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Erinnerung an 22 zerstörte Leben

Opfergedenken : Erinnerung an 22 zerstörte Leben - Mahnmal in Bitburg soll am achten Mai enthüllt werden

Es ist neuneinhalb Meter lang und gut zwei Meter hoch: das Mahnmal für die von den Nazis ermordeten Bitburger Juden. Am 8. Mai soll die Gedenkstele auf dem Platz „am Markt“ enthüllt werden. Eine in der Region einzigartige Erinnerungsstätte.

Wer durch Bonn spaziert, kann schon mal ins Stolpern geraten. Und das ist durchaus gewollt, etwa in der Straße „Auf dem Hügel“. Denn hier sind sogenannte Stolpersteine ins Pflaster eingelassen. Die Messingplatten erinnern an die Opfer des Holocaust. Und auch der Name einer Bitburgerin ist dort eingraviert.

Die Jüdin Irma Apfel wurde 1903 in der Eifel geboren. Später zog sie mit ihrem Ehemann Julius nach Bonn. Dort wurde sie von der Gestapo verhaftet und ins Konzentrationslager Theresienstadt gebracht. Zwei Jahre später deportierten die Nazis die damals 39-Jährige zunächst ins Vernichtungslager Auschwitz und dann ins KZ Stutthof. Dort starb die Frau, die für Hitlers Schergen nicht mehr war als die Häftlingsnummer 50631, am ersten Oktober.

Irma Apfel ist nicht die einzige Eifeler Jüdin, an deren Schicksal erinnert wird. Auch die Namen von Jakob Juda und Elise Barth etwa, die beide vor ihrer Ermordung von Bitburg nach Köln zogen, wurden auf Stolpersteinen verewigt. In ihrem Heimatort hingegen gibt es derzeit kein Mahnmal, das an die 22 Bitburger Holocaustopfer erinnert.

Am 8. Mai, einem geschichtsträchtigen Datum, soll sich das nun ändern. Zum 75. Jahrestag der Kapitulation des Nazi-Regimes wollen die Bitburger „Am Markt“ eine Plastik enthüllen, die wohl einzigartig in der Region sein dürfte.

„Der Riss“, ein Werk des Wittlicher Bildhauers Sebastian Langner, ist neuneinhalb Meter lang und endet in einer 2,20 Meter hohen Gedenkstele. Wie der Name es andeutet, zeigt das Mahnmal einen dunklen Spalt, der sich durchs Pflaster fräst. Darauf zu lesen, sind die Worte: verachtet, diffamiert, ausgegrenzt, boykottiert, stigmatisiert, entrechtet, beraubt, vertrieben, deportiert und ermordet.

„Der Riss“ zeichnet also den Weg der Juden von den Hasskampagnen der Nazis bis zur Vergasung im KZ nach, „die Stufen der Verfolgung“, wie Thomas Barkhausen vom Arbeitskreis Gedenken sagt. Das Mahnmal versucht auf diese Weise, das beinahe Unaussprechliche des Genozids an den Juden sprachlich zu fassen.

Die Buchstaben sind gebrochen, die Patina der Bronze schwarz. Und das, wie Langner sagt, nicht zufällig. „Der Riss“ solle nicht Nobles haben, nichts beschönigen. Sondern dem Betrachter die Abgründe der menschlichen Seele offenlegen, sie ihn „fühlen lassen“, wie der Künstler es beschreibt. Durchaus nobel wirken hingegen die in der Gedenkstele durch Auslassung angedeutete Menora, und die golden patinierten Namen, Geburts- und Sterbedaten der Getöteten.

„Sehr eindrucksvoll“, findet Bürgermeister Joachim Kandels die Skultur. „Einzigartig“, sagt Stadtplaner Ralf Mayeres. „Die Stadt setzt damit ein Statement“, meint Schöpfer Langner. Denn ein so großes Mahnmal  an so zentraler Stelle in einer Gemeinde gebe es selten.

Doch nicht nur für die Stadt, auch für Langner selbst ist seine Arbeit etwas Besonderes. Denn seit Jahren schon beschäftigt sich der Bildhauer mit der Schoa. Als junger Mann engagierte der Geschichtsinteressierte sich im Wittlicher Arbeitskreis Gedenken, recherchierte unter anderem über den jüdischen Friedhof in seinem Heimatort. Die Fertigung der Skulptur fühlt sich für ihn daher etwa an, wie das vorläufige Ende eines Weges, den er seit einer Weile entlang schreitet.

Aber auch hinter dem Mahnmal selbst stecken Jahre der Planung und Arbeit. 2013 hat der Arbeitskreis Gedenken in Bitburg mit der Aufarbeitung des Holocaust begonnen. Aus der Beschäftigung mit den Schicksalen der von den Nazis getöteten Menschen erwuchs dann 2017 der Entschluss, ihrer nicht wie andernorts mit Stolpersteinen – an vielen Orten in der Stadt – zu gedenken. Sondern an einem zentralen Ort.

Der Platz „Am Markt“, nahe der Konrad-Adenauer-Anlage eignete sich dafür nach Ansicht vieler am Besten. Denn der sollte ohnehin saniert werden.

Was den Ort noch prädestiniert: Nur eine Straßenecke weiter, dort wo sich heute eine Tankstelle befindet, stand einst die Bitburger Synagoge. Warum also nicht ein Mahnmal in die Planungen mit einbeziehen?

Also lobte die Verwaltung mit Mitteln der Dr.-Hanns-Simon-Stiftung einen Bildhauerwettbewerb aus, den Langner gewann. Es sollte ein Projekt werden, dass ihn über Monate beschäftigte. „Es ist erstaunlich, wie viel es bei einem solchen Vorhaben auch mit den Behörden abzustimmen gibt“, sagt der Wittlicher.

Aber auch die Modellierung der Gipsmasse, die schließlich zur Skulptur wurde, das Aufkleben der wächsernen Buchstaben und der Guss erforderten Zeit, Mühe und Kopfzerbrechen. „Jeder Kratzer, jede Kerbe hat seine Bedeutung“, sagt Langner.

Der Aufwand aber – das steht für Künstler, Bürgermeister und Arbeitskreis Gedenken fest – hat sich gelohnt.

Um das Werk zu würdigen, aber auch ein politisches Zeichen zu setzen, plant die Stadt zur Einweihung der Stele eine Gedenkfeier.

Eingeladen werden sollen Schulklassen und der Antisemitismus-Beauftragte des Landes Rheinland-Pfalz. Die Planungen für den besonderen Tag, sagt Bürgermeister Joachim Kandels, laufen.

„Die Stadt setzt mit der Stele ein Statement“, sagt der Kunsthandwerker Sebastian Langner. Foto: TV/Christian Altmayer

Weitere Informationen gibt es auf der Homepage des Arbeitskreises Gedenken unter bitburg-gedenkt.de