"Ett jeht emmer wegger"

OLZHEIM-KNAUFSPESCH. 87 Lenze zählt Willi Heup aus Knaufspesch bei Prüm - und er versieht seinen Zustellerdienst treu wie vor 50 Jahren. "Datt mecht mirr emmer noch Spaß" - diese Losung ist bei ihm keine billige Floskel, sondern eine Lebensphilosophie geworden, die von Treue, Verlässlichkeit und Pflichtbewusstsein zeugt. Für den vierten Teil unserer Zusteller-Serie haben wir ihn zur Arbeit begleitet.

 So ging das früher: Willi Heup startete seinen Oldie-Lloyd und fuhr die Zeitung unter die Leserschaft. Am Samstag unseres Besuchs bevorzugte er allerdings den Daimler.Foto: Joachim Schröder

So ging das früher: Willi Heup startete seinen Oldie-Lloyd und fuhr die Zeitung unter die Leserschaft. Am Samstag unseres Besuchs bevorzugte er allerdings den Daimler.Foto: Joachim Schröder

Samstagmorgenin aller Frühe: Das Thermometer zeigt minus sieben Grad,Totenstille im Schneifeldorf Knaufspesch. Willi Heup steht anseiner Haustür und erwartet schon ungeduldig den TV-Mitarbeiter. "Su, well jeet et äwer los", entfährt es ihmspontan. Dann heißt es entweder Tasche umschnallen und per pedesdurch das winterliche Dorf spazieren, aufs Fahrrad steigen oder -wie an diesem Morgen - den Daimler anwerfen und starten. Der87-jährige Senior fühlt sich "fit wie ein Fisch". Seit 1953 trägter den Trierischen Volksfreund aus. Ob bei Regen, Schneeoder Morgensonne: "Datt war emmer su, un datt bleivt su." "Willi, deine Jacke", mahne ich. "Ech broch där keen, ass et dir su kalt?" Bei minus sieben Grad friert es mich, Willi nicht: Er steigt im Pollunder in den Wagen, und ab geht\\\\'s.

Eine lebende Geschichtsquelle

Die Leute im Dorf kennen und schätzen den "guten Willi". Er gilt als gesprächsfreudiger und stets freundlicher Mitbürger, der allen mit einer gehörigen Portion Humor, origineller Schlagfertigkeit und - das gibt er unumwunden zu - Schlitzohrigkeit begegnet. Fest steht: Ihm macht keiner ein X für ein U vor. Das bekommt auch der freie Mitarbeiter der Zeitung zu spüren: Ehe die Fragen gestellt sind, hat Willi schon alles beantwortet: "Jo, ech kan dir eenijes verzelle, hiehr juut zu!"

Schnell, überlegt, erstaunlich rüstig im Kopf und in den Beinen - Willi gibt Ziel und Gesprächsthema an. Der quicklebendige Mann spricht über Kirche und Politik, Dorfgeschichten und Anekdoten. Vieles hat er in seiner langen "Karriere" erlebt: Schönes und Schauriges, Frohes und Trauriges. "Ich bin schon öfters auf die ,Schnauze\\\\' gefallen", das verheimlicht er nicht. "Auch beim Zeitung-Austragen." Aber liegen bleiben zählt nicht: "Et muss emmer wegger jon, un ett jeht emmer wegger." Basta - Willi schaut nach vorne und steuert die nächste Hausnummer an.

Willi Heup ist eine lebende Geschichtsquelle. "Nach dem Krieg war das hier noch etwas anders. Diese Hecke hier habe ich vor 50 Jahren selbst gepflanzt. Die Pflanzen habe ich im Wald gerupft", sagt er und zeigt auf sein ehemaliges Anwesen. Den geborenen Dedenborner verschlug es nach der Rückkehr aus russischer Gefangenschaft 1949 in die raue Schneeeifel, wo er schnell Wurzeln schlug und sich bis heute wohl fühlt.

Willi Heups Vita ist bewegt. "Viele Täler und Höhen habe ich durchlebt." Er war verheiratet und hat drei Kinder. Gerne verweist er auf seinen Pflegedienst, den er seiner Frau hat zukommen lassen. Beide feierten vor wenigen Jahren noch Diamantene Hochzeit, bevor die Ehefrau starb.

Lieblingsthemen des agilen Seniors: Kommunalpolitik, seine privaten Geschichten rund das Bauen, die geliebten Oldtimer und der Karneval. 25 Jahre lang war Willi Heup im Gemeinderat in Olzheim, sorgte mit Witz und Humor für gute Laune. Die bekamen auch die Besucher der Olzheimer Kappensitzung zu spüren: Wenn Willi in der "Bütt" loslegte, blieb kein Auge trocken. Seine Rolle alljährlich: Till Eulenspiegel. Für seine Grabstein-Inschrift nach seinem Ableben ist auch schon vorgesorgt: "Hier ruht der Till, jetzt ist er still" - das sagt er an diesem Morgen rund 20 Mal vor sich hin. "Die Inschrift muss ich noch schriftlich festlegen", sagt er mit ernster Stimme.

Zehn Haushalte hat Willi Heup in Knaufspesch mit der Zeitung zu bedienen. Doch das Dorf zieht sich, etwa eine Stunde ist Willi allmorgendlich unterwegs. Ein treuer Begleiter war ihm in den ersten Jahren sein alter Lloyd, Baujahr 1956, den er extra nochmals zündet. Auch ein Bulldog, Baujahr 1937, stand früher für den Fall bereit, dass meterhoher Schnee kein Vorankommen zuließ. Das Fahrrad kam im Sommer zum Einsatz.

Den Kopf voller Pläne, die Hände voll zu tun

Und was kommt, wenn es mal nicht mehr geht? Nicht verlegen wimmelt Willi ab und sagt, dass er noch Vorhaben und Hobbys genug habe. Der Rentner im Unruhestand hat den Kopf voller Pläne und die Hände voll zu tun: "Oldies, Tiere, Wald… Ich weiß gar nicht, wo ich zuerst anfangen soll", meint Willi, der an diesem Samstag noch eine private "Dienstfahrt" nach Zülpich vorhat. Schließlich sorgt er sich auch noch um eine Partnerin in seinem schmucken Eigenheim.

Die Menschen hier im Schneifeldorf schätzen den Zeitungsboten und seine menschliche Art. Und alle wünschen ihm noch lange Gesundheit und Arbeitskraft. Man mag den Willi eben und möchte ihn noch lange die Zeitung austragen sehen. Auch der TV -Mitarbeiter bedankt sich für die Auskunft, die nette Begegnung und den abschließenden Morgenkaffee mit einem herzhaften Eifeler Schnaps.

Beim Abschied ist es später geworden, aber immer noch früh am Tag. Über den Wäldern geht die Sonne auf. Ein herrlicher klarer Wintertag steht bevor, hier oben in der Schneifel, wo die Menschen die Heimat und die Ruhe schätzen - und den Willi.

In den kommenden Wochen wird die TV -Redaktion weitere Zeitungsboten aus dem gesamten Gebiet der Eifel vorstellen. Im fünften Teil unserer Serie kommen die Eheleute Maria und Johann Baptist Holzem zu Wort, die über ein halbes Jahrhundert lang ihren Heimatort Heyroth morgens mit dem TV versorgt haben.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort