Fliegerbombe am Postplatz entschärft: Und dann war es in Bitburg mucksmäuschen still

Fliegerbombe am Postplatz entschärft: Und dann war es in Bitburg mucksmäuschen still

Einsatzleiter Joachim Kandels atmet auf. Reibungslos ist der Großeinsatz von mehr als 400 Rettungskräften am Sonntag gelaufen. Die komplette Innenstadt samt Krankenhaus musste im Vorfeld der Bombenentschärfung am Postplatz evakuiert werden. Mehr als 1100 Bürger waren davon betroffen.

Es regnet in Strömen, halb Bitburg ist auf den Beinen. Bombenentschärfung.
"Achtung, Achtung, hier spricht die Feuerwehr. Bitte verlassen Sie umgehend Ihre Häuser. In Kürze wird die Bombe am Postplatz entschärft": Mit Lautsprechern ziehen Wehrleute ab 9 Uhr durch die Innenstadt. Die meisten Bürger haben sich auf die Evakuierung bereits eingestellt. "Wir machen es uns hier gemütlich", sagt Werner Meyers, der zusammen mit seiner Frau im Eifelbräu sitzt - das erste Gasthaus im Norden, gleich an der Grenze zum Evakuierungsgebiet. Über Funk informiert unterdessen das THW die Feuerwehr: "Wir haben hier in der Fußgängerzone noch jemand angetroffen, da müsste ein Wagen kommen."

Weit mehr als 100 Funkrufe bearbeiten Anne Schmitz und Andreas Wehner von Feuerwehr in der Wache. "Hier laufen zum Beispiel die Nachrichten ein, ob alle Innenstadtbereiche gesperrt und geräumt sind", sagt Schmitz. In der Wache in Masholder ist das Küchenteam der Feuerwehr seit 8 Uhr am Werk: "Wir versorgen die mehr als 400 Einsatzkräfte", sagt Heinz Faust. Auf dem Speiseplan stehen Nudeln mit Bolognesesoße, zubereitet mit 50 Kilogramm Hackfleisch.

Helfer der DRK-Ortsvereine aus dem gesamten Kreisgebiet versorgen in der Edith-Stein-Hauptschule Patienten, die übergangsweise aus dem Krankenhaus dorthin verlegt wurden sowie all jene Innenstadtanwohner, die kein Ausweichquartier gefunden haben. Die Stimmung ist gelöst. "Das ist wirklich ein toller Service hier. Wir haben Zeitungen, Spiele und werden sogar verpflegt", sagt Katharina Schneiders, die zusammen mit ihrem Sohn in der Schule Zuflucht gesucht hat.

Mit Humor nehmen auch die Krankenhauspatienten in der Turnhalle ihren ungewöhnlichen Zwischenstopp. "Ich möchte den Organisatoren, den Hilfskräften und dem Pflegepersonal ein ganz großes Lob aussprechen", sagt Karl Heinz Kranz, der übergangsweise nun zusammen mit anderen Patienten in der Turnhalle liegt. Selbst den Medienrummel - Vertreter von Fernsehen, Radio und Zeitungen sind vor Ort - nimmt er gelassen: "Langweilig ist das heute hier auf keinen Fall."

Und nebenbei gibt es auch Besuch von Bitburgs Bürgermeister Joachim Kandels, der sich als Einsatzleiter auch in der Schule ein Bild von der Evakuierung macht. Seit 5.30 Uhr ist das DRK-Team um Leiter Matthias Neumann in der Schule mit Aufbauarbeiten beschäftigt. "Dieser Einsatz hier war ja über Tage geplant. Aber, wenn es sein müsste, könnten wir das auch adhoc", sagt Neumann, den es freut, dass sich so viele Freiwillige gefunden haben: "Bei uns haben sich sogar Leute gemeldet und ihre Unterstützung angeboten."

In der Wache der Feuerwehr trifft sich der Krisenstab - letzte Sitzung vor der Entschärfung, die für 14 Uhr geplant ist. Die Innenstadt ist wie leer gefegt. Die einzigen Menschen vor Ort am Postplatz sind Horst Lenz und seine beiden Kollegen vom rheinland-pfälzischen Kampfmittelräumdienst. Warten. Hinter verschlossen Türen wird beraten, Wehrleute sitzen in Einsatzfahrzeugen, um sofort fahrbereit zu sein, falls ein Alarm kommt. Alles wartet auf den Anruf. Den Anruf von Horst Lenz.

Großer Applaus dringt um 14.30 Uhr durch die verschlossene Tür. "Die Bombe ist entschärft", sagt Einsatzleiter Kandels kurz darauf. Aufatmen. Die Gefahr ist gebannt. "Ich danke allen Rettungskräften, die an diesem Einsatz beteiligt waren für die reibungslose Zusammenarbeit. Und auch der Bevölkerung für ihr Verständnis", sagt Kandels. Alle sind erleichtert.

Während Feuerwehr und THW die Straßensperrungen abbauen, beginnt das DRK Patienten und Bewohner zurück zu transportieren. Inzwischen schneit es. Die Innenstadt soll sich an diesem Tag nicht wieder füllen. Lediglich am Postplatz stehen ein paar Schaulustige. Die Kampfmittelräumer hieven die zweieinhalb Zentner schwere Bombe auf einen LKW - Bitburg atmet auf.
Extra

Horst Lenz vom Kampfmittelräumdienst beantwortet Fragen zur Bombe
Warum die Bombe nicht abtransportiert wurde: Viele TV-Leser haben sich gefragt, warum bei dem Blindgängerfund am Postplatz die ganze Innenstadt samt Krankenhaus evakuiert werden musste anstatt die Bombe auf einem Militärgelände, etwa bei Rittersdorf, kontrolliert zu sprengen. Horst Lenz, Leiter des rheinland-pfälzischen Kampfmittelräumdienst, erklärt: "Solche Transporte von Bomben machen wir nur sehr ungern. Zum einen müssten dann entlang der Transportstrecke wesentlich mehr Häuser evakuiert werden. Aber vor allem birgt ein solcher Transport weit mehr Unwägbarkeiten als eine Entschärfung vor Ort mit sich. Schlaglöcher, andere Verkehrsteilnehmer, die sich nicht an die Sperrungen halten und vieles mehr. Wir machen so was nur im äußersten Notfall als letzte Möglichkeit, wenn sich der Blindgänger nicht vor Ort entschärfen lässt und wir sie kontrolliert sprengen müssen."

Wann die Bombe abgeschossen wurde: Nach Auskunft der Stadtverwaltung Bitburg wurde der Blindgänger, der am Postplatz gefunden wurde, wohl um Weihnachten 1944 abgeworfen. Es handelt sich um eine zweieinhalb Zentner schwere amerikanische Fliegerbombe.

Warum Bitburg so starkt bombardiert worden ist: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Bitburg zur "toten Stadt" erklärt. Mehr als 80 Prozent aller Gebäude waren zerstört. Von einst 5570 Einwohnern waren nur noch 74 übrig. Hintergrund der starken Bombardierung war die Ardennenoffensive: Am 16. Dezember 1944 hatte Adolf Hitler diese letzte große Schlacht gestartet - mit dem Ziel, den Hafen Antwerpen einzunehmen, über den die Versorgung der alliierten Truppen lief. Die Amerikaner wiederum griffen Bitburg wie auch weitere Orte in der Westeifel an, um Hitlers Truppen zu stoppen. Vor allem im Winter 1944/45 war Bitburg sehr stark bombardiert worden.
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Foto: Markus Angel


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