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Flüchtlinge an der Oberen Kyll stellen sich den Bürgern vor

Flüchtlinge an der Oberen Kyll stellen sich den Bürgern vor

Besondere Aktion mit besonderen Menschen: In der Verbandsgemeinde Obere Kyll stellen sich Flüchtlinge den Bürgern per "Steckbrief" vor - und unterbreiten ihnen zum Dank ein paar freundliche Angebote.

Sport kann verbinden, auch wenn es dabei vielleicht was auf die Nase gibt. Aber nein: Eigentlich will Azizpouri Bahman genau das verhindern - er bietet nämlich Kindern aus der Verbandsgemeinde (VG) Obere Kyll an, ihnen Grundkenntnisse in der Selbstverteidigung und im Boxen beizubringen.
Gerade ist im Amtsblatt der Kommune Bahmans "Steckbrief" veröffentlicht worden, mit Angaben zu seiner Herkunft (Iran), Familie (Frau und zwei Kinder) und bisherigen Tätigkeiten. Der sanfte und ungemein freundliche Riese ist nämlich Boxer, hat weltweit an großen Wettkämpfen teilgenommen (auch bei der WM 1995 in Berlin), etliche Titel gewonnen, darunter eine Goldmedaille bei den asiatischen Meisterschaften. Und er hat ein Jahr lang einem Staatspräsidenten als Personenschützer gedient: Hassan Rohani.Eine Idee der Kommune


Der Steckbrief, das Angebot: Das Ganze ist eine Aktion, die man sich bei der Kommune ausgedacht hat. "Wir machen das zusammen mit Amiri Bahawoddin", sagt Thomas Brost, Abteilungsleiter Bürgerdienste bei der VG. Der 57-Jährige Bahawoddin ist bei den Salesianern Don Boscos angestellt, im Rahmen des "Bundesfreiwilligendiensts mit Flüchtlingsbezug". Der Afghane, den der TV schon einmal kurz vorstellte, arbeitete in seinem Heimatland 13 Jahre lang als Übersetzer für die Bundeswehr. Deshalb wurde es für ihn dort auch zu gefährlich - jetzt lebt er mit seiner Frau und drei seiner sechs Kinder an der Oberen Kyll.
Dort dolmetscht er für die VG und macht auch sonst so einiges mehr, als er eigentlich müsste: Aber der 57-Jährige sei ein Mensch, sagt Thomas Brost, dem das Helfen "in die Wiege gelegt wurde".
Auch von Bahawoddin, den sie hier alle nur "Herr Amiri" nennen, gibt es einen Steckbrief - und man erfährt darin, dass er auch nicht gerade irgendwer ist: Denn der in Leipzig diplomierte Sportwissenschaftler war unter anderem bereits Trainer der afghanischen Fußball-Nationalmannschaft. Unter extremen Bedingungen: Zu jener Zeit habe der Bürgerkrieg schlimm gewütet, "wir hatten keine Möglichkeit, in der Hauptstadt zu trainieren", erzählt er. Stattdessen habe man manchmal sogar in die Nachbarländer ausweichen müssen.
Den Kindern in der Kommune, egal, welcher Nationalität, bietet er ebenfalls Training an, und zwar in "allen Arten von Ballspielen". Ein Jugendteam des Jünkerather Sportvereins coacht er auch. Und trainiert bei Don Bosco, zusammen mit Azizpouri Bahman (siehe Extra). Und, funktioniert's? Kommen da viele hin? "Ja, natürlich", sagt er. Samstags in der Jünkerather Sporthalle seien meist 15 oder 20 Kinder dabei, auch eine große Gruppe mit Jugendlichen aus Gerolstein komme regelmäßig. Das Gute sei, dass dabei die deutschen und die Flüchtlingskinder einander näherkommen können: "Das ist schön", sagt er.
Auf einem weiteren "Steckbrief" wird sich Mariana Fahim vorstellen: Die 24-Jährige lebt mit ihrem Ehemann in Lissendorf - und arbeitet mittlerweile im Altenheim "Haus Burgberg". Denn dort schlug sie sich während eines Praktikums, für das die VG sie empfohlen hatte, so gut, dass sie jetzt eine feste Anstellung hat. Man sei im Altenheim, sagt Bürgermeisterin Diane Schmitz, ganz begeistert gewesen, zumal die junge Frau anfangs kein Wort Deutsch gesprochen habe. "Aber dann hat sie das in ein paar Monaten gelernt."
Man habe Mariana einfach diese Chance geben müssen, sagt Carmen Kirwel-Bleicher, die Leiterin des Heims: "Sie hat eine sehr einfühlsame Art. Und viel Achtung vor den alten Menschen." Das mache sie bei Bewohnern wie Kollegen beliebt. Noch arbeitet Mariana Fahim auf 450-Euro-Basis. "Aber bei der nächsten freien Stelle werden wir sie höherstufen", sagt Carmen Kirwel-Bleicher. Mariana Fahim bietet unter anderem an, Kinder bei Besuchen im Altenheim zu begleiten. Denn: "Es gefällt mir sehr gut hier", sagt sie. Die Chefin sei sehr nett - und überhaupt: "Alle Leute sind sehr lieb hier."
Weitere "Steckbriefe" sind in Vorbereitung.Meinung

Viel zu bieten
Die Steckbrief-Aktion an der Oberen Kyll scheint weit und breit die einzige dieser Art zu sein. Und sie ist vorbildlich: Weil sie zeigt, dass wir uns mit Menschen auf der Flucht nicht nur Probleme einhandeln. Sondern eine Bereicherung. Nein, nicht immer. Aber, man möchte es manchen gern hinter die Ohren schreiben: Da kommen Menschen. Und sie gehören beschützt. Dass sie auch noch so viel zu bieten haben, ist ein schöner Nebeneffekt. f.linden@volksfreund.deExtra

Kinder und Jugendliche, die Lust haben, bei Amiri Bahawoddin in der Sporthalle der Graf-Salentin-Schule Jünkerath mitzutrainieren, können das jeden Samstag von 16 bis 18 Uhr tun. Dort bietet Azizpouri Bahmangleichzeitig auch sein Programm zur Selbstverteidigung für Kinder an. Das Gleiche machen die beiden auch auf der Anlage der Salesianerpatres von Don Bosco im Wald bei Jünkerath: Jeden Dienstag und Mittwoch, von 17 bis 19 Uhr. Informationen erteilt Thomas Brost bei der Verbandsgemeinde unter Telefon 06597/16131. fpl