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Luftkurort
Fünf Orte im Eifelkreis leisten sich teures Prädikat

 Hier kann man durchatmen: im Stadtpark in Neuerburg. Auch die Prümer halten einen Kurpark vor. Und das müssen sie auch, um Luftkurort zu bleiben.
Hier kann man durchatmen: im Stadtpark in Neuerburg. Auch die Prümer halten einen Kurpark vor. Und das müssen sie auch, um Luftkurort zu bleiben. FOTO: TV / Christian Altmayer
Kyllburg/Neuerburg/Prüm. Fünf Gemeinden im Eifelkreis dürfen sich Luftkurort nennen. Der Titel kostet sie alle paar Jahre viel Geld. Lohnt sich das? Von Christian Altmayer
Christian Altmayer

Neuerburg liegt in einem Tal. Ringsum die Stadt: nichts als Bäume. Hindurch schlängelt sich die Enz. Wer hier einen Atemzug nimmt, riecht Holz, Gras und den Fluss. Was nicht in die Nase kriecht, sind Abgase und Emissionen. Denn die Gemeinde liegt nicht nur fernab großer Straßen. Im Ort rauchen auch keine Fabriken, kein Bauer bringt Gülle aus. Man mag es bedauern, dass es hier kaum Landwirtschaft und nur wenig Gewerbe gibt. Der Luftqualität schadet das aber nicht.

Die Neuerburger haben es seit gut 50 Jahren schriftlich, dass ihre Luft besonders rein ist. Die Stadt in der Südeifel gehört nämlich zu den fünf staatlich anerkannten Luftkurorten im Eifelkreis. Die anderen vier sind Bollendorf, Kyllburg, Irrel und Prüm. Zum Vergleich: In der Vulkaneifel sind es zwei, im Kreis Bernkastel-Wittlich vier und im Trierer Raum nur eine Gemeinde, die den Titel tragen. Ist die Luft im Eifelkreis also sauberer als bei den Nachbarn?

Belegbar ist das nicht. Luftkurort kann nämlich jede Gemeinde werden, die die Voraussetzungen erfüllt. Nachweisen muss ein Dorf, dass die Luft rein ist, dass es gut erreichbare Kureinrichtungen, Parks und Sportanlagen und wenig Verschmutzung durch Verkehr und Industrie gibt. Dieser Nachweis kostet allerdings Geld. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) will sich in Luftkurorten regelmäßig umschauen. Und das macht die Behörde nicht umsonst. Der Stadtrat von Neuerburg hat im Februar 2018 einer Untersuchung zugestimmt. Kostenpunkt: 7000 Euro. Wer das Prädikat erhalten will, muss mindestens alle zehn Jahre einer Messung  zustimmen. Alle drei Jahre laden manche Gemeinden, etwa Kyllburg, den Deutschen Wetterdienst zu einer weiteren Begehung ein. Dafür verlangen die Fachleute 2000 Euro.

Und damit nicht genug. Denn die Anerkennung als Luftkurort kostet nicht nur Geld, sondern auch Mühe, wie der Kyllburger Stadtbürgermeister sagt: „Was wir selbst alltäglich tun, um dafür zu sorgen, dass es passt, kann man nicht in Zahlen fassen.“ Er meint damit etwa das Einsammeln von Müll und die Pflege des Naturparks am Stiftsberg, der „grünen Lunge“ der einst bedeutenden Kurstadt. Die Irreler unterhalten sich laut Bürgermeister Heinz Haas regelmäßig mit Schornsteinfegern darüber, was aus den Schloten rauskommt. Bei „negativen Auffälligkeiten“ würde die Gemeinde auf eine Umrüstung oder einen Austausch etwa einer Heizung drängen. Auch der Verkehr darf in einem Luftkurort nicht fließen wie überall sonst. „Wir haben in fast allen Gemeindestraßen Tempo 30 angesetzt“, sagt der Kyllburger Bürgermeister Krämer. Dadurch versuche die Stadt, Lärm und Abgase zu reduzieren.

Doch zahlen sich diese Bemühungen aus? Wenn es nach den Ortsbürgermeistern geht schon. Krämer: „Ja, nicht nur die Luft ist hier nachweislich besser als andernorts, sondern die gesamten Umweltbedingungen.“ Und das sei spürbar: „Fahren Sie mal in einen Ballungsraum. Sie werden Ihr blaues Wunder erleben. Der Unterschied zwischen Berlin und Kyllburg – das ist der Hammer.“ Auch Heinz Haas sagt, er könne von der guten Luft in Irrel nur schwärmen.

Aber wäre die nicht auch ohne teure Gutachten zu haben? Sollten sich stark verschuldete Gemeinden wie Neuerburg und Kyllburg das Zertifikat leisten? Der Kyllburger Bürgermeister sagt: „Wenn nicht, kämen weniger Besucher zu uns.“ Auch die Neuerburger, Irreler und Bollendorfer setzen auf den Gesundheitstourismus und das Marketing-Prädikat.

Aber fließt der Fremdenverkehr wirklich der Nase nach? „Der Titel Luftkurort hatte in den siebziger Jahren Bedeutung“, meint ein Sprecher der Tourist Information Prüm: Heute habe das Prädikat keinen so hohen Stellenwert mehr. Das heiße aber nicht, dass es wertlos sei: „Es gibt Touristen, vor allem Großstädter und Senioren, denen die Luftqualität am Urlaubsort wichtig ist.“ Mit Zahlen belegen könne er dies nicht, sagt der Mitarbeiter, er gehe aber davon aus, dass der Titel sich auszahle: „Ansonsten würden wir nicht empfehlen, regelmäßige Messungen zu machen.“

Maria Arvanitis von der Tourist Information Bitburger Land sieht die Sache skeptischer: „Das Prädikat wird von den Orten gerne als Marketinginstrument verwendet. Aber dafür reist niemand extra an.“ Für Kyllburg würde sich das Prädikat nur dann lohnen, wenn der Ort einen stärkeren Schwerpunkt auf das Thema „Kur“ legen würde:. „Das ist derzeit nicht so. Da müssen wir in Zukunft stragetisch draufschauen.“

 Dieses Schild begrüßt jeden, der nach Neuerburg fährt.
Dieses Schild begrüßt jeden, der nach Neuerburg fährt. FOTO: TV / Christian Altmayer