Entweder Tuba oder gar nix

Entweder Tuba oder gar nix

GROSSLITTGEN. Zwölf Jahre jung, klein und eigenwillig: Michael Kolze spielt in seinem Musikverein die Tuba. Und das sieht nicht nur originell aus - die Uniform passt ihm immer noch nicht - , sondern klingt auch noch richtig gut.

Wenn Michael erscheint, schauen die Leute genauer hin. Kaum größer als sein Instrument, hat er meist einen "Träger" im Schlepptau: Seine Mutter, einen freundlichen Dirigenten, in den meisten Fällen aber seine treue Schwester Natalie, die das manchmal gar nicht so lustig findet. Denn so eine Tuba ist ein gewaltiges Ding und wiegt schon ein paar Kilo. "In meinen Cabrio passt sie überhaupt nicht hinein!", lacht die Mama. Da muss sie sich den Wagen ihres Mannes borgen. Aber das tut sie gerne. Zwar war sie anfänglich skeptisch wie alle anderen auch, doch um die Vorliebe ihres Sohnes für die tiefen, dumpfen Töne wusste sie schon lange. "Bei Umzügen hat er mich immer hinter die Pauke oder die Tuba gezogen." Dort und nur dort wollte Michael mitlaufen. Auch Natalie liebt die Musik. Sie spielt Klavier und im Orchester die Trompete. Woher die Kinder ihre Musikalität haben, kann die Mutter nur vermuten: Vielleicht von den Genen des Großvaters, den sie jedoch nicht mehr gekannt haben. "Von uns Eltern haben sie's jedenfalls nicht!" Die können weder singen, noch spielen sie ein Instrument. Bereits im dritten Schuljahr beschloss Michael, dass es die Tuba sein muss. Damals besuchte seine Klasse den Musikverein. Zunächst hatte man ihn noch zum handlicheren Bariton überreden können, doch lange funktionierte dieser Trick der Erwachsenen, die dem Knirps das riesige Instrument nicht zutrauten, nicht. Nach wenigen Monaten erklärte Michael energisch: "Entweder ich darf jetzt die Tuba spielen, oder ich höre auf!" So kam es, dass Michael bereits als Neunjähriger Tubist wurde: "Nicht Tuba-Spieler, es heißt Tubist", stellt er klar. Wer je in einem Verein Musik gemacht hat, der weiß: Gerade Tubisten sind Mangelware - und das Flächen deckend. So sind Großlittgens Musiker und ihr Dirigent Heinz-Dieter Fröhlich sehr glücklich über "ihren" Michael, der bis heute Schwierigkeiten hat, das Instrument aufrecht zu tragen - was er dennoch an St. Martin, im Karnevalsumzug und bei Prozessionen tun muss. Bei den Proben hat er eine einfache, wenn auch ungewöhnliche Lösung gefunden: Er legt die Tuba kurzerhand "übers Knie" und spielt auf diese Weise vorzüglich dieses von vielen als langweilig bezeichnete Rieseninstrument. Immerhin gibt es nirgends den Ton an, begleitet in fast vornehmer Zurückhaltung lediglich die Melodieführung der anderen. Doch auch gegenüber den Freunden, die ihn anfänglich veräppelten, hat Michael sich durchgesetzt. Längst haben alle seine Leidenschaft akzeptiert. Als Michael mit dem Spielen begann, existierte in Großlittgen noch das Jugendorchester, das im Augenblick seine Aktivitäten eingestellt hat. Einen besonderen Draht hatte der junge Tubist stets zu dessen Leiter Hans-Peter Kill. "Er hat mich in allen Belangen unterstützt", erzählt er, "auch damals, als alle anderen mich zum Bariton zwingen wollten." Bis heute trägt Kill ihm auch sein Instrument überall hin, wo es gebraucht wird, wenn Natalie oder die Mutter einmal nicht da sind. Auftritte hat der Junge schon zahlreiche gehabt: Neben den obligatorischen Dorfereignissen und Konzerten, an denen sein Verein teilnimmt, hat auch der Trompeter Nikolay Tchotchev ihn als begabten Kollegen entdeckt. Er nahm ihn mit nach Morbach zum Jugendmusiktag im vergangenen Jahr, wo 15-, 16-Jährige verblüfft das Spiel des so viel Kleineren und Jüngeren bewunderten und ihn als gleichberechtigten Partner behandelten. Manch einer denkt seitdem darüber nach, ob er es nicht selbst einmal mit der Tuba versuchen sollte. Bis es soweit ist, bleibt aber Michael eine feste Größe bei allen Jugendmusikveranstaltungen in der Region. Welche Auftritte gefallen ihm am besten? Wie aus der Pistole geschossen antwortet er: "Das Weihnachtszelt und die Eröffnung der Sparda-Bank in Wittlich." Warum? "Na, dafür hab ich Geld gekriegt!"