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Frische Brötchen und Kinderspielplatz: Die Holsthumer packen an, wo die Gemeinde nicht kann

Frische Brötchen und Kinderspielplatz: Die Holsthumer packen an, wo die Gemeinde nicht kann

Ein Fahrdienst, eine Bücherzelle, ein Seniorentreff - der Holsthumer Stephan Weber hat große Pläne für sein Dorf im Eifelkreis Bitburg-Prüm. Wie er sie realisieren will? Mit Hilfe des ganzen Ortes. Alle sollen mitmachen beim neugegründeten Bürgerverein.

Wenn Stefan Weber am Sonntagmorgen seine Haustür aufmacht, wird eine Tüte frische Brötchen auf der Schwelle liegen. Und das zum allerersten Mal. Denn bislang fand das Bäckerauto aus Irrel seinen Weg nicht auf die Holsthumer Höhe. "Lohnt sich nicht", hieß es, wenn ein Einwohner sich seine Backwaren dort bestellen wollte. Und so mussten die Dörfler am Wochenende stets die acht Minuten hinunter nach Irrel tingeln, um an ihre Vollkorn-, Roggen- oder Weizensemmel zu kommen. Doch jetzt soll es sich eben doch lohnen.

Der Grund: Der Bürgerverein Holsthum hat eine Sammelbestellung in Auftrag gegeben. Es ist eine simple Rechnung. Für fünf Brötchen fährt das Bäckerauto nicht ins 600-Seelen-Dorf auf dem Berg, für ein paar hundert schon.Jetzt schon 80 Mitglieder

Das Brötchenproblem ist das erste, das der - um im Bild zu bleiben - frischgebackene Bürgerverein lösen konnte. Gegründet wurde er erst am 6. November. Und an jenem Tag bangte Stefan Weber noch, ob sich überhaupt genügend Freiwillige finden würden, die mitmachen wollen bei dem Verein. Doch die Sorgen waren unbegründet: Sieben hätte es gebraucht, mehr als 50 waren zur Gründungsfeier gekommen. Inzwischen, nur wenige Wochen später, zählt der Bürgerverein schon 80 Mitglieder.

Was sie bewegt? Sie wollen ihr Dorf für die Zukunft wappnen und Projekte realisieren, für die die Gemeinde kein Geld hat. Und das findet auch Ortsbürgermeister Heinz Faust angesichts der leeren Kassen sinnvoll. Er unterstützt die Arbeit des Vereins, ist selbst Mitglied, stellt aber klar: "Ich berate den Vorstand nur und stimme nicht mit ab." Der Verein solle schließlich "kein Selbstbedienungsladen für die Gemeinde" sein, sondern etwas für die Bürger tun. Und was will man so tun?

Einige Beispiel: Der Jugendraum soll renoviert werden, der Spielplatz braucht neue Geräte und auch für die Senioren will man etwas tun. "Die brauchen einen Treffpunkt", sagt Weber. An Ideen mangelt es dem 42-Jährigen und seinen Mitstreitern beileibe nicht. Ein Bürgerbus, eine Bücherzelle und neue Bushäuschen - das wäre was.

Und wie wollen die Eifeler das alles finanzieren? "Über die Mitgliedsbeiträge allein wird das natürlich nicht klappen", gibt der Vorsitzende zu. Aber man hoffe auch auf Spenden: "Das geht natürlich alles nicht über Nacht." Aber wer nicht träume, der erreiche auch nichts. Und ein Verein, der in Holsthum anpackt - das ist ein Traum, der schon lange in Webers Kopf herumschwirrt. Denn der Holzingenieur liebt sein Heimatdorf. Nur für das Studium hatte er es einst Richtung Oberbayern verlassen müssen. Er konnte dann aber "Gott sei Dank" wieder zurückkehren.Konkurrenz für andere Vereine?

Fünf Jahre lang arbeitete er, auch im Gemeinderat, auf die Gründung eines solchen Vereines hin. Und jetzt hat er es endlich geschafft - auch mit der Unterstützung der Ideengruppen der Initiative "Zukunftscheck Dorf". "So konnte man auch einige junge Leute mit ins Boot holen", sagt Weber: Vom 20-Jährigen bis zum Mitfünfziger sei auch im Vorstand alles vertreten. Aber auch sonst ist man breit aufgestellt: Neben der Senioren- und Jugendarbeit setzen sich die Mitglieder für die Infrastruktur, die Umwelt, den Sport, das Brauchtum, Bildung, Kunst, Kultur, kurz gesagt für ungefähr alles ein, was in und um Holsthum passiert.

Das komme aber nicht unbedingt bei allen im Dorf gut an, weiß Weber. Da gebe es schon den ein oder anderen, der sage: "Wír haben so viele Vereine im Ort. Braucht es da noch einen weiteren?" Ja, meint der 42-jährige Familienvater. Denn einen wie diesen gebe es eben noch nicht. "Der Anglerverein kümmert sich um die Fische, der Musikverein um die Musik und wir eben um das große Ganze", sagt er. So verstehe man sich auch nicht als Konkurrenz für die Vereine, sondern als Bindeglied. Man wolle erreichen, dass alle besser zusammenarbeiten, sich vernetzen - egal ob Einheimischer oder "Zugezogener", Vereinsmensch oder Eigenbrötler.

Ach so, und apropos Brötchen: Vielleicht kann eine Tüte voller duftender Backwaren am Morgen die Kritiker ja milde stimmen. Wer mitmachen will beim Bürgerverein kann sich unter E-Mail: buergerverein@holsthum.de bei Stefan Weber melden.Meinung

Machen statt meckernWir kennen sie alle, die Meckerer, die Jammerer, die Nörgler, die, die sich abgehängt fühlen auf dem Dorf. Und sie haben ja auch Grund dazu: Die jungen Menschen ziehen weg, Supermärkte, Praxen und Apotheken schließen. Vom Beschweren allein wird es aber nicht besser. Hier greift ein alter Spruch: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es - leere Gemeindekassen hin oder her. Wie das geht, machen die Holsthumer jetzt vor. Doch in so einem Bürgerverein selbst anpacken bedeutet Arbeit. Arbeit, die sich die allermeisten nicht machen wollen. Andernorts scheitern solche Bürgergruppen nämlich oft an zu geringer Beteiligung. Umso beachtlicher, dass es in Holsthum geklappt hat, so viele für die Idee zu begeistern. Weiter so! Also, liebe Nörgler: Folgt dem guten Beispiel. Lieber machen, statt meckern. c.altmayer@volksfreund.de