Explosionskatastrophe in Prüm: Gedenken an das Unglück vor 70 Jahren

Explosionskatastrophe von Prüm : Eingebrannt ins Gedächtnis der Stadt

Die Prümer erinnern an den Tag, als auf dem Kalvarienberg ein Munitionslager detonierte.

Es ist das Ende eines schönen Sommertages, als am 15. Juli 1949 in Prüm gegen 19 Uhr die Brandglocke der evangelischen Kirche zu läuten beginnt. In Windeseile macht die Nachricht die Runde: Das Munitionslager unter dem Kalvarienberg brennt. Rasend schnell beginnt man die Stadt zu räumen. Um 20.22 Uhr erschüttert eine gigantische Detonation die Stadt. Als der rote Staub sich legt, klafft ein riesiger Krater in der Eifel – zwölf Menschen verlieren ihr Leben.

Mit einer Gedenkstunde erinnert der Geschichtsverein Prümer Land gemeinsam mit der Stadt am Montag im Konvikt an die Explosionskatastrophe vor 70 Jahren.

Dass der zweite Prümer Untergang auch nach 70 Jahren die Menschen bewegt, zeigt nicht nur die Familienwanderung der Zentralbücherei, bei der am Samstag Jung und Alt zum Kraterrand spazierten und sich von der Zeitzeugin Monika Rolef erläutern ließen, was damals geschehen war. Bis kurz vor Beginn der Gedenkfeier reißt der Strom an Besuchern nicht ab – die Kapelle ist da schon längst bis auf den letzten Platz belegt.

„Bestuhlt ist für 200 Besucher. Das haben wir schon deutlich überschritten“, sagt Andreas Backes, stellvertretender Vorsitzender des Geschichtsvereins Prümer Land (GVPL). Mehr als 50 Gäste stehen noch vor der Tür, als der Vorsitzende Volker Blindert zum Mikrofon greift: „Es tut uns leid, dass nicht jeder einen Platz finden konnte, aber mit einem solchen Andrang haben wir nicht gerechnet“, sagt er. Noch während die letzten freien Stehplätze bezogen werden, stimmt die Bläsergruppe des Prümer Musikvereins das erste Stück an.

„Tief sind die Ereignisse dieses Tages in das Gedächtnis Prüms eingebrannt“, sagt Stadtbürgermeister Johannes Reuschen. Unauslöschlich seien die Erinnerungen der Zeitzeugen, der Krater und auch das Denkmal auf dem Kalvarienberg mahnten auch an die hohe Bedeutung des Friedens.

Wie so viele Städte sei Prüm nach dem Ende des zweiten Weltkriegs stark getroffen gewesen, sagt Blindert. „Etwa 90 Prozent der Stadt waren zerstört doch im Juli 1949 war der Wiederaufbau schon auf einem guten Weg.“ Dann sei das Unglück über die Stadt hereingebrochen. „Die Stadt ist letztlich wieder auferstanden, aber es war die Bevölkerung, die diese Situation wegsteckte und Prüm zu dem machte, was es heute ist – ein schönes Stück Heimat“, sagt Blindert.

Wie lang dieser Weg war, zeigen die nackten Zahlen der Ereignisse. Als es um 20.22 Uhr zur Detonation kommt, lagern schätzungsweise 500 Tonnen verschiedener Sprengstoffe in dem von Nationalsozialisten gegrabenen Stollensystem. „Die Explosion ist so stark, dass sie vom Erdbebenzentrum in Koblenz registriert wird“, sagt Blindert. Geschätzte 250 000 Kubikmeter Schutt werden in die Luft geschleudert, 96 Hektar Land werden lückenlos unter dem roten Gestein des Kalvarienbergs begraben.

Der feine Staub geht selbst im 20 Kilometer entfernten Gerolstein noch nieder. Zwölf Menschen werden bei dem Unglück getötet, mehr als 50 verletzt, etwa 1000 werden obdachlos. Das gerade erst notdürftig eingerichtete Krankenhaus wird stark beschädigt, Schule und Post sowie zahlreiche Wohnhäuser liegen in Trümmern.

Die einschneidendste Veränderung ist aber seitdem am Kalvarienberg zu finden, der schlichtweg zu einem großen Teil verschwunden ist. Mit einer Länge von 190 und einer Breite von 90 Metern gehört er zu den größten menschlich verursachten Kratern der Welt. „Ein trauriger Rekord, aber alle größeren sind Resultate von atomaren Sprengungen“, sagt Aloysius Söhngen, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Prüm, der übrigens wie viele andere Gäste die Feierstunde vom Foyer aus verfolgt.

Nach der Vorführung eines Films von Erich Reichertz erklärt Blindert: „Es ist eine Sache aus zweiter Hand, von den Ereignissen zu berichten oder Bilder anzuschauen, ganz anders wird die Katastrophe greifbar, wenn man Zeitzeugen zu Wort kommen lässt. Vier werden uns heute von ihren Erlebnissen erzählen.“

Als Neunjährige habe sie damals die Explosion miterlebt, sagt Monika Rolef. „Ich erinnre mich sehr gut daran. Wir waren Beeren sammeln, kamen zurück in die Stadt und hörten, dass der Kalleberg brennt.“ Was das bedeute, habe im Grunde jeder in der Stadt gewusst. „Die Nachricht versetzte uns in Angst und Schrecken. Schon lange wurde darüber gesprochen, was dann passiert.“ Mit der Familie sei sie wie fast alle anderen Prümer dann sofort aus der Stadt geflüchtet, „zu Verwandten nach Schönecken“. Vom Burgberg aus habe sie schließlich die Detonation gesehen. „Mein Vater war zu diesem Zeitpunkt schon nach Prüm zurück, um dort den letzten verbliebenen Leuten zu helfen.“ Er sei vor Ort von der Explosion getroffen worden: „Den roten Sand, der sich überall niederlegte, musste er einatmen. Nachher stellten die Ärzte einen Lungenriss fest. Sein Leben war damit ruiniert. Bis er 18 Jahre später starb, erholte er sich davon nicht.“

Zwölf Jahre alt war Maria Tarnow, als der Berg explodierte. „Wir spielten draußen, als Polizei und Feuerwehr durch Prüm fuhren und begannen, die Stadt zu evakuieren“, sagt sie. Bis zum Tettenbusch sei sie mit ihrer Familie geflohen, als es zur Katastrophe kam. „Mein Vater brachte uns danach zum Forsthaus. Dort waren aber so viele Menschen, dass sie uns erst nicht reinlassen wollten“, erinnert sie sich. Erst als er drohte die Tür einzutreten, habe man die Familie noch hineingelassen. „Wir standen dort drinnen wie die Ölsardinen.“

Der damals Elfjährige Josef Hahn spielte Fußball, als er vom Brand erfuhr. „Wir waren auf der Rommersheimer Held, als plötzlich der Knall kam und dann der rote Staub.“ Im schwer beschädigten Zuhause sei der Schrecken schließlich groß gewesen, als auf seinem Bett ein schwerer Stein gefunden wurde. „Er war genau am Kopfteil eingeschlagen.“

Als einer der letzten Prümer war Horst Klein mit 13 Jahren am Bunkereingang. „Nicht lange bevor die Detonation kam.“ Mit seinem Bruder und einem Freund sei er an dem Abend durch Prüm gestromert. „Wie Jungen das halt so machen. Als wir hörten, dass der Kalleberg brennt, waren wir naiv und liefen gleich hoch zum Bunkereingang.“ Wieder zurück in der Stadt, seien keine Menschen mehr da gewesen. „Viele Fenster standen einfach offen. Dann entdeckte uns der Herr Polizist Oberg und sagte, wir sollten so schnell es geht die Stadt verlassen. Er war eines der Todesopfer.“

Der Explosionskrater über der Stadt. Foto: Fritz-Peter Linden
Das Mahnmal. Foto: Fritz-Peter Linden
Erinnerungen an die Katastrophe: das Mahnmal über dem Explosionskrater am Prümer Kalvarienberg. Foto: Fritz-Peter Linden
Gedenken: Die Zentralbücherei unternahm mit vielen Teilnehmern eine Wanderung zm Kalvarienberg. Foto: Rita Hunz
Zur Gedenkfeier im Konvikt kamen deutlich mehr Gäste als erwartet. Foto: Frank Auffenberg

Was schließlich genau den Brand im Bunker verursachte, konnte bis heute nicht geklärt werden. „Es gab Spekulationen über Sabotage, die aber nicht bewiesen werden konnten“, sagt Blindert.

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