"Es laufen keine zehn Rudi Beckers herum": Kreistag ernennt Ex-Bürgermeister zum Flüchtlingsbeauftragten

"Es laufen keine zehn Rudi Beckers herum": Kreistag ernennt Ex-Bürgermeister zum Flüchtlingsbeauftragten

Der Kreistag hat Rudolf Becker zum Flüchtlingsbeauftragten ernannt - obwohl die Staatsanwaltschaft immer noch wegen des Anfangsverdachts der Untreue gegen den Ex-Bürgermeister der Verbandsgemeinde Speicher ermittelt. Das eine habe mit dem anderen nichts zu tun, sagen die Verantwortlichen.

Bitburg/Speicher. Engagiert war er immer: als Leiter des Sozialamts, als Bürgermeister. Und jetzt hilft er Flüchtlingen - der Mann, der als Chef der Volkshochschule Speicher Geld zweckentfremdet haben soll. Rudolf Becker hat den ehrenamtlichen Job als Beauftragter für Flüchtlingsarbeit des Eifelkreises Bitburg-Prüm angenommen. Die Hand gehoben hat er dafür nicht. Der Landrat habe ihn gefragt, erzählt der ehemalige Bürgermeister der Verbandsgemeinde Speicher. "Ich hab ihm noch gesagt, dass ich lieber warten würde, bis das alles abgeschlossen ist", sagt Becker. Aber Joachim Streit habe ihm gesagt, dass er gerne ihn für diesen Posten hätte.
Noch dauern die Ermittlungen (der TV berichtete) gegen den Ex-Bürgermeister an. Wie der Leitende Oberstaatsanwalt Peter Fritzen sagt, sei das Verfahren noch nicht abgeschlossen. Und damit ist Becker auch noch immer nicht von dem Anfangsverdacht auf Untreue (siehe Extra) befreit. CDU-Kollege Michael Billen - "ich weiß ja auch, wie das ist, wenn so ein Gerücht in der Eifel rumläuft" - ist überzeugt: Becker habe sich damals nicht bereichert. Der erste Kreisbeigeordnete sagt, er sei froh, dass Becker bereit war, den Job zu übernehmen. Der Kreistag habe sich auch einstimmig für ihn ausgesprochen. Becker habe eine lange Verwaltungserfahrung und sei sozial engagiert. "Er ist genau der richtige Mann dafür."
Handhabe über ein Konto habe Becker nicht, sagt Billen: Das Geld laufe über die Verbandsgemeinden, die sich beispielsweise auch um die Unterbringung der Flüchtlinge kümmern. Dem Kreis stehen 50 000 Euro für die Flüchtlingsarbeit zur Verfügung. Becker vertrete den Kreis oder komme dann ins Spiel, wenn mal Probleme auftauchen. Und das, erzählt Billen, "solange der Landrat ihn braucht". Gemessen an dem Flüchtlingsstrom dürfte dies dann einige Zeit sein: 360 Menschen sind im Eifelkreis Bitburg-Prüm zunächst für 2015 angekündigt.
Neben der Vertretung des Kreises etwa in Arbeitsgruppen gehören auch die Unterstützung der Verwaltung oder organisatorische und administrative Aufgaben bei der Betreuung der Flüchtlinge zu den Aufgaben des neu ernannten Beauftragten. Eine Aufwandsentschädigung ist laut Kreis nicht vorgesehen. Lediglich Auslagen wie Fahrtkosten würden erstattet.
Und so begreift sich auch Becker nun als "Scharnier zwischen der Ausländerbehörde beim Kreis und den Kommunen oder Wohlfahrtsverbänden". Bei der Arbeit mit den Flüchtlingen liegt ihm am Herzen, deren Aufenthalt in der Eifel angenehm zu gestalten: "Das sind Menschen, die oft unter Lebensgefahr geflohen sind, und keine Steine, die man hin- und herschiebt."Caritas sieht kein Problem


Ziel sei es, Probleme auf dem direkten Wege und schnell zu lösen, sagt auch Rudolf Rinnen (Kreisbeigeordneter, FWG). "Und für Verwaltungssachen ist Becker ein Schwergewicht." Rinnen steht hinter der Entscheidung: "Wir brauchten eine schnelle Lösung - und mit ihm haben wir eine fachlich qualitative. Es laufen keine zehn Rudi Beckers herum." Beckers Rücktritt als Bürgermeister und die Entscheidungen, die er als Vorsitzender der VHS getroffen habe, hätten damit nichts zu tun - auch wenn, sollten sich die Dinge bewahrheiten, "das dann nicht sauber gelaufen ist".
Einer, der das etwas anders sieht, ist Oswald Krumeich - er sitzt für die SPD im VG-Rat Speicher: "Ich als Rudolf Becker hätte in der jetzigen Situation Abstand davon genommen." Denn wenn die Sache jetzt negativ für Becker ausgehe, dann stehe er da. "Aber vielleicht ist da auch ein Hintergedanke dabei. Vielleicht wird das Politikum für eine andere Sache genutzt."
Bei seiner Arbeit wird Becker auf den Caritasverband Westeifel treffen. Caritasdirektor Winfried Wülferath sieht kein Problem: "Wir haben mit Rudolf Becker in seiner Zeit als Bürgermeister gut zusammengearbeitet und können uns dies auch in seiner Rolle als ehrenamtlicher Flüchtlingsbeauftragter weiter gut vorstellen."
Becker, der, wie er sagt, bislang noch keine negativen Reaktionen erhalten habe, betont: "Ich habe mich immer für Menschen engagiert." Dass er jetzt das Ehrenamt übernommen habe, sei von allen anderen Dingen "völlig unabhängig".Meinung

Es geht um die Sache
Spekulieren kann man jetzt natürlich: ob es wirklich keine anderen Möglichkeiten gegeben hätte, ob der Zeitpunkt richtig gewählt ist - oder ob man nicht vielleicht auch einen verdienten Mann wieder in ein besseres Licht rücken will. Aber das sind eben nur: Spekulationen. Der Kreis hat richtig gehandelt: Manchmal geht die Sache vor. In diesem Fall sind das Hunderte von Menschen, die in der Eifel Obdach suchen. e.blaedel@volksfreund.deExtra

Wegen des Anfangsverdachts der Untreue hat die Staatsanwaltschaft Trier im Mai 2014 die Ermittlungen gegen Rudolf Becker aufgenommen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er die knapp 10 000 Euro, deren Fehlen bei einer Überprüfung der Konten aufgefallen war, bereits aus eigener Tasche zurückgezahlt. Er soll das Geld der Volkshochschule (VHS) Speicher zweckentfremdet haben, um Reisen nach London (2013) und Rom (2012) zu finanzieren, an denen er, seine Frau, leitende Verwaltungsangestellte, Ortsbürgermeister, Beigeordnete und deren Ehefrauen teilgenommen hatten. Die VHS war bis 2013 seiner Verwaltung unterstellt. Ein weiteres Verfahren in diesem Zusammenhang, das allerdings derzeit vor Gericht ausgefochten wird: Kurz vor Ende seiner Amtszeit - Becker trat im Sommer freiwillig zurück - kündigte er der VHS-Geschäftsführerin fristlos. Das Arbeitsgericht befasst sich am 21. April mit deren Klage. eib

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