Fest verankert in der Eifel

Fest verankert in der Eifel

Maxi-Pfarreien? Für die Prümer Protestanten keine Nachricht: Die evangelische Kirchengemeinde ist, was ihre Fläche betrifft, die größte in Deutschland. Am Dienstag feiert sie das Reformationsjubiläum und lädt alle Bürger dazu ein.

Prüm Wer sich fragt, wie das mit den 33 katholischen Großpfarreien im Bistum Trier dereinst funktionieren soll, könnte ja mal bei den Prümer Evangelen nachhören: Pfarrer Clemens Ruhl leitet nämlich die flächengrößte evangelische Einzelpfarrstelle in ganz Deutschland.
Nachgehört? "Das haben sie schon", sagt Ruhl: Bei einer Dekanatskonferenz im vorigen Jahr, zu der ihn Pastoralreferent Johannes Eiswirth eingeladen hatte. Denn die Eifeler Protestanten - "die kommen ja alle von woanders her" - kennen das: keine Kirche im Dorf, in die man zum Gottesdienst gehen kann. Also müssen sie reisen - eine Erfahrung, sagt Ruhl, an die sich die Protestanten nicht mehr gewöhnen müssten.

Und gerade Ruhls Schäfchen sind wirklich weit verstreut, auf einer Fläche von 750 Quadratkilometern: 1860 Mitglieder hat die Gemeinde in 100 Orten des Altkreises Prüm. 500 von ihnen leben in der Abteistadt, immerhin ein Zehntel der Einwohner, die anderen leben rundherum verteilt, bis nach Neustraßburg, Balesfeld, Neuheilenbach und Preischeid. Vereinzelte Schäfchen meist, mehr sind es in den größeren Dörfern: Etwa 100 Protestanten wohnen jeweils in Schönecken, Bleialf, Waxweiler, Pronsfeld, Weinsheim und Arzfeld.

Mit klugen Kommentaren in Richtung der Katholiken hält sich Ruhl aber trotzdem zurück. Nur so viel: Er rät ihnen, "einen langen Atem zu haben". Und: "Es kommt immer darauf an, die Leute mitzunehmen."
Ob das Bischof und Bistum gelingt, ist noch offen. Unterdessen bereitet Ruhl mit all seinen verstreuten Gemeindemitgliedern den Reformationstag vor - kommenden Dienstag, 31. Oktober, diesmal sogar bundesweit ein Feiertag. Weil: 500 Jahre.

Denn so lange ist es an diesem Tag her, dass Reformator Martin Luther seine Thesen ans Portal der Wittenberger Schlosskirche gehämmert haben soll.

500 Jahre Reformation - immerhin den 200. Geburtstag feiert 2021 die Evangelische Gemeinde Prüm. Dabei standen die Chancen nicht gut, dass man das einmal schaffen würde: "Fast 250 Jahre lang wurden Protestanten immer wieder aus dem Gebiet vertrieben", sagt Pfarrer Ruhl, "manche lebten im Untergrund. Erst nach den napoleonischen Kriegen und dem Wiener Kongress 1815, als das Rheinland preußisch wurde, konnten auch wieder Evangelische in der Eifel siedeln."
Die meisten waren dann auch preußische Beamte, die in in die Region versetzt wurden. Ihnen sei es auch zu verdanken, dass sich die Prümer aus der Gemeinde Trier ablösten und 1821 selbstständig wurden (siehe Info).

Es gebe immer noch Menschen, die mit dem Begriff evangelisch nichts oder wenig anfangen können, sagt Ruhl. "Für manche - wenige - sind wir eine Sekte." Sind sie aber nicht - zumal Ruhl und seine Pfarreiangehörigen nicht in irgendeiner Ecke vor sich hinsektieren, sondern gut im Eifeler Glaubensleben mitmischen.

Dabei habe man festgestellt, "dass Reformation kein Thema ist, das die evangelische Kirche gebunkert hat", sagt der Pfarrer. Eine Fahrt zu den Lutherstätten im Jahr 2015 sei, was die Teilnehmer betreffe, "ökumenisch gut durchmischt" gewesen. "Das Jubiläumsjahr haben wir am 31. Oktober 2016 mit einer ,Nacht der Kirchen' eingeläutet, an der ein großer Teil katholischer Gläubiger teilgenommen hat."

Man feiert gemeinsam Gottesdienste mit der katholischen Pfarrei Prüm und bietet ein ökumenisches Glaubensgespräch, an dem Angehörige beider Gemeinden teilnehmen. Am Freitag dieser Woche leitet Ruhl auch den Gottesdienst, mit dem das Regino-Gymnasium den Reformationstag feiert.

Hinzu kommen allerhand weitere, gemeinsame Termine. Darüber hinaus nutze man "die erfreuliche Möglichkeit, in allen katholischen Kirchen auch evangelischen Gottesdienst feiern zu können, um weiter entfernt wohnenden Menschen entgegenzukommen". Daran nehmen meist auch katholische Christen teil - nicht zuletzt in Gemeinden "mit einem zurückgehenden katholischen Angebot".

Werde ein Protestant beerdigt, sei häufig "das ganze Dorf" dabei. Dann komme es oft vor, sagt Ruhl, "dass der oder die Verstorbene und ich die beiden einzigen Evangelischen im Raum sind".

Ruhl glaubt übrigens, dass es, lebte Luther heute, nicht mehr zur Spaltung kommen könnte: Denn eine Kernaussage des Reformators sei ja, dass der Mensch "aus dem Glauben gerecht wird. Und nicht aus dem Kaufen von Ablassbriefen". Diese Differenzen gebe es heute nicht mehr. Und die zumindest "binnenchristlichen Glaubenskriege scheinen in der Eifel vorbei zu sein", sagt Ruhl und lacht.

Beim Jubiläumsfest am Dienstag, 31. Oktober, sind alle Bürger zum Mitfeiern eingeladen. Dazu hat die Kirche ein großes Programm auf die Beine gestellt: Es beginnt um 10 Uhr mit einem Gottesdienst in der Kirche in der Hillstraße. Es gibt einen Live Escape Room, aus dem man den Reformator mit Knobeleien und Rätselaufgaben "befreien" kann, außerdem ein Geocache-Spiel mit Fragen und Aufgaben zu Luther und Reformation. Luther-Kurzfilme, gedreht von Jugendlichen aus der Gemeinde, sind zu sehen.

Weitere Angebote: Kreativ-Stationen zum Mitmachen, ein Basar, Rezitationen und Lesungen zum Reformationstag. Serviert wird "Essen wie zu Luthers Zeiten", unter anderem "Habermus", Fladen mit Speck und Zwiebeln und "Ritterfleisch". Zu trinken gibt's Apfelmost und Bier.

Und natürlich den "Orgelwein", der verkauft wird zur Finanzierung des neuen Instruments, für das die Kirche derzeit sammelt und mindestens 150 000 Euro braucht.

Der aber ist nicht aus Luthers Zeiten, sondern von heute.KommentarMeinung

Voll normal
In der ehemals tief (und exklusiv) katholischen Eifel ist eine evangelische Kirchengemeinde heute nichts Besonderes. Was für ein Glück - und Beispiel: wo doch in jüngerer Zeit wieder so viele Hetzer und Spalter unterwegs sind, um ihre Hässlichkeiten und ihren populistischen Senf unter die Leute zu bringen. Gelobt sei das Gemeinsame! f.linden@volksfreund.deExtra: DIE ENTWICKLUNG DER EVANGELISCHEN GEMEINDE


Die Evangelische Kirchengemeinde Prüm wurde 1821 gegründet, mit damals 19 Mitgliedern im Raum Prüm, Bitburg, Gerolstein und Daun. 1896 waren es 142, von diesem Datum an firmierte man nur noch als Gemeinde Prüm. 1954 zählte man nach der Aufnahme von Kriegsflüchtlingen bereits 1000 Mitglieder, ein weiteres Wachstum brachten die Spätaussiedler Anfang der 1990er Jahre. Aktuell sind es 1860 Gemeindemitglieder. Mehr dazu und dem Festprogramm im Internet: www.evangelische-kirche-pruem.de