Erlebniswelt: Genug Deckel für die Töpfe?

Stadtentwicklung : Genug Deckel für die Töpfe: Bekommt Speicher eine Erlebniswelt?

Die Verbandsgemeinde Speicher will das größte Tourismus-Projekt auf den Weg bringen, das es dort jemals gab. Für die Töpfererlebniswelt gibt es schon Dutzende Ideen – aber auch genug Geld? Davon sind nicht alle überzeugt.

Wir schreiben das zweite Jahrhundert nach Christus. Rauch liegt in der Luft. Er kommt aus hunderten Öfen, die im Speicherer Land brennen. Schon von den Eifeler Hügeln ist es zu sehen, aus kilometerweiter Entfernung: das antike Töpferzentrum rund um Herforst, Speicher und Binsfeld. Hier brannten die Römer Keramik, die sie weit über die Region hinaus exportierten.

Noch heute tauchen Schüsseln aus den Speicherer Öfen bei Ausgrabungen in Frankreich oder im Hunsrück auf. Das Töpferzentrum freilich gibt es nicht mehr. Über diese Geschichte ist jede Menge Gras gewachsen – im wörtlichen Sinne. Über den altertümlichen Schloten, dem Industriezentrum der Eifel, liegt der Speicherer Wald. Mauerreste und Keramik liegen verborgen unter Tonnen von Erde.

Schon lange plant die Verbandsgemeinde, diese Töpfertradition wieder aufleben zu lassen. Oder wie Bürgermeister Manfred Rodens es ausdrückt: „Das alte Handwerk soll wieder  in das Bewusstsein der Bevölkerung gelangen.“ Ideen, wie man dieses ehrgeizige Ziel erreichen könnte, gibt es genug.

In den vergangenen Jahren wurden sie von Lokalpolitikern und privaten Initiativen wie der Gruppe „again Speicher“ zusammengetragen. Dabei entstanden ist ein Katalog mit Projekten, darunter: Töpferkurse, Töpferwanderwege, Töpferwerkstätten, ein Töpfermuseum und mehr. Besonders ambitioniert gehen die Herforster an die „Erlebniswelt“ ran. Sie planen, dort, wo im Sommer noch die Archäologen nach Öfen gruben (der TV berichtete), einen römischen Industriebezirk nachzubauen.

Dass all diese Vorstellungen einmal  Wirklichkeit werden, hält Bürgermeister Rodens für unwahrscheinlich – „allein aus Kostengründen“. Daher hatte der VG-Rat eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben.

Sie sollte helfen, herauszufinden, was sich realisieren lässt und was nicht. Die Conclusio des 200 Seiten schweren Papiers: Grundsätzlich können die Speicherer eine „Töpfererlebniswelt“ erschaffen – bei laufenden Kosten zwischen 75 000 und 140 000 Euro im Jahr.

Kein Wunder, dass das Projekt da so manchem im VG-Rat eine Nummer zu groß erscheint. „Das sind sehr dicke Bretter, die wir da bohren müssen“, meint etwa Oswald Krummeich, Sprecher der SPD-Fraktion: „Wir müssen sehr genau überlegen, was wir uns leisten können – alles mit Maß und Ziel.“

Die Maßnahmen aus der Machbarkeitsstudie seien aus finanzieller Sicht seitens der VG jedenfalls alleine nicht zu stemmen.

Allein will die Verwaltung die Realisierung des Mammutprojektes aber auch nicht angehen. Bevor es mit den Projekten losgeht, will VG-Chef Rodens, erst erörtern, ob es Zuschüsse gibt und wer sich alles an dem Tourismus-Vorhaben beteiligen will.

Nur ein Projekt soll nach dem Plan des Bürgermeisters noch in diesem Jahr Gestalt annehmen: „Der Kultursommer“. Zusammen mit der Gruppe „again Speicher“ plant die Verbandsgemeinde, vom 1. Juni bis zum  26. August zu der Großveranstaltung einzuladen. Handwerker sollen hier den Besuchern die Töpferkunst näherbringen, während Künstler ihre Exponate präsentieren. Eine historische Keramik-Sammlung aus dem Privatbesitz der Familie Plein-Wagner wird in einem Museum ausgestellt werden – zusammen mit Fotos aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Das jedenfalls ist der Plan. Und auch die Förderung scheint gesichert: 70 Prozent der Kosten in Höhe von 17 900 Euro wird laut Rodens die Europäische Union tragen. Für den Restbetrag von 5400 Euro müsste die VG selbst aufkommen.

Vorher muss der Verbandsgemeinderat aber erst abstimmen, ob der „Kultursommer“ überhaupt stattfindet. Dafür werden SPD-Sprecher Krummeich und seine Fraktion erst die Hand heben, sagt er, wenn die Sozialdemokraten mehr Informationen über das Projekt bekommen.

Weiter geht es mit der Töpfererlebniswelt aber erst mal im Hauptausschuss. Hier soll über die Ergebnisse der Machbarkeitsstudie beraten werden.

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