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Erst gefunden und dann abgefahren

Erst gefunden und dann abgefahren

DAHLEM. Beim Ausbau der Kreisstraße 36 wurde in Dahlem ein unter Umständen historisch bedeutsames Teilstück eines Kanals gefunden und gleich darauf zerstört. Das zuständige Landesmuseum in Trier wurde über den Fund nicht informiert.

Lange haben die Dahlemer darauf gewartet, dass endlich die Kreisstraße 36 in der Ortslage erneuert wird. Nun haben die Bauarbeiten endlich begonnen, bei dem auch ein neues Kanalsystem nebst Wasserleitung entsteht. Im Verlauf der Arbeiten ist vor einigen Tagen in der Brunnenstraße eine bisher unbekannte Schachtanlage angeschnitten worden. 40 Zentimeter breit und 60 Zentimeter hoch ist das aus unbearbeiteten Steinen errichte Bauwerk gewesen, dessen noch vorhandene Abschnitte sich nur rund einen halben Meter unter dem heutigen Straßenniveau befinden.Aus welcher Zeit die Anlage stammt, wird wohl ein Geheimnis bleiben. Denn statt - wie vorgeschrieben - das zuständige Landesmuseum in Trier zu informieren, gingen die Arbeiten nahezu ungerührt weiter.

Weiterer Mosaikstein der römischen Siedlung?

"Mir ist von solch einem Fund nichts bekannt", sagt Karl-Josef Gilles auf TV-Anfrage. Und Gilles müsste eigentlich davon wissen. Schließlich ist er Oberkustos des Landesmuseums und zuständig für neue Funde. Und die gibt nicht nur in Trier, sondern auch in der Eifel. "Es wäre sicher sinnvoll gewesen uns zu informieren", sagt Gilles.

Er verweist darauf, dass beispielsweise das bauausführende Unternehmen generell verpflichtet ist, Funde zu melden. "Wir wären rausgekommen und hätten uns die Sache angesehen", sagt Gilles. Doch diesen Weg können sich die Mitarbeiter des Museums sparen. Denn der Bagger hat Fakten geschaffen. Der Großteil des Kanals ist wohl auf Lastwagen gelandet und abgefahren worden.

Hätte sich der Fund als bedeutsam erwiesen, wären die Arbeiten vermutlich höchstens für eine Woche unterbrochen worden, sagt der Archäologe. Einen längeren Zeitraum sehen die Vorschriften im Normalfall nicht vor, in dem das Museum arbeiten kann, ohne das Entschädigungen gezahlt werden müssen. Und angesichts der vielen Funde und der knappen Finanzen ist Gilles sicher, dass er und seine Mitarbeiter nach einer Woche wieder abgerückt wären.

Da der Kanal vermutlich unwiederbringlich verloren ist, kann nur darüber spekuliert werden, wie alt das Bauwerk war. Ortsbürgermeister Rudolf Werwy geht davon aus, "dass der Kanal nur ein paar hundert Jahre alt war". Er glaubt nicht daran, dass es sich bei dem Fund - den er auch selber in Augenschein genommen hatte - um ein historisch interessantes Relikt gehandelt hatte.

Der Dahlemer Paul Kraus glaubt hingegen daran, dass es sich bei dem zu Tage getretenen Kanal um einen Teil eines römischen Abwassersystems handelt. Dieses System führt laut Kraus von der nachgewiesenen römischen Siedlung im Bereich oberhalb der Dahlemer Kirche in der heutigen Hubertusstraße zum Kentelbach in der Brunnenstraße.

Der Dahlemer sieht in dem neuerlichen Fund einen "weiteren Mosaikstein eines nahezu 2000 Jahre alten Infrastruktursystems" seiner Heimatgemeinde. Keltische Fliehburgen in den Distrikten Wehrbüsch und Burgberg, Brandreste eines keltischen Treverer-Tempels, der Fund eines Kultsteines des Gottes Lenus Mars sowie römische Siedlungsreste vom ersten bis vierten Jahrhundert nach Christus sprechen für eine Jahrhunderte lange kontinuierliche Besiedlung der Gemarkung.

Erstmals urkundlich erwähnt wurde die Gemeinde im Jahr 783 als "Dalheym". Dieser Name lässt den Schluss zu, dass der Ort während der Frankenzeit gegründet wurde. Ob es damals schon den wiederentdeckten Kanal gab oder ob er vielleicht "erst" in der frühen Neuzeit angelegt wurde, wird sich wegen des Baufortschritts von Straße und Leitungen wohl nur schlecht klären lassen.