Es ist unabwendbar: Der Kreis vergreist

Es ist unabwendbar: Der Kreis vergreist

2050 ist fern. Und doch lässt sich jetzt schon ablesen, wie sich die Bevölkerung des Eifelkreises bis dahin entwickelt. Statt über 90 000 werden dann nur noch rund 80 000 Menschen hier leben. Ein Drittel von ihnen ist Rentner. Und der Kreis steht vor einer Herausforderung.

Bitburg/Prüm. Wieder ein viel zu heißer Tag. Flimmernd liegt die Hitze über den Brachflächen, die den kleinen Ort umgeben. Nur verrostete Reste von Stacheldrahtzäunen und eingestürzte Scheunen erinnern daran, dass hier einst Bauern Kühe hielten. Gelangweilt auf einer der Hausruinen liegend, beobachtet eine dösende Katze das tägliche Ritual einer der wenigen, die dem Ort treu geblieben ist. Mühsam an Krücken laufend biegt die alte Dame um die Ecke. Bleibt stehen und lässt ihren Blick traurig über die mit Sträuchern bewachsenen Steinhaufen gleiten, die einst schöne Bauernhäuser waren. "Früher war hier alles anders", sagt sie zu der Katze. Früher, so um das Jahr 2010. Da gab es noch Leben im Dorf. Einen kleinen Laden. Einen Bäcker. Einen Arzt. Einen Kindergarten. Tägliche Busverbindungen nach Prüm. Und natürlich das Neubaugebiet, in das sie damals mit ihrem Mann und ihren Kindern gezogen ist.
40 Jahre ist das her. Jetzt leben da in viel zu großen Häusern nur noch Alte, hauptsächlich Frauen und ein paar Freaks, die dem Traum vom ländlichen Leben nachhängen. Eine Zukunftsvision des Jahres 2050. Eine Vision dessen, was in vielen der 235 Dörfer des Kreises passieren könnte, wenn der demografische Wandel den ländlichen Raum so hart trifft, wie düstere Prognosen es vorhersagen …
Womöglich lässt sich dieses Schicksal abwenden. Zwar hat der Kreis die niedrigste Bevölkerungsdichte im Land und enorm viele "Winzlingsgemeinden" (die Hälfte der Orte hat weniger als 200 Einwohner). Doch sind die Bedingungen hier besser als in anderen ländlichen Regionen Deutschlands: Die Eifel ist ein beliebtes Touristenziel, die Arbeitslosenquote ist gering, der Wirtschaft geht es gut, landwirtschaftliche Flächen sind begehrt und auch die sozialen Rahmenbedingungen sind günstig. Zudem will der Kreis mit einem Masterplan Daseinsvorsorge (siehe Extra) dafür sorgen, dass die Lebensqualität auch in Zukunft hoch ist.
Doch daran, dass der demografische Wandel kommt, lässt sich nichts ändern. Weil die Geburtenraten über lange Zeit niedrig waren, werden absehbar immer weniger Menschen im Eifelkreis leben. Eine Entwicklung, die die Statistiken schon jetzt widerspiegeln: Seit 1999 ist die Einwohnerzahl des Kreises nahezu konstant gesunken - von 96 244 auf 94 253 im Jahr 2010. Und dieser Trend wird sich dem Statistischen Landesamt zufolge fortsetzen. Die Statistiker haben auf der Basis des Jahres 2006 unter folgenden Annahmen berechnet, wie viele Menschen 2050 noch im Kreis leben werden: Die Geburtenrate liegt bis 2050 konstant bei 1,4 Kindern je Frau, die Lebenserwartung steigt bis 2050 bei Frauen von 81,6 auf 88,2 Jahre und bei Männern von 76,5 auf 83,6 Jahre und jährlich wandern 5000 Menschen nach Rheinland-Pfalz ein. Unter diesen Voraussetzungen würden 2020 noch 91 141 Menschen im Kreis leben, 2035 noch 85 506 und 2050 nur noch 80 546 - rund 14 000 weniger als jetzt.
Und: Die Menschen im Eifelkreis werden immer älter. Der Prognose zufolge sinkt der Anteil der unter 20-Jährigen von 21,8 (2006) bis zum Jahr 2050 auf 16,3 Prozent ab. Gleichzeitig steigt der Anteil der über 65-Jährigen enorm an: 2006 waren es noch 20,6 Prozent.
