahrzeugen liefen wir zum Ortsrand Richtung Roth. Ein Teil der Bürger aus dem Hinter- und Vorderdorf, die ebenfalls hierhin getrieben wurden, mussten wieder zurück in Kuhlen-Endres Keller, der ein starkes Gewölbe hatte und somit einigermaßen geschützt war gegen Granatbeschuss. Da der Keller nicht sehr geräumig war und in demselben ja noch die Einkellerungskartoffeln, das Knollengemüse für das Vieh und zwei große Sandsteintröge mit "Kappes" und "Pökelfleisch" waren, kann man sich vorstellen, in welch engen Verhältnissen sich die Bürger eine Woche aufhalten mussten. Die hygienischen Verhältnisse waren katastrophal bis fast unzumutbar. Sogar unser Pfarrer Mailänder musste, immerzu betend, mit einem Lagerplatz auf den Einkellerungskartoffeln vorlieb nehmen.Vieh rannte zwischen den Panzern herum

Zu der anderen Gruppe der Vertriebenen, die nach Roth mussten, gehörte auch ich. Beim Zurückschauen sah man das Elend, welches über das Dorf hereingebrochen war. Drei Scheunen, getroffen von Phosphorgranaten, brannten lichterloh. Das Vieh, das noch rechtzeitig rausgetrieben wurde, rannte herrenlos zwischen Panzern und Militärfahrzeugen herum. Zwischen unzähligen Ami-Panzern, die ihre todbringenden Geschosse aus ihren schweren Kanonen, über unsere Köpfe hinweg in Richtung deutsche Stellungen auf der anderen Kyllseite feuerten, liefen wir dem schützenden Wald Richtung Roth zu. Rechts und links von uns schlugen Granaten ein. Es war nicht nachvollziehbar, ob sie aus deutschen oder amerikanischen Rohren kamen. Die Kugeln, aus den Maschinengewehren der sich mit letzter Kraft wehrenden deutschen Fallschirmjäger der "Kyllstellung", schlugen in unmittelbarer Nähe in dem von Panzern aufgewühlten Boden ein. Es ist ein Wunder, dass bei diesem Beschuss von beiden Seiten nicht mehr passiert ist. Ein Mädchen wurde doch noch vor Erreichen des schützenden Waldes von einer Kugel aus der deutschen Kyllstellung schwer verwundet. Ältere Bürger trugen es auf einer Trage, bestehend aus einer Jägerstuhlleiter, weiter, bis amerikanische Soldaten es ins Lazarett nach Büdesheim brachten. Im Ort Roth angekommen, brachten die Amerikaner uns in eine Scheune, die unser Quartier für eine Woche sein sollte. Im Haus nebenan hatte man die Bürger von Roth untergebracht, die aber schon nach einigen Tagen ihr Vieh unter amerikanischer Bewachung füttern durften. Einige Bürger aus Niederbettingen halfen ihnen dabei und gelangten somit in den Besitz von Lebensmitteln und warmer Kleidung. Viele Bürger waren nur leicht bekleidet aus ihren Kellern getrieben worden und gerieten bei diesem kalten Wetter in eine missliche Lage. Das Dach unseres Schlaf - und Wohnraumes hatte viele Löcher. Die zweite Nacht sollten wir so schnell nicht vergessen. Es war für uns, als käme der Weltuntergang. Acht schwere Artilleriegeschütze, die am Abend, ohne dass wir es gemerkt haben, neben der Scheune Stellung bezogen, legten nachts mit einem Trommelfeuer los in Richtung Kyllstellung und Niederbettingen. Unsere Gedanken waren: Niederbettingen gibt's nicht mehr. An Schlaf war nicht zu denken. Am anderen Morgen großes Aufatmen: Es hieß, die Amerikaner hätten die Kyllstellung durchbrochen und seien auf dem Vormarsch zum Rhein. Nach vier Tagen kehrten wir aus unserem Notquartier heim. Fast alle Häuser waren ohne Dach, die Fenster ohne Glas. Trotzdem war die Freude groß, als wir unsere zurückgelassenenen Angehörigen wiederfanden. Mit Lebensmitteln war es nicht gut bestellt, so schlichen wir 14-Jährige uns um die Feldküchen der Amerikaner, wo wir hier und da eine Dose Trockenmilch oder Trockenei erwischten, womit daheim ein Festmahl bereitet wurde. Erst nach Tagen durften die Bürger wieder in ihre Häuser zurück, falls sie nicht mehr von Amerikanern besetzt waren. Die so genannte "Alte Kyll", eine Wiese zwischen Niederbettingen, "Kyll" und dem Ort Bolsdorf, wurde den Amis beim Vormarsch in Richtung Kyllstellung zum Verhängnis. Sie erlitten hier große Verluste. Die toten Amis waren in einem Schuppen bei Schenten aufgestapelt, wo sie noch Tage lagen und später abtransportiert wurden. Noch nach Wochen fand man tote Soldaten im Gelände der Kyll. Nachdem die amerikanischen Truppen abgezogen waren, begann eine dornenvolle Zeit. Die Bilanz dieses sinnlosen Krieges war für Niederbettingen: zwölf gefallene Väter und Söhne, zwei gefallene Zivilpersonen und fünf Vermisste. Klaus Linden wurde 1930 in Köln geboren. Das Kriegsende erlebte er in Niederbettingen. Er arbeitete über 40 Jahre als Maurer und wohnt seit 1990 in Hillesheim.