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Flut in der Eifel weckt die Hilfesbereitschaft der Menschen

Hochwasser : Auf die Flut folgt die Solidarität - Große Hilfsbereitschaft in der Eifel

Das Ausmaß der Hochwasser-Katastrophe ist auch am Wochenende nach der Flut kaum überschaubar– was aber jetzt schon klar ist: die Menschen rücken in der Krise enger zusammen und helfen sich, wo es nur geht.

„Man liest, sieht und hört so viel, meinen Sie die Brücke ist sicher und hält“, sagt Inge Stumpe und deutet auf die Nimsbrücke nördlich des Forums im Flecken in Schönecken. Ihre Sorge dürfte zwar unberechtigt sein, das massive Bauwerk hat der Flut gut standgehalten, doch sie ist durchaus nachvollziehbar. „Wer hätte schließlich Mittwoch gedacht, dass der Weg zwischen Forum und Nims einen Tag später nicht mehr ist“, sagt sie und schaut in Richtung Dorfplatz. Dort, wo am Abend der Katastrophe bis zum späten Abend Touristen, Einwohner und auch Retter im Grunde durchgehend entlangliefen, ist nichts mehr. Nur noch die Reste des Geländers hängen über dem Gewässer. Der Promenadenweg ist weg.

Wenige Meter weiter läuft Schöneckens Bürgermeister Johannes Arenth durch den historischen Dorfkern – die enge Ortsdurchfahrt liegt parallel zur Nims. Während die bergseitige Straßenseite weitestgehend verschont blieb, gingen die flusswärts gelegenen Häuser in kürzester Zeit unter. Auch die Verwüstungen am Ortseingang sind am Samstagmorgen noch eine Herausforderung für alle freiwilligen Helfer, die sich über das Internet und Mund-zu-Mund-Propaganda zusammen fanden. Um 8 Uhr am Samstagmorgen traf man sich und strömte dann aus.

Im Minutentakt fahren Traktoren und Pritschenwagen an Tanja Backes Haus vorbei. Einer hält, eine Gruppe Männer macht sich gleich an die Arbeit und räumt zerstörten Hausrat und Müll, der vor dem Haus abgestellt wurde, fort. „Angesichts dieser Hilfsbereitschaft weiß ich gar nicht, was ich sagen soll. Ich bin einfach nur dankbar“, sagt sie. In kürzester Zeit sei ihr Haus abgesoffen. „Die untere Etage wurde komplett geflutet. Küche, Heizung und alles andere sind hin. Vorhin standen zwei fremde Frauen vor der Tür, boten ihre Hilfe an und seitdem räumen wir auf“, sagt sie. Die Rührung über die selbstlosen Helfer steht ihr ins Gesicht geschrieben. „Wie es weitergeht? Ich weiß es nicht. Finanziell ist das Ganze noch überhaupt nicht zu überschauen. Heut bin ich froh, dass das Haus wieder einigermaßen normal aussieht.“

Ein Wasser dieser Art sei einzigartig, so einzigartig wie die Solidarität, die den Opfern entgegengebracht werde, sagt Regina Wallesch. „Nicht nur der Nachbarschaft. Es sind fremde Leute aus Köln angereist, um uns zu unterstützen“, sagt sie. Ihr Haus sei verschont geblieben. „Glücklicherweise und trotzdem habe ich mir vorgenommen, dass wenn das nächste Mal etwas passiert, ich ebenso helfen werde.“ Ortsbürgermeister Arenth bestätigt: „Viele Helfer sind von außerhalb. Es ist echt Wahnsinn, auch was Unternehmen an Hilfe auffahren – an Maschinen, Helfern und Geräten.“ Dieser Zusammenhalt sei einfach toll.

Überall in der Eifel sind Hochwasseropfer, Helfer und Nachbarn überwältigt vom Zusammenhalt. Auch in Waxweiler beherrscht geschäftiges Treiben, das Brummen von schwerem Gerät und das Gefühl gemeinsam großes zu leisten, den Samstag. „Das was passiert ist, ist schlimm, aber ein Trost ist das Gefühl, dass die Menschen zusammenstehen und sich helfen“, sagt Bianca Zimmer. Auch sie sei als Helferin vor Ort. „Und wenn die Leute nicht selber anfassen, dann versorgen sie uns mit Kaffee, Kuchen oder sogar Pizza. Das Miteinander ist gerade einfach fantastisch, auch wenn die Verwüstungen schlimm sind“, sagt Hermann Josef Endres. Unten an der Brücke zum Wehr erahne man das ganze Ausmaß und es sei erschreckend. „Viele ältere sagen, es sehe aus wie nach dem Krieg und sie haben nicht unrecht.“

Tatsächlich zeigt sich ein Bild der Zerstörung rund um das ehemalige Mühlenwehr. Teile eines Gebäudes sind weggerissen, die Sportplatzbrücke hielt den Wassermassen der Prüm nicht stand. Sie wurde fortgetragen und setzte sich an der Wehrbrücke fest. Die wiederum steht, obwohl sämtliche Aufbauten zerstört sind. Flussabwärts versucht ein Helfer einen an einem Brückenpfeiler gestrandeten Autoanhänger aus dem nun wieder flacheren Fluss zu bergen. Fast hat er ihn hochgezogen, da fällt der Anhänger in sich zusammen, rutscht zurück ins Wasser und wird fortgetragen. „Die Prüm ist halt noch immer nicht auf normalem Stand“, sagt ein junger Feuerwehrmann – er klingt nüchtern und etwas verzagt. Er sei seit Mittwoch im Einsatz, schlafen sei in solchen Situationen Luxus. „Aber irgendwie geht das. Man macht einfach weiter.“ Auch er lobt den Einsatz der Eifeler und hilfsbereiten Besucher. „Das so viele mitmachen ist eine große Hilfe und schön.“

Diese Welle der Solidarität begann übrigens nicht erst, nachdem das Ausmaß der Katastrophe am Donnerstag immer deutlicher wurde – sie setzte wie das Team des Gesundheitszentrums Neuerburg es erleben durfte, gleich am Morgen nach der Flut ein. „Das ganze untere Geschoss war geflutet. Glücklicherweise ist niemandem im Haus etwas passiert, noch nachts konnten Aggregate aufgestellt werden, um den Strom für unsere Beatmungspatienten zu sichern, aber es war alles dreckig und mit einer Schlammschicht bedeckt“, berichtet Mitgeschäftsführer Ingo Jakschies, der mit Alexander Schaal die Geschäfte des Hauses führt. Und dann sei die Überraschung gekommen: Noch bevor Alexander Schaal einen Plan zur Säuberung schmieden konnte, ging die Tür auf und zwanzig Menschen standen bei uns, um aufzuräumen. „Größtenteils Frauen aus der direkten Nachbarschaft. Sie waren teils selber betroffen, bevor sie aber ihre Häuser reinigten, kamen sie zu uns um dabei zu helfen, den Betrieb aufrechtzuerhalten.“ Diese starke Solidarität habe ihn sehr gerührt.

Doch nicht nur tatkräftig wollen die Menschen helfen, auch die Zahl von Sachspenden übersteigt jegliche Vorstellung. Zum Mittag des Samstags sah sich der Eifelkreis gezwungen einen Aufruf zu veröffentlichen mit der Bitte, vorerst von Sach-, Kleidungs- und Lebensmittelspenden abzusehen.

Der Kreisbeigeordnete Rudolf Rinnen erklärt: „Wir sind überwältigt von der gut gemeinten Solidarität innerhalb und außerhalb unserer Region und sogar aus weit entfernten Gebieten Deutschlands. Allerdings mussten wir heute einen dringenden Aufnahmestopp für Sachspenden aussprechen.“ Vor allem müsse vermieden werden, dass viele Tonnen Lebensmittel, die ohne vorherige Abfrage bereits auf dem Weg nach Bitburg gewesen seien, am Ende vernichtet werden müssten. „Daher die eingehende Bitte, dass weder beim Katastrophenschutzzentrum in Bitburg noch an anderen kommunalen Stellen im Eifelkreis Bitburg-Prüm Warenspenden angenommen werden können.“

Da der Katastrophenfall für den Eifelkreis Bitburg-Prüm aufgehoben wurde, wurde auch das Bürgertelefon vorläufig eingestellt. Weitere Anliegen der Bürger werden von der Kreisverwaltung koordiniert, heißt es in einer Pressemitteilung von Sonntagnachmittag.