2050 wird ein sattes Drittel der Menschen älter als 65 sein (32,9 Prozent). Das bedeutet gleichzeitig, dass sich dann nur noch 50,8 Prozent der Kreisbewohner im erwerbsfähigen Alter zwischen 20 und 65 befinden.
Das heißt auch: Auf 100 Erwerbstätige kommen rund 65 Rentner. Kurz: In Zukunft werden im Kreis deutlich weniger Menschen leben. Und ein Drittel davon werden Alte sein. Unabwendbar. Wie schlimm die Begleiterscheinungen sind, lässt sich hingegen beeinflussen. Es liegt an der Politik - und auch an den Kreisbewohnern selbst - dafür zu sorgen, dass 2050 vom dörflichen Leben mehr übrig ist als Brachen, Ruinen und Erinnerungen. ... Monika Fink, Erste Beigeordnete des Eifelkreises. Welches sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen, die der demografische Wandel im Eifelkreis mit sich bringt? Monika Fink: Die Sicherung der Daseinsvorsorge wie die ärztliche Grundversorgung ist unter den Bedingungen des Bevölkerungsrückgangs eine besondere Herausforderung. Insbesondere im großen und dünn besiedelten Eifelkreis Bitburg-Prüm. Was unternimmt der Kreis, um sich dafür zu rüsten? Fink: Der Eifelkreis verfolgt parallel mehrere Ansätze. Zum einen gilt es, die wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen zu verbessern. Ich nenne hier nur beispielhaft unsere Breitbandinitiative. Denn leistungsfähige Internetverbindungen sind von grundlegender Bedeutung sowohl für kleine und mittelständische Betriebe als auch für die Verbesserung der Wohn- und Lebensqualität in unseren Dörfern. Darüber hinaus ist es aber erforderlich, sich systematisch mit den Auswirkungen des demografischen Wandels auseinanderzusetzen und regionale Anpassungsstrategien zu entwickeln. Erste Schritte in diese Richtung sind mit dem Masterplan Daseinsvorsorge, mit dessen Erarbeitung der Kreistag sich im Herbst befassen wird, getan. Können Sie dem Wandel auch etwas Gutes abgewinnen? Fink: Grundvoraussetzung zur Gestaltung des demografischen Wandels ist, dass wir das Thema positiv angehen und die Menschen in diesem Prozess mitnehmen. Einen noch viel höheren Stellenwert wird aus meiner Sicht das Thema Kooperation einnehmen. Dies gilt sowohl für die Zusammenarbeit über Gemeinde- und Zuständigkeitsgrenzen hinweg, wie auch die Zusammenarbeit der Generationen. Die dörflichen Gemeinschaften und Nachbarschaften werden wieder enger zusammenrücken. kah "Der demografische Wandel ist eine Kernherausforderung für den Eifelkreis", sagt Rainer Wirtz, der das Amt für Kreisentwicklung leitet. Daher will die Verwaltung dem Kreistag im Herbst die Entwicklung eines Masterplans Daseinsvorsorge vorschlagen, der jedoch viel mehr ein Prozess sein soll als ein fester Plan. Am Anfang steht die Erfassung aller Projekte und Initiativen, die es schon gibt, um die Bereiche Bildung, Gesundheit, Wirtschaft, Energie, Gewerbe oder Verkehr zukunftsfähig zu machen und dem demografischen Wandel zu begegnen. Unter der Beteiligung von Bürgern sollen in Workshops dann weitere Ziele und Vorgehensweisen erarbeitet werden. Abzusehen ist, dass eine bessere Internetanbindung, die Innenentwicklung der Dörfer, kommunale Kooperationen oder die Sicherung der ärztlichen Versorgung zu zentralen Themen werden könnten. kah

